Münchner Kammerspiele Leonie Böhm über die "Räuberinnen"

„Die Räuberinnen“ erkunden Schillers Spieltheorie: Eva Löbau (links), Friederike Ernst, Sophie Krauss, Gro Swantje Kohlhof, Julia Riedler. Foto: Judith Buss

Premiere in den Kammerspielen: Leonie Böhm inszeniert "Die Räuberinnen", frei nach Schiller

 

An den Kammerspielen hat Leonie Böhm zuletzt den guten alten "Faust" ins Heute der Cloudrapper transportiert und schaffte es dabei ganz wunderbar, dem angestaubten Goethe ein bisserl die weiße toxische Männlichkeit auszutreiben. "Yung Faust" war prompt zum Radikal-jung-Festival 2019 im Volkstheater eingeladen.

Beim Festival für junge Regie war Böhm zuvor schon einmal zu Gast, mit "Nathan die Weise" – ein Titel, der verrät, dass sie gerne mal ausprobiert, wie das ist, wenn man die Geschlechterzuordnungen neu sortiert. Jetzt nimmt sie sich Schillers "Die Räuber" vor und macht daraus "Die Räuberinnen", mit Gro Swantje Kohlhof, Sophie Krauss, Eva Löbau und Julia Riedler als Spielerinnenteam in der Kammer 1.

AZ: Frau Böhm, Sie haben ein Faible für Klassiker. Woher kommt dieses Interesse?
LEONIE BÖHM: Also, mir gefällt an diesen klassischen Texten, dass sie eine lange Tradition und Aufführungsgeschichte haben – insofern kann ich davon ausgehen, dass das Publikum den Inhalt dieser Stücke meist schon kennt, dass sie damit bereits Erfahrungen gemacht haben. Dadurch kann ich mir einzelne Aspekte heraussuchen und auf ihnen inszenatorisch herumkauen, ohne befürchten zu müssen, dass die Zuschauer nicht wissen, worum es eigentlich insgesamt geht.

Welcher Aspekt ist das jetzt bei Schiller?
Ich finde Schillers Spieltheorie ziemlich schön, besonders den Gedanken, dass man über das Spielen nach einer Freiheit suchen kann. Bei den "Räubern" geht es stark darum, wie man zu einer Form von Freiheit kommt, auch wenn diese Suche in Gewalt und Vereinzelung endet.

Das Stück handelt von zwei Brüdern: Der eine, Franz, intrigiert gegen den anderen, Karl, woraufhin Karl von seinem Vater verstoßen wird und eine mörderische Räuberbande gründet. Alle streben nach Macht. Was passiert denn, wenn man das mit einem Frauenteam inszeniert?
Genau dieser Frage wollen wir nachgehen. Wir wollen diese Sprache, auch diesen Umgang mit Macht erforschen. Wie können die Spielerinnen mit diesen männlichen Gesten umgehen und wollen sie das überhaupt? Was wollen wir reproduzieren und was nicht, was wollen wir umdichten? Was passiert mit Schillers Worten, wenn sie nicht ein Mann, sondern eine Frau auf der Bühne spricht? Mit solchen Fragen haben wir uns während der Proben auseinandergesetzt.

Bei "Yung Faust" entstanden einige queere Lesarten. Ist das bei Schiller nun so ähnlich?
Die Frage, ob das queer ist, interessiert mich gar nicht so. Das sind vor allem Interpretationen von außen. Mich interessiert der mutige, handelnde Mensch, der versucht, einen größeren Handlungsspielraum zu erlangen. Dabei entsteht vielleicht eine andere Bildwelt, die sich von normierten Sehweisen unterscheidet. Aber ich möchte nicht grundsätzlich Queerness herstellen, sondern frage mich eher, wie die Spielerinnen in ein fantasievolles Miteinander kommen.

Ihr Team ist jetzt, auch was die Dramaturgie, die Kostüme, die Musik oder das Bühnenbild angeht, durchweg weiblich.
Ja, ich wollte mal nur mit Frauen zusammenzuarbeiten, weil ich das zuvor auch noch nie gemacht habe. Ich bin aber nicht mit einer bestimmten Vorstellung herangegangen; ich denke, wenn ich ein Stück besetze, noch nicht an ein bestimmtes Ergebnis. Und finde es total schwer zu sagen, was das heißt: eine Frau zu sein. Obwohl ich selbst eine Frau bin, finde ich das gleichzeitig völlig abstrakt. Mich hat einfach interessiert, was passiert, wenn die Denkweisen mehrerer Frauen auf diesen Stoff treffen, wie kriegen wir daraus ein Stück konstruiert.

Im Stück bekämpft hingegen jeder jeden und ist, selbst in der Räuberbande, letztlich allein.
Ja, die Figuren sind wenig an einem aufrichtigen Dialog interessiert. Es gibt kaum zärtliche, intime, offene Zweierbegegnungen – was mich aber am Theater total interessiert: dass man vorurteilsfrei mit der anderen Person in den Moment hineingeht. Den Radikalisierungsprozess im Stück möchte ich nicht reproduzieren. Wie Gewalt zwischen Menschen entsteht, davon wird ohnehin unentwegt erzählt. Wir wollen untersuchen, welche sozialen Möglichkeiten in dem Stück zu finden sind. Wie das wäre, wenn wir uns zum Beispiel gegenseitig viel mehr unsere Todesängste, unsere Eifersüchte, unsere Scham und Ängste zeigen und kommunizieren würden.

Das klingt nach einem sehr utopischen Projekt.
Auf jeden Fall. Es wäre total schade zu sagen, dass das nicht möglich ist. Im Stück sieht man natürlich viel eher, wie schnell das geht, dass man sich zurückzieht, so wie Karl, der die Räuberbande gründet und sich radikalisiert – das ist ein problematisches Sozialverhalten.

Sind Sie selbst in einem Elternhaus groß geworden, wo Rebellion notwendig war?
Ich würde sagen, Rebellion war bei mir nicht notwendig. Ich habe sehr verständnisvolle Eltern, die beide in Lehrberufen arbeiten und mich immer sehr stark unterstützt haben. Ich empfinde aber in mir ganz stark bestimmte internalisierte Bestrafungs- und Bewertungsmechanismen, so dass ich unentwegt meine eigene Kritikerin, mein eigener Feind bin. Das hat vielleicht auch was mit Frausein zu tun, das weiß ich nicht genau, aber ich zensiere mich jedenfalls häufig selbst. Deshalb beschäftigen mich diese Fragen: Wo liegen die Grenzen zwischen mir und den anderen, welche Emotionalität hat die andere Person, wo bin ich gerade mit meinem Gefühl. Mich würde interessieren, ob es nicht eine Sprache gibt, die genau das abbildet, was wir wirklich empfinden.

Hat die Suche nach dieser Sprache nun den Text verändert? Ist alles Schiller?
Also, es ist fast alles Original-Schiller. Aber wir haben stark gesampelt und haben vor allem die wenigen utopischen Momente, die im Stück sind, wie so Klumpen herausgefischt. Dann gibt es noch textfreie Vorgänge, die natürlich auch etwas erzählen. Und die Bühne. Und die Kostüme.

Obwohl Franz so zerstörerisch ist, wirkt er fast sympathisch, weil Schiller ihn auch immer wieder sein eigenes Handeln reflektieren lässt. Bei welcher Figur liegt Ihre Hauptsympathie?
Auch bei Franz. Ich finde es einfach sehr toll, wie analytisch er denkt. Im Grunde wirft er für sich ganz essenzielle Fragen auf: Ist es möglich, durch die Kraft meiner Gedanken den eigenen Gefühlshaushalt zu verändern? Kann ich, wenn ich meine eigenen Muster reflektiere, zu einem emanzipierten Menschen werden? Er zielt zwar darauf ab, seinen Vater umzubringen, aber wenn man seine Motivationen verändert, ist er vor allem jemand, der viele gestalterische Ideen hat und Schritt für Schritt versucht, an sein Ziel heranzukommen. Das finde ich auch inspirierend.

Als Regisseurin möchten Sie wohl auch ein Ziel erreichen. Wie definieren Sie für sich Autorität?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das funktioniert. Oder wie es bisher gemacht wurde, auch wenn es dazu viele Erzählungen gibt. Ich habe in Kassel für ein Jahr hospitiert und assistiert…

…aber Sie haben keine Hospitanz bei Frank Castorf gemacht.
Nein, zum Beispiel nicht. Aber natürlich beschäftigt mich diese Frage, wie man mit Macht umgeht oder, besser, wie man ein gemeinsames Ziel erreicht. Und ich kann mir das auch nicht anders vorstellen, als dass das Ergebnis einer Arbeit immer mit dem Prozess zu tun hat. Ich habe den Eindruck, dass ich am besten denken kann und andere, neue Gedanken denken kann, wenn ich keine Angst habe und selbst angstfreie Situationen herstelle. Damit man sich als kreativer Mensch überhaupt mutig genug fühlt, etwas auszuprobieren – dafür braucht es einen Rahmen, in dem bestimmte Gefühle wie Druck oder Panik nicht vorhanden sind. Unter hohem Druck kann ich vielleicht großartige solistische Leistungen erzeugen, aber nicht ein gutes Team bilden.

Und um diesen Teamgeist geht es nun auch in den "Räuberinnen".
Ja. Wie können wir Banden bilden, in denen die Individualität der Einzelnen nicht zerstört wird. Positiv gesagt: Ich finde Gruppen ganz toll, wo jeder verschieden sein kann. Schön wäre es, wenn jede dieser vier Schauspielerinnen total sichtbar wäre, in ihrer Eigenheit, in ihrem Zugang zum Stück. Und dass eben ein Miteinander entstehen würde, in dem sie sich gegenseitig nicht aushebeln, sondern unterstützen. Ich würde mir auch wünschen, dass das Publikum ein sinnliches Erlebnis hat, das zur Einsicht in die eigenen Handlungsmöglichkeiten führt und ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugt.

Die Gemeinschaftsbildung Publikum/Kammerspiele hat zuletzt irgendwie nicht funktioniert.
Also, ich kam ziemlich spät dazu und habe dann mit "Yung Faust" das Glück gehabt, dass das Stück sehr gut angenommen wurde. Aber ich kenne das, dass die Resonanz nicht immer positiv ist. Studienprojekte von mir sollten kurz vor der Premiere abgesagt werden, weil die Direktorin und das Kollegium nicht mit dem Vorhandenen einverstanden waren. Die hielten das nicht für wertvolles Theater. Mein Anspruch an die Spielerinnen und Spieler, dass sie mit dem, was im Moment da ist, umgehen sollen, wird gerade unter Druck von Außen, wenn die Reaktion des Publikums verstärkt antizipiert wird, erschwert. Insofern kenne ich das total, dass man mit der Arbeit auf Widerstände stößt. Ich glaube aber sehr stark an Kommunikation.

Sie arbeiten jetzt fest als Regisseurin am Züricher Schauspielhaus unter den Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg. In Zürich inszenieren ausschließlich acht Hausregisseurinnen und -regisseure. Dieses Konzept kam Ihren Arbeitsvorstellungen entgegen?
Ja, auf jeden Fall. Hinzu kommt: Ich habe zuletzt in Hamburg gewohnt und habe dort inszeniert, aber war auch noch an drei weiteren Theatern in verschiedenen Städten tätig. Ich habe zwei Kinder und es ist einfach kompliziert, Familie und Theater unter einen Hut zu bringen – das bleibt eine Aufgabe, die nicht elegant zu lösen ist. Es ist dann einfacher, wenn ich an dem Ort, wo ich arbeite, auch lebe. Und mir hat es gefallen, dass man in Zürich versucht, einen beständigen künstlerischen Austausch zu etablieren, auch zwischen Regisseuren und Regisseurinnen. Das halte ich für einen spannenden Versuch. Es ist gut, wenn man lange Wege zusammen geht.

Die Premiere am 23. November, 20 Uhr, in der Kammer 1 ist ausverkauft.Restkarten evtl. an der Abendkasse. Nächste Aufführungen: 29. November und 4. Dezember


 
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