Münchner Kammerspiele Joachim Król über Albert Camus’ Roman „Der erste Mensch“

Joachim Król und das L’Orchestre du soleil. Foto: Bernadette Wozniak-Fink

Joachim Król und fünf Musiker bringen Albert Camus’ Roman „Der erste Mensch“ in die Kammerspiele

 

Als Albert Camus 1960 bei einem Verkehrsunfall starb, hatte er ein unvollendetes Manuskript bei sich. Erst über drei Jahrzehnte später wurde es unter dem Titel „Der erste Mensch“ veröffentlicht. In dem Roman, der eigentlich eine Autobiografie ist, beschreibt Camus, wie der junge Jacques in absoluter Armut in Algier aufwächst. Der Vater ist im Krieg gefallen, seine Mutter und seine Großmutter sind Analphabeten. Aber ein Lehrer kämpft für die Entwicklung des begabten Jungen. Gemeinsam mit fünf Musikern hat Regisseur Martin Mühleis eine Lesung inszeniert, in der Joachim Król den Roman lebendig werden lässt.

AZ: Herr Król, war Camus ein bedeutender Autor für Sie in Ihrer Jugend?
JOACHIM KRÓL: Ich erinnere mich, dass Camus bei uns noch Schullektüre war und man über Sartre und Camus parliert hat. Jedoch war da sicher viel Pose dabei. Bei mir stand Beckett noch höher im Kurs.

Das ist aber kein Vergnügen!
Da bin ich anderer Meinung. Aber so ein Echo bestärkt einen natürlich und verleiht einem eine gewisse Aura, die in diesem Alter möglicherweise sehr wichtig ist. Seltsamerweise habe ich als Schauspieler nie Beckett gespielt, bin jedoch 1976 mit ihm im Schiller-Theater Berlin im selben Aufzug gefahren. Auch nicht schlecht.

Dafür sprechen Sie nun Camus in seinem autobiografischen Text „Der erste Mensch“.
Albert Camus wollte sich mit „Der erste Mensch“ als Autor neu erfinden. Der Text ist mit seinen vorherigen Werken nicht vergleichbar. Seine Sprache ist sehr unmittelbar, einfach, aber kraftvoll. Als mir der Regisseur Martin Mühleis vor drei Jahren unsere Textfassung vorgeschlagen hat, hielt ich die Geschichte auf den ersten Blick für zu „schwarz-weiß“, für zu einfach: der arme Junge, der durch einen engagierten Lehrer auf den Weg in ein außergewöhnliches Leben gebracht wird. Aber wir haben schnell gemerkt, dass diese Geschichte ein sehr gutes Mittel für das Publikum ist, sich reflektiv mit der eigenen Sozialisation, Bildungsgeschichte und Herkunft zu beschäftigen.

Es ist auch eine Geschichte der Gewalt: Der Vater stirbt im Krieg, die Großmutter schlägt den Sohn mit dem Ochsenziemer, während die Mutter daneben sitzt und nicht eingreift. Es gibt Schläge in der Schule.
Gerhard Polt hat mir erzählt, dass noch in den frühen 70er Jahren in gewissen Gegenden in Bayern der Schlagstock zu Beginn des Schuljahres gesegnet wurde. Aber ich habe selbst keinerlei Gewalterfahrung gemacht, weder zu Hause noch in der Schule.

Dafür war bei Ihnen – wie in Camus’ Buch – auch der Lehrer zu Hause.
Ja, diesen Moment hat es tatsächlich auch in meinem Leben gegeben. Ganz ähnlich wie bei Camus. Ich möchte meine Kindheitsbiografie natürlich nicht mit der Biografie eines Tagelöhnerkindes in Algier zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts vergleichen. Jedoch war es auch für einen Bergarbeitersohn zu Beginn der sechziger Jahre keinesfalls selbstverständlich, ein Gymnasium zu besuchen. Und da war auch in meiner Familie der überraschende abendliche Besuch meines sehr engagierten Grundschullehrers, bei dem er meine Eltern davon überzeugte, dass ich das Zeug für eine weiterführende Schule hätte, ausschlaggebend für mein Weiterkommen und für all das, was ich dann erleben durfte. Vielleicht hätte ich es auch anders geschafft, vielleicht aber auch nicht. Das Engagement eines einzelnen Menschen kann wirklich viel bewegen.

Sie wären nicht auf die Idee gekommen, aufs Gymnasium zu gehen?
Mein Vater war Bergarbeiter, meine Mutter Hausfrau, wie es damals so üblich war. Wir wohnten in einer Bergarbeitersiedlung, aber selbst dort gab es zwischen den sogenannten Angestellten und den Arbeitern sogar eine gewisse räumliche Trennung. Und im Grunde besuchten höchstens Kinder aus dem Angestelltenmilieu das Gymnasium.

Sind Sie dann nicht ein wenig angefeindet worden in Ihrer Siedlung, nach dem Motto: Der geht aufs Gymnasium, der hält sich für was Besseres?
Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Woran ich mich natürlich erinnern kann, das sind die gerümpften Nasen und der Dünkel, der einem begegnet ist, wenn man zu Schulbeginn nach Weihnachten nicht mit dem neuen Fahrrad oder der neuen Winterjacke auftrumpfen konnte. Dann hat man sich halt ein paar Tage nicht am Fahrradständer aufgehalten, weil man ja nicht mitreden konnte. Aber trotzdem hat man sich natürlich angefreundet mit Kindern aus diesen völlig anderen Milieus, mit Kindern von Ärzten, Juristen, Angestellten. Ganz konkret erinnere ich mich an einem Besuch bei einem neuen Freund, in dessen Wohnung es einen Steinway-Flügel und eine Bibliothek gab. So etwas hatte ich in einer Privatwohnung nie zuvor gesehen.

Camus schreibt, natürlich in Anspielung auf Proust: „Die verlorene Zeit wird nur bei den Reichen wiedergefunden.“ Während seine Mutter in einer gleichförmigen Welt ohne Erinnerung lebt.
Da gibt es einen Abschnitt, der mich jedes Mal besonders berührt. Wenn wir erfahren, worauf sich der Titel bezieht. Er beschreibt das Familienleben eines Schulkameraden, der ihn besonders beschäftigt. Ein Offizierssohn, dessen Familie ein Haus in Frankreich hat, mit Fotoalben und Andenken auf dem Dachboden. Für Camus, oder für sein Alter Ego Jacques, gab es das alles nicht. Für ihn und seinesgleichen gab es die Sonne, das Meer, die Armut. Keine Referenzen in irgendeine Vergangenheit. Dort war jeder Mensch, der auf die Welt kam, „der erste Mensch“. Oft muss ich in diesem Zusammenhang an Flüchtlinge denken, die alles hinter sich lassen mussten. Menschen, die nichts mehr haben als sich selbst. Wie sollen sie sich in ein Verhältnis setzten zu uns, die im Vergleich zu ihnen alles haben. In einer mehr und mehr materiell orientierten Gesellschaft?

Eine Erinnerung an den zu Beginn des Ersten Weltkriegs gefallenen Vater gibt es in dem Buch doch: den Granatsplitter in einer Keksdose.
Mein Vater ist auch viel zu früh gestorben. Er ist nicht einmal sechzig Jahre alt geworden. Sicher auch als Folge der jahrelangen, harten, gefährlichen Arbeit unter Tage. In der Beschäftigung mit dem Roman fiel mir auf, wie wenig ich eigentlich von der Kindheit und Kriegskindheit meines Vaters weiß, außer einer Handvoll Anekdoten, die immer mal wieder gerne erzählt wurden. Das musste wohl reichen. Mit meiner Mutter habe ich dann versucht, über ihre Vergangenheit zu reden, aber sie hat nach ein, zwei Gesprächen gesagt: „Weißt Du, wir reden den ganzen Tag – dann gehst Du nach Hause, und die Gespenster bleiben alle hier bei mir.“ Das war ein unheimlich starker Satz, und ich dachte mir, dass sie natürlich recht hat. Viele Geschichten sind unerzählt geblieben. Viele schlimme Geschichten.

Sie sind sehr viel im Fernsehen zu sehen, ein festes Bühnenengagement passt nicht mehr dazwischen?
Ich halte den Januar immer frei für unsere Tour, und ich finde es schön, das Jahr vor Publikum zu beginnen, weil es sich abzeichnet, dass ich 2020 wohl wieder viel vor der Kamera stehen werde.

Die Schule beschreibt Camus mit dem Begriff „Hunger nach Entdeckung“. Das sehen viele Kinder heute nicht mehr so.
Ich denke, dass sich unsere Gesellschaft und unsere ganze Kultur gerade grundlegend verändert. Wahrscheinlich ein ganz normaler Vorgang. Wir folgen dem technischen Fortschritt. Wenn ein junger Mensch auf eine App drückt, und es tut sich eine Welt auf, dann ist das auch eine Art Entdeckung. Was meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet wird, ist der neurologlgserlebnis und Befriedigung, ohne nachhaltig zu sein. Das wird Folgen für das Lernverhalten haben. Zehn Minuten „Doodle Jump“ – 20 000 Erfolgserlebnisse. Die Fähigkeit, beim Lernen Frustrationen zu überwinden, durch Hartnäckigkische Aspekt, über den ich kürzlich gelesen habe. Der Umgang mit diesen technischen Werkzeugen vermittelt permanent ein Gefühl von Erfoeit und Wiederholung, das geht möglicherweise verloren. Außerdem lässt unsere Unkultur der Überwältigung kaum noch Platz für Imagination.

Sie sind leidenschaftlicher Dortmund-Fan. In der Champions League geht es jetzt gegen Paris Saint-Germain, dessen Trainer Thomas Tuchel in Dortmund ja im leichten Unfrieden gehen musste. Ist das Spiel also auch ein Rachedrama?
„Das wird alles von den Medien hochsterilisiert“, wie einst Bruno Labbadia gesagt haben soll. Ich bin sicher, dass sich Watzke und Tuchel schon lange wieder auf einer kollegialen Ebene begegnen. Ich fahre auf jeden Fall hin, wenn ich terminlich kann. Ich habe in Paris noch nie ein Spiel besucht. Ich mache mit meiner Agentur alle paar Wochen ein Termin-Update. Es gibt harte Sperrtermine und weiche Sperrtermine, die weichen können hinterfragt werden, die harten nicht. Und ich würde mal sagen, die Dortmunder Champions League-Spiele sind am Rande eines harten Sperrtermins.

Joachim Król liest am 2. Januar 2020 aus „Der erste Mensch“ in den Kammerspielen, Karten unter Telefon 233 966 00


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 

0 Kommentare