Münchner Kammerspiele „Passing“ von René Pollesch mit Kathrin Angerer und Thomas Schmauser

„Passing – It’s so easy, was so schwer zu machen ist“ von René Pollesch in den Kammerspielen. Foto: Thomas Aurin

René Polleschs neues Stück „Passing“ mit Kathrin Angerer und Thomas Schmauser in der Kammer 1 der Kammerspiele

 

Die konservative, aber berechtigte Frage, worum es in „Passing – It’s so easy, was so schwer zu machen ist“ gehe, lässt sich leicht beantworten. Keineswegs um eine Handlung mit fest gefügten Figuren. Sondern um das in René Polleschs Autorentheater Übliche: den Kapitalismus, seine Widersprüche sowie die Unmöglichkeit von Liebe, politischem Theaters und der Schauspielkunst an sich. Und diesmal speziell um die These, dass die Schönheit des proletarischen Theaters dialektisch in amerikanischen B-Movies aufgehoben sei.

Womit wir schon bei der allgegenwärtigen Spinne wären, die gleich zu Beginn aus dem Schnürboden der Kammer 1 herabschwebt, nachdem der Vorhang mit den bayerischen Rauten für immer verschwunden ist. Sie ruft Erinnerungen an Jack Arnolds schwarz-weißen Katastrophenfilm „Tarantula“ von 1956 wach. Aber der ist nicht so kompliziert, dass man ihn wirklich vor der Aufführung noch einmal sehen müsste.

Kathrin Angerer sorgt für den Sound

Natürlich steht die Spinne auch für das vom Hundertsten ins Tausendste Kommen des netzartig assoziativen Texts. Aber letztlich sind die Inhalte in „Passing“ zweitrangig. Die schnell gesprochenen Wortmassen transportieren vor allem einen Sound. Für den sorgt zuallererst Frank Castorfs Primadonna assoluta Kathrin Angerer.

Die Berliner Volksbühnenlegende plappert mit Kleinmädchenstimme über komplizierteste Sachverhalte. Anfangs würde man gern mal auf die Stopptaste drücken, um über den einen oder anderen Pollesch-Satz nachzudenken. Dann aber steigen verklärende Erinnerungen an die gute alte und wilde Zeit des Berliner Theaters der Neunziger auf. Man lässt die Inhalte durchrauschen und lauscht nur noch dem puren Klang des Gesagten.

Schöner als ein Seminar

Auf solche Widersprüche will Pollesch hinaus. Und natürlich auf die „Präsenz“ des Romanisten Hans-Ulrich Gumbrecht und samt ihrer Bedeutung für das postdramatische Performen, das „Passing“ besser erklärt als jedes theaterwissenschaftliche Seminar. Weshalb es wahrscheinlich klüger gewesen wäre, den wie immer selbst inzenierenden Dramatiker für die Eröffnungspremiere der zu Ende gehenden Ära Lilienthal zu gewinnen statt nun für eine ihrer Abschiedsvorstellungen.

Nicht alle Darsteller leben den Widerspruch so perfekt wie Kathrin Angerer und der fragile Damian Rebgetz, der als Sheriff herumläuft, obwohl er für dieses Amt eine komplette Fehlbesetzung ist. Thomas Schmauser changiert zwischen dem Regisseur eines B-Movies und einem Schauspieler, der einen typischen B-Movie-Regisseur mimt. Und irgendwie hat er auch einen Parteiauftrag der guten alten DKP.

Benjamin Radjaipour gibt im historischen Nadelstreif einen Theoretiker des Proletarischen Theaters der Zwanziger Jahre mit etwas zu bürgerlichem Hintergrund, während die Syrer im Westernkostüm vor allem Wortmusik beisteuern. Sie wird nur teilweise übertitelt, weil Übertitel im Theater eigentlich nur sagen, dass Schauspieler ihren Text „ablatschen“, wie es in der Aufführung einmal so schön heißt.

Der Hinterleib des Insekts fungiert als uteraler Korbsessel, in den sich sieben Darsteller immer wieder zurückziehen, um sich per Live-Video (Amon Ritz) auf die Rückwand übertragen zu lassen. Das „Passing“ nichts mit dem schönen Münchner Stadtteil zu tun habe, wird zum Leitmotiv. Das mit dem Begriff gemeinte Prinzip der permanenten Umwälzung aller kapitalistischen Verhältnisse illustriert kurz die Ruine des Münchner Hauptbahnhofs.

Stehlt weinend euch aus unserem Bund!

Gegen Ende siegt das industrielle Hollywood machtvoll über das alte Menschentheater. Kamel Najama kämpft gegen die Spinne wie Siegfried mit dem Drachen. Dann wird er geschrumpft und von einem Kätzchen angefaucht. Kinan Hmeidan darf vergeblich gegen den Vorspann des Thrillers „Zwei Minuten Warnung“ antanzen. Da ist gar nichts dialektisch, da macht der kapitalistische Film ganz brutal das den Marktzwängen weitgehend enthobene Theater platt.

Sagen wir mal so: Wen die Frage umtreibt, wieso der Hollywood-Rebell John Cassavetes mal mit dem Reaktionär Charlton Heston im gleichen Film aufgetreten ist und wem die Antwort „Wegen Geld“ womöglich zu platt wäre, wird bei Pollesch sehr reell bedient. Sentimentale Gefühle für die Berliner Volksbühne, ein Studium der Theaterwissenschaft und die alte Liebe zu B-Movies helfen auch.

Dann kann „Passing“ ein ziemlicher Spaß sein. Wer vom Theater aber klassische Menschendarstellung samt Einfühlung erwartet, stehle weinend sich aus dem Bund der Amüsierten und meide bis zum Ende der Spielzeit die Münchner Kammerspiele.

Wieder heute, 20 Uhr, sowie am 7., 24. und 30. März. Karten online oder unter Telefon 233 966 00
 

 

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