Münchner Kammerspiele "Oracle" von Susanne Kennedy in der Kammer 2

Marie Groothof (links), Thomas Hauser und Ixchel Mendoza Hernandez in der psychedelisch-farbenfrohen Kammer 2. Foto: Judith Buss

Susanne Kennedy inszeniert die Ausstellung „Oracle“ in der Kammer 2

 

Spätestens seit ihren „Drei Schwestern“ wissen wir, dass Susanne Kennedy das Theater zu eng ist. Zunehmend suchte und sucht sie die Nähe zur Bildenden Kunst. Mit ihrer Tschechow-Übermalung im vergangenen Jahr nutzte sie den Guckkasten der Kammerspiele für spektakuläre und bühnentechnisch höchst anspruchsvolle Farbräume, in denen ein entpersonalisiertes und entpsychologisiertes Ensemble zu Zitaten aus den „Drei Schwestern“ agierte. Als in diesem Frühjahr für die Kammer 2 eine Rauminstallation angekündigt wurde, erschien das nur konsequent.

Es war anzunehmen, dass Kennedy die Rezeption einer Ausstellung der Perspektive eines Publikums im Parkett vorziehen werde. Eine Theatervorstellung verlangt den stationären Zuschauer, der einem Geschehen auf einer Spielfläche kontinuierlich folgt. Der Ausstellungsbesucher ist autonomer und kann selbst darüber entscheiden, wie viel Aufmerksamkeit er für die einzelnen Exponate aufwenden will. Doch das „Oracle“ von Kennedy ist zwar ein Rundgang durch einen inszenierten Raum, aber die Autorität der Regisseurin, die die Aufmerksamkeit steuert und die Zeit streng taktet, bleibt ungebrochen.

Honigkuchenpferde from outer space

Das wäre auch so gewesen, hätte man den Premierentermin im April halten können. Inzwischen wurde die Kontrolle des Besuchers seuchenbedingt lediglich verschärft: Alle sechs Minuten wird eine Person auf den Parcours geschickt. In den 35 Minuten behält man seinen Nase-Mund-Schutz auf und die Figuren, die man trifft, grinsen irre hinter vor Aerosol schützenden Visieren wie Honigkuchenpferde from outer space. Sie begrüßen den Eintretenden mit Nettigkeiten wie „I like you. You’re very special“ (Englisch ist an dieser Weihestätte Amtssprache), säuseln aber auch etwas davon, dass man sterben wird, bevor man stirbt.

Doch sie sind ungefährlich und haben offenbar nur eine Überdosis Selbsterkenntnis genascht, die an diesem Ort versprochen wird. Mit ihrem Bühnenbildner Markus Selg baute Kennedy einen Ort des Orakels, in dem – so orakeln die Künstler im Programmzettelbeitrag – „die transformative Kraft von Paradoxien mithilfe künstlicher Intelligenz“ untersucht und erforscht werden soll. Das dazu entworfene „Setting“ schwebt ästhetisch zwischen der Ausstattung eines billigen Science-Fiction-Films der 60er-Jahre und dem überambitionierten Innendesign einer Wellness-Oase.

Esoterisches Raunen

Wie in einer solchen wird man zunächst auf einer Liege platziert, um vom von Richard Janssen produzierten und schwerst psychedelisch dröhnenden Sound durchspült zu werden. Weitere Reinigung verspricht ein „Inkubator“, dessen ansonsten völlige Dunkelheit von Stroboskopblitzen durchzuckt ist. Dann erst trifft man auf das Orakel selbst, dem man drei Fragen stellen darf. Die Pythia ist hier ein sprechendes Tablet mit lernendem Betriebssystem.

Schon am ersten Abend beherrschte es esoterisches Raunen wie „So lange du die Frage kennst, wirst du die Antwort nicht verstehen“. Aber für Erkenntnisgewinn ist Kennedys „Oracle“ ohnehin nicht geeignet. Das Priesterpersonal ist zu lästig, seine Kleidung zu albern, die Botschaften sind zu naiv und die ganze Zeit über herrscht ein Lärm wie an der Landshuter Allee. Dafür wird schon nach wenigen Minuten klar, wie nah das Erhabene dem Lächerlichen sein kann. Aber für Satire ist das Werk zu wenig lustig.

Münchner Kammerspiele, Kammer 2, bis morgen, Einlass zwischen 18 und 22 Uhr, Karten gibt es unter Telefon 23396600

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading