Münchner Kammerspiele Leonie Böhm macht aus den "Räubern" von Schiller "Die Räuberinnen"

"Die Räuberinnen" nach Schiller in den Kammerspielen. Foto: Judith Buss

Leonie Böhm krempelt einen Klassiker komplett um und inszeniert "Die Räuberinnen" in den Kammerspielen.

 

Tief und schwer hängt eine große Wolke auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Ihr helles Blau und Rosa täuscht trügerisch darüber hinweg, dass auch die vier Frauen davor versunken in tiefer Schwermut herumhängen. Irgendetwas lastet auf ihnen, den "Räuberinnen" in Leonie Böhms Bearbeitung von Friedrich Schillers stürmisch-drängerischem Freiheits-Drama "Die Räuber".

Anderthalb Stunden nimmt sich Böhm, um dieser miesen Stimmung auf den Grund zu gehen und den Bühnen-Horizont zu lichten und lässt es Gro Swantje Kohlhof gleich zu Beginn in schillerschen Worten verkünden: "Das gewohnte Denken vom Geist aus zu verändern". Und umgedacht, ja, umgekrempelt wird hier alles. Wer bei "Die Räuberinnen" eine Nacherzählung der Geschichte Karl Moors und seiner polternden Räuberbande auf ihrem brandschatzenden und nonnenschändenden Weg zum gesellschaftlichen Umsturz erwartet, wird überrascht.

Gespür für das Wesentliche

Leonie Böhm ist eine Entstauberin, eine Meisterin der Reduktion. Sie lüftete und entrümpelte in der vergangenen Spielzeit die miefige Gelehrtenstube im urheiligsten aller deutschen Dramen, in Goethes "Faust", kondensierte daraus einen rappenden "Yung Faust". Nun also filetiert sie mit Friedrich Schiller den nächsten Großen der deutschen Klassik. Und wie – klug, mit feinsinnigem Gespür für das Wesentliche.

Das ist bei Schiller die Freiheit, die groß gedachte, allumfassende, die politische. Die Freiheit bleibt es auch bei Böhm, die vermeintlich kleinere, aber genauso allumfassende und politische. Vier Schlüsselfiguren interessieren Böhm: das ungleiche Brüderpaar Franz und Karl Moor, Amalia und Spiegelberg.

Böhm interessiert sich für die Seelenzustände dieser Figuren und führt an dreien eine Analyse durch – das Ganze, so verrät es der Titel, aus weiblicher Perspektive. Männliche Rollen, weiblich zu besetzen, das könnte plumper Haudrauf-Feminismus sein – nicht so bei Böhm. In drei Monologen dürfen Franz (nicht Franzi!), Karl (nicht Karla!) und Amalia nun ihr Leid klagen. Eva Löbau als Franz Moor macht den Beginn: Sie ist die Zweitgeborene. Hässlich ist sie noch dazu, verkrüppelt ihr Körper, dünn ihre Haare. Dafür sind ihre Schamlippen zu lang. Den Vater ekeln sie. Seine so qualvoll erhoffte Liebe ist damit nicht zu gewinnen.

Franz, die Rampensau

Bei Schiller kann Franz seine körperlichen Makel mit seinem scharfen Verstand halbwegs überwinden. Ein Wehklagen darüber, einem vermeintlichen Schönheitsideal nicht zu entsprechen, aus dem Mund einer Frau, so klug sie auch sein mag, bekommt gleich eine ganz andere Schwere. Leichtfüßig hingegen stolziert Julia Riedler als Karl großen Schritts und mit erhobenen Armen in Lacklederkluft über die Bühne. Ein Gewinnertyp und Everybody’s Darling. Er liebt alle, und alle lieben ihn – Papa am allermeisten. Er braucht das. Wann hat man zuletzt eine Frau so freimütig über die eigene Großartigkeit sprechen hören? Doch hinter jedem Rampensau-Glamour schlummert oftmals Trauriges. Und so ist auch Karl nicht frei von Selbstzweifeln.

Und nun Amalia. Sie ist bei Schiller die einzige Frau im Stück und dazu verdammt, auf Schloss Moor zu residieren, ihre Malkünste zu verfeinern, hübsch für ihren Karl zu sein, auf den sie wartet, den sie bedingungslos liebt und damit eigentlich keine Funktion in Schillers "Räuber" hat. In den "Räuberinnen" ist auch Sophie Krauss als Amalia eine Liebende, aber eine in Feinripp-Unterhose und Boots. Damit stürmt sie vom ersten Rang auf die Bühne, das schlaffe Brüderpaar aus ihrer ätzenden Lethargie zu befreien.

Auf Dauer, zumindest ein klein wenig ätzend könnte es auch sein, Menschen beim Seelenstriptease zu zuschauen. Doch immer dann, wenn sich alle drei zu sehr im Selbstmitleid suhlen, rettet es Böhm durch Witz und durch Songs, mit denen sie drei Monologe voneinander trennt.

Flucht in den Aufbruch

Vom Pupsen in den eigenen vier Wänden wird genauso gesungen, wie Britney Spears Schnulze "Everytime" persifliert, live auf der Bühne begleitet von der Musikerin Friederike Ernst. Doch nichts entschädigt die leichte Ungeduld so sehr wie das Finale: Eine Fantasiereise wird jetzt unternommen, angeleitet von Gro Swantje Kohlhof als Spiegelberg. Wie bei Schiller führt der letzte Weg der Räuberbande in die Böhmischen Wälder. Nur dieses Mal ist es keine Flucht, sondern ein Aufbruch. Vorbei die Zeit der Larmoyanz – in dieser Räuberbande "erweckt jede die gleiche Entzückung aller". Auch die tief- und schwerhängende Wolke hat sich verzogen.

Ausgezogen werden jetzt die Sandalen, die Wollsocken, alles, bis auf die Haut. Hier herrscht nur noch reine Spielfreude, die zugleich von einer Befreiung des weiblichen Körpers von aller Objektivierung kündet: Mit ihren Brüsten läuten sie den Sieg über den Zwang ein. Splitternackt rutschen sie über die Bühne, landen dabei auch mal in der ersten Publikumsreihe. Es ist eine absurde Freiheitserklärung gegen ebenso absurde Vorstellungen von Moral, Scham, und väterlichem Gesetz.

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