Münchner Kammerspiele René Pollesch über "Passing" und die Berliner Volksbühne

Wofür diese Spinne steht? Falsche Frage! Die Spinne war ein Vorschlag der Bühnenbildnerin und wurde zum Ausgangspunkt für René Polleschs Inszenierung. Foto: Thomas Aurin

Nach sechs Jahren zurück in München: René Pollesch inszeniert „Passing“ an den Kammerspielen und übernimmt nächstes Jahr die Berliner Volksbühne

 

Über sechs Jahre ist es her, dass René Pollesch „Gasoline Bill“ an den Kammerspielen inszenierte, damals noch unter dem Intendanten Johan Simons. Während der Ära Lilienthal glänzte Pollesch in München mit Abwesenheit, war weiterhin an diversen anderen Orten unterwegs, bevorzugt in Berlin, wo er ab der Spielzeit 2021/2022 die Leitung der Volksbühne übernimmt. Jetzt hat Pollesch doch noch mal die Kurve nach Bayern genommen: Mit fünf Ensemblemitgliedern und zwei Gästen entwickelt er das Stück „Passing – It’s so easy, was schwer zu machen ist“ für die Kammer 1. Das Interview mit dem Regisseur findet in den Katakomben der Kammerspiele statt, neben einer Probebühne, auf der eine riesige Holzspinne steht.

AZ: Herr Pollesch, für was steht die Spinne?
RENÉ POLLESCH: Also, das fragen wir uns gar nicht, sondern eher, was können wir ganz praktisch damit anfangen.

Dann ist die Spinne ein Ausgangspunkt?
Wie immer bei uns hat die erste Autorschaft die Bühnenbildnerin oder der Bühnenbildner. Ich habe eines Tages Nina von Mechow besucht und sie hat mir für die Zusammenarbeit hier am Haus dieses Bühnenbild gezeigt: eine Riesenspinne, die aus dem Schnürboden kommt und auf dem Boden landet. Oben auf der Bühne der Kammerspiele besteht sie aus einer Stahlkonstruktion und geflochtenem Korb, den Adrian Bette hier vom Haus mit gebaut hat. Diese Spinne hat dann sehr viel losgetreten bei uns. Zum Beispiel gibt es jetzt auch ein Spinnrad, an dem Kathrin Angerer einen Faden spinnen wird.

Mit einer Spinne verbinde ich auch eine gewisse Angst.
Also, es heißt ja, dass Spinnen so ein bisschen die übermächtige Mutter verkörpern.

Darüber muss ich dann wohl mit meiner Therapeutin reden. Den Begriff des Passings kennt man auch aus der afroamerikanischen Literatur, im Sinne von „passing for white“. Es geht in dem Stück darum, dass sich jemand eine andere Identität erspinnt?
Oder eine eigene Geschichte, ja. Wir haben während der Proben ein Buch von Donna Haraway gelesen, „Staying with the trouble“. Darin spricht sie von dummen phallischen Geschichten, die alles, außer den Helden, zu Requisiten degradieren. Sie sagt dagegen, es geht immer darum, was man selbst nicht ist und dass man gerade dort weitermachen muss. Und sie entwirft eine andere Art des Erzählens, in denen Wesen mit reichlich Tentakeln und Fingern vorkommen, und Fäden, die alles durchziehen und eher eine materielle Bedeutungsfülle produzieren als eine interpretatorische. Sie sucht nach Verwandtschaften unter den Wesen, die nicht nur durch die gerade Linie von Fortpflanzung geprägt ist.

Wobei es um eine Verwandtschaft mit Tieren und Pflanzen geht.
Ja, vor allem mit anderen Spezies. Das Thema „Passing“ finde ich deshalb wirklich hart, weil es den Gedanken berührt, dass wir authentische Wesen sind, die widerspruchslos die eigene Sexualität oder die kulturelle Zugehörigkeit als Wahrheit über uns anerkennen. Wenn wir das nicht machen, sagt der gesunde Menschenverstand, dann kommen wir nicht zu uns. Es gibt Zeitungen, die schreiben bei einem Outing von bekannten Persönlichkeiten immer noch, dass jetzt erst wirklich dessen oder deren Leben anfängt. Passing bezeichnet eine Art von Trickstertum: eine Täuschung, einen Betrug, der aber ein unvermeidbares Mittel ist, um sich über herrschende Normen hinwegzusetzen und an ein besseres Leben heranzukommen.

Sie betrügen gerne?
Nein, ich selbst bin kein guter Betrüger, ich bin ja so ein authentisches Wesen. Aber ich habe großen Spaß an Betrügern, weil sie regelmäßig zu meiner größeren Lebensintensität beigetragen haben.

Neben Ihren Inszenierungen bereiten Sie wohl gleichzeitig Ihre Intendanz an der Berliner Volksbühne vor. Haben Sie sich vor der Bewerbung Mut angetrunken?
(lacht) Nein. Ich hatte Anfang September 2018 eine Premiere am Deutschen Theater in Berlin mit „Cry Baby“. Zuvor hatte ich ein Interview im Radio. Da hieß es auf einmal, „ach, Fabian Hinrichs hat gesagt, sie sollten Intendant der Volksbühne werden. Sie wären die beste, nachhaltigste Lösung!“ Ich meinte, Intendant? Nein! Nach dem Interview las ich auf Twitter Überschriften im Stil von: „René Pollesch – er wird jetzt doch kein Intendant“. Ich dachte mir: Moment mal, kein Mensch hatte mich gefragt. Warum tun die jetzt nach dem Interview so, als hätte ich zur Debatte gestanden und abgelehnt. Denn das hätte ich nicht. Und dann dachte ich, dass ich Verantwortung übernehmen sollte. Ich habe dann mit ein paar Menschen gesprochen, mit denen ich oft zusammenarbeite, und wir haben uns dann beworben. Am Deutschen Theater in Berlin geht es uns sehr gut, es ist tatsächlich ein neues Zuhause geworden. Aber es blieb halt trotzdem die Sehnsucht nach dieser unglaublichen Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Sie werden jetzt die Mutterspinne der Volksbühne.
Das Tolle bei Donna Haraway ist ja: Sie hat dieses Tragetaschen-Modell. In den phallischen Geschichten gibt es immer den einen Helden, der alle anderen zu Nebendarsteller*innen degradiert. Haraway will aber Geschichten, die wie Tragetaschen funktionieren, in denen alle mitgenommen werden. Wir versuchen an der Volksbühne ein solches Tragetaschen-Modell. Ich habe mich als Theaterautor um die Intendanz beworben, zusammen mit Menschen, mit denen mich eine Arbeitspraxis verbindet. Das möchte ich auch gerne klarstellen: Ich wurde nicht gefragt und habe mich dann geziert, sondern wir haben das betrieben.

Ihr Vorgänger Chris Dercon hat die Volksbühne ziemlich an die Wand gefahren.
Also, ich denke, sie waren einfach nicht gut vorbereitet. Das versuchen wir besser zu machen, und ein paar von uns kennen die Volksbühne eben sehr gut. Und dieses Haus funktioniert eben anders als andere.

Haben Sie jetzt Frank Castorf, der jahrzehntelang die Volksbühne leitete, nicht als Vorbild im Kopf?
Nein. Unsere Bewerbung grenzt sich auch stark von Castorf ab. Er war ein toller Volksbühnen-Intendant, kein Diktator, der mir gesagt hat, was ich tun und lassen soll. Aber er war letztlich die eine Einzelfigur, auf die das ganze Theater konzentriert war. Das war nicht unangenehm, das gibt’s an anderen Theatern ja auch. Ich hielt auch Regie führende Intendanten für die besten, jedenfalls für mich, aber mich hat immer gestört, wenn ein Regie führender Intendant sich die Rosinen herauspickt, so auf die Art, ich haue drei Mega-Produktionen raus und die anderen dürfen auf Holzbänken inszenieren. Das werden wir nicht tun.

Haben Sie nicht das beklemmende Gefühl, Sie müssen eine große Vision für die Volksbühne hinlegen?
Also, das sind Dinge, die habe ich durch meine Volksbühnensozialisation mit der Muttermilch aufgesogen: Es wird kein Spielzeit-Motto geben. Es wird kein Jahresbuch geben. Wir wollen ein Haus sein, das wichtige Künstler*innen an sich bindet, ohne eine Etage im Theater, die generalstabsmäßig etwas plant.

Es könnte schmerzhaft sein, wenn Sie nicht mehr so oft Regie führen können.
Ach, ich kann schon viel machen. Ich werde im ersten Jahr vermutlich drei Stücke inszenieren, zwei an der Volksbühne, eins woanders. Ich werde wahrscheinlich nicht mehr so viel verdienen wie früher.

Bitte?
Ja! Bis jetzt hab ich eben an sehr viel mehr Häusern gearbeitet.

Haben Sie keine Angst vor dieser Aufgabe?
Nein, Angst habe ich nicht. Ich bin ja mit der Volksbühne vertraut. Viele von uns teilen eine gemeinsame Arbeitspraxis, die wir jetzt auf die Leitung eines ganzen Hauses übertragen wollen. Es gibt eine Verbindung zu sehr vielen Leuten, eine Loyalität untereinander. Ich weiß, dass ich da nicht allein gelassen werde.

Also keine Kamikaze-Aktion.
Nein, das nicht. Wenn ich die Bayreuther Festspiele übernommen hätte, das wäre Kamikaze gewesen.

Haben Sie eigentlich die Diskussion um die Kammerspiele mitverfolgt?
Ja, ich habe viel mitgekriegt. Ich muss sagen, Matthias und ich sind nicht die besten Freunde, aber wir haben uns auch bislang nur dreimal im Leben getroffen. Jetzt natürlich öfters. Dann ist er wegen diesen unschönen Nicht-VerlängerungsAndrohung vonseiten der CSU gegangen und ich habe ihn sofort angerufen: Matthias, wenn du magst, ich habe noch einen Termin frei, kannst dir überlegen.

Also: Dank der CSU inszenieren Sie jetzt wieder an den Kammerspielen?
Ja, würde ich sagen. Und witzig ist jetzt, dass das Haus, während man hier probt, so gut aufgestellt ist wie nie.

Die Kammerspiele unter Lilienthal hatten ja lange Probleme, mit dem Münchner Publikum warm zu werden. Was meinen Sie: Sollte ein Theater sich ans Publikum anschmiegen oder die Menschen herausfordern?
Das Theater sollte sich niemals an die Zuschauer anschmiegen. Wenn ich mich an jemanden anschmiege, läuft der sowieso gleich weg. Das geht gar nicht.

Vielleicht ist das in Berlin anders als in München.
Das ist in Berlin komplett anders. Das kann man nicht bringen. Dann ist man die uncoolste Sau der Welt. Du musst was machen, mit dem die nicht gerechnet haben. Du kannst keinen Service anbieten. Ein Theater ist kein Dienstleistungsunternehmen.

Aber eine richtige Provokation zu bauen, ist auch nicht leicht.
Es geht gar nicht um Provokation. Auch die ganzen Spieler*innen, die ich kenne – die wollen nicht schocken, aber sie setzen sich dem Publikum nun mal nicht auf den Schoss. Ich überlege auch nicht, was könnte ich dem Zuschauer jetzt vorsetzen. Da würde ich sterben, wenn ich das denken würde.

Sie sind weiterhin unglaublich produktiv. Proben Sie weiterhin tagsüber und schreiben nachts?
Ich probe ja tagsüber gar nicht so lange. Es ist an vielen Theatern, so auch hier an den Kammerspielen üblich, dass man von 10 bis 14 Uhr und dann von 18 bis 22 Uhr probt. Ich probe nur einmal am Tag, vier Stunden. Am Nachmittag und abends schreibe ich. Und nachts schlafe ich, natürlich.

Das klingt beruhigend. Träumen Sie eigentlich nachts vom Theater?
Oft, ja. Ich habe nach der Pressekonferenz zur Intendanz dauernd geträumt, dass ich mir alles Mögliche ansehe, dass ich ununterbrochen irgendetwas plane. Das waren ganz pfiffige Träume. Die besten Ideen hatte ich aber beim Aufwachen dann wieder, Gott sei Dank, vergessen. Michael Stadler

Premiere am 29. Februar, 20 Uhr in der Kammer 1. Weitere Aufführungen am 2., 7., 24. und 30. März, Karten gibt es unter Telefon 233 966 00


 
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