Münchner Kammerspiele Stefan Pucher und Tarun Kade über "Vernon Subutex"

"Das Leben des Vernon Subutex" in den Kammerspielen. Foto: Arno Declair

Die Kammerspiele zeigen eine Theaterversion der Romantriologie "Vernon Subutex" von Virginie Despentes. Ein Interview mit dem Regisseur Stefan Pucher und dem Dramaturgen Tarun Kade.

München - Vor großen Romanstoffen hat Regisseur Stefan Pucher sich nie gescheut. An den Kammerspielen hat er sowohl T.C. Boyles "América" adaptiert als auch "Exil", den dritten Teil von Lion Feuchtwangers "Wartesaal"-Trilogie. Mit "Das Leben des Vernon Subutex" nimmt er sich nun einen weiteren literarischen Riesenbrocken vor.

 

Im Zentrum von Virginie Despentes preisgekrönter Romantrilogie steht ein ehemaliger Plattenladenbesitzer, der finanzgeschwächt aus seiner Wohnung fliegt und zunächst bei Freunden unterkommt, um schließlich auf der Straße zu landen. Im zweiten Band entwickelt Vernon sich zum Guru, der als DJ die Menschen bei sogenannten Convergeces in Trance versetzt. Im dritten Band, angesiedelt nach den Attentaten im Pariser Club Bataclan", droht die Gemeinschaft zu zerfallen.

Despentes taucht in unzählige Perspektiven ein, vom Ex-Pornostar bis hin zum Drehbuchautor mit rechtsradikalen Ansichten. Wie will man das auf die Bühne bringen? Einige Antworten geben Pucher und sein Dramaturg Tarun Kade. Heute ist Premiere.

AZ: Herr Pucher, wo haben Sie und Ihr Team angesichts der 1200 Seiten starken Vorlage angesetzt?
STEFAN PUCHER: Unser Ansatz war zunächst mal, dass wir die Bücher gelesen haben und ganz toll fanden. Dann mussten wir entscheiden, ob wir nur einen Band adaptieren. Mir war aber schnell klar, dass es schwierig ist, nur einen Teil zu nehmen, weil die Figuren sich im Lauf der Trilogie stark verändern und so nur ein unvollständiges, zu negatives Bild entstehen würde. Eine Figur wie die "Hyäne", die im ersten Band noch eine äußerst skrupellose Figur ist – jemand, der sich dafür bezahlen lässt, Leute im Internet zu diffamieren –, macht in den Folgebänden eine Wandlung durch.

Der Roman zerfasert dabei von Anfang an. Wie lässt sich daraus eine Dramaturgie entwickeln?
TARUN KADE: Wir haben im Grunde eine Abfolge von Positionen erstellt. Die Bühne ist eine Art Versammlungsraum, eine Stätte für Diskurse, Gespräche, Auseinandersetzungen. Die Bücher wirken ja wie drei Staffeln einer Serie. Jedes Kapitel ist eine Folge, für die man jeweils an einen anderen Ort gehen könnte. Bei uns findet aber alles an einem Ort statt, wo die Figuren sich begegnen können.

STEFAN PUCHER: Die einzelnen Kapitel haben ja auch die Form der Rede, des Vortrags, können als Monologe verstanden werden. So unterschiedlich die Figuren sind, haben sie doch alle das Gefühl, dass etwas falsch läuft in der Gesellschaft, und versuchen dafür Worte zu finden. Despentes gibt dabei jeder ihrer Figuren eine große Ausdrucksstärke und das Vermögen, sich selbst zu reflektieren.

Die Trilogie ist dabei wirklich ein Meisterwerk der Einfühlung.
PUCHER: Ja, Wahnsinn. Ich glaube auch, dass ein Teil von Despentes in jeder Figur drinsteckt. In ihrem Manifest "King Kong Theorie" stellt sie gleich am Anfang fest, dass sie für die Hässlichen schreibt, für die Aussätzigen, für alle, die durch das gesellschaftliche Netz gefallen sind, und zählt sich selbst zu diesen Menschen. Die Figuren kommen zwar aus allen gesellschaftlichen Schichten, aber alle sind irgendwie versehrt, leiden unter Einsamkeit, sind Außenseiter. Wir sind es ja gewohnt, bestimmte Perspektiven auszublenden, aber Despentes lässt sie ihren Standpunkt formulieren.

Für den gesellschaftlichen Zerfall macht sie jedes Lager verantwortlich, die Rechten wie die Linken.
TARUN KADE: Ja, es gibt Figuren, die sagen, dass die Linke es verpasst hat, eigene Themen zu setzen und sich rechte Perspektiven angeeignet hat. Sélim, der sich als Muslim in Frankreich integriert hat und frankophil wirkt, erzählt, dass selbst die linken Professoren an seiner Universität nur noch über Kopftücher und Immigration sprechen. Im Roman ist auch alles vom Kapitalismus bedroht, sogar die Erzählung selbst: Der Filmproduzent Dopalet will aus der ganzen Geschichte eine Serie machen. Lustigerweise wird gerade wirklich eine Subutex-Serie gedreht – und das Theater greift zu…

Ist es nicht ein Problem, Herr Pucher, wenn ein Mann das Werk einer feministischen Autorin inszeniert?
PUCHER: Da bin ich der Falsche, den Sie fragen. Ich fand den Stoff einfach toll.

Man könnte sich auch fragen, wieso Virginie Despentes einen Mann als Hauptfigur gewählt hat.
PUCHER: In einem Interview hat sie diese Frage bereits beantwortet: Weil ein männlicher Held mehr Bücher verkauft.

TARUN KADE: Die Erfahrung zeigt, dass ein Roman mit einer Frau im Zentrum automatisch als Roman über Frauen gelesen wird. Einen Roman mit einem Mann im Zentrum liest man dagegen als Roman über die Gesellschaft. Vorher wurde Despentes als feministische, subkulturelle Skandalautorin rezipiert. Jetzt empfindet man sie als Gegenposition zu Houllebecq: eine Frau, die einen Gesellschaftsroman wie Balzac geschrieben hat.

Vernon Subutex wird laut Besetzungszettel von Jelena Kuljic gespielt.
STEFAN PUCHER: Ja, wir haben lange darüber nachgedacht und waren uns einig, dass wir nicht einen präpotenten männlichen Darsteller für diese Rolle haben wollen. Jelena ist zudem eine großartige Musikerin, was uns einige Möglichkeiten eröffnet: Vernon mischt als DJ bei den Convergences immer auf zwei Quellen ab. Wir haben nun einen Plattenspieler auf der Bühne – und Jelenas Stimme.

Die Aussichten im Roman sind, besonders am Ende, ziemlich apokalyptisch.
STEFAN PUCHER: Ja, vor allem gibt es diese Angst, dass das System irgendwann endgültig kollabieren wird. Ich glaube, diese Angst ist in Deutschland noch viel ausgeprägter als in Frankreich. Man hat das Gefühl, dass die Demokratie auseinanderfällt, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Despentes weist darauf hin, dass der Kapitalismus es geschafft hat, von sich selbst abzulenken: Die Fenster der großen Banken sind so verspiegelt, dass alle Blicke zurückreflektiert werden. Dann sind die Ausländer wieder die Schuldigen. Aber niemand sprengt die Banken in Luft.

Bei aller Endzeitstimmung wirken die Convergences wiederum wie eine utopische Ersatzreligion.
STEFAN PUCHER: Ja, aber es ist schlau von Despentes, dass sie das nicht so benennt. Sie ist sicherlich nicht so naiv zu glauben, dass man sich irgendwo im Wald trifft, auf Handys und Drogen verzichtet, dafür Musik anhört und tanzt, und plötzlich wird alles anders. Aber irgendwie merken alle, dass etwas verloren gegangen ist. Es entsteht dann in der Gemeinschaft eine positive Kraft, die alle teilen.

Womit das Theater als passender Gemeinschaftsort für diese Romanadaption erscheint.
STEFAN PUCHER: Ja, man denkt sich, da ist ein Text, der es wert ist, sich gemeinsam mit ihm zu beschäftigen. Dann versucht man, alles unter einen Hut zu kriegen, dass eine Gruppe entsteht.

KADE: Ich denke auch oft, dass sich im Stadttheater, bei allen Konflikten, weiterhin eine Stadtgesellschaft trifft, die sich mit dem, was von der Bühne widergespiegelt wird, auseinandersetzt. Dabei hält man aus, dass man nicht unbedingt derselben Meinung ist. So ähnlich macht das Virginie Despentes auch im Roman: Sie kreiert eine Öffentlichkeit, die trotz starker Differenzen im Gespräch bleibt.
    
Premiere am 28. März in der Kammer 1 der Kammerspiele

 

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