Münchner Kammerspiele Gelungen: "Vernon Subutex" nach Virginie Despentes

Der Schein trügt: Die „Convergences“ genannten Raves des DJ Vernon Subutex (Jelena Kulic), in blond) spielen in der Aufführung nur eine sehr geringe Rolle. Foto: Arno Declair

Kammerspiele: „Das Leben des Vernon Subutex“ nach dem Roman von Virginie Despentes, inszeniert von Stefan Pucher

Das Kopftheater ist der gefährlichste Feind der Literaturvertheaterung. Irgendeine Lieblingsstelle vermisst jeder Leser, und das Besetzungsbüro Gehirn verfügt immer über bessere Darsteller als der Intendant der Kammerspiele. Stefan Pucher hat sich auch nicht einen schmalen Houellebecq vorgenommen, sondern die drei Bände und 1200 Seiten von „Das Leben des Vernon Subutex“ der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes.

Aber in der Kammer 1 ereignet sich eine Überraschung. Pucher und sein Dramaturg Tarun Kade schaffen es, dieses breitwandige Gesellschaftspanorama unseres Nachbarlandes vor und nach den islamistischen Anschlägen von Nizza und auf ein Rockkonzert im Pariser Bataclan zu verdichten. Aus mindestens zwei Wochen Lesezeit werden drei Theaterstunden. Größere Kollateralschäden sind nicht zu verzeichnen. Im Gegenteil: Es gibt einen Mehrwert, für den die Schauspieler sorgen.

Der DJ ist eine DJane

Die bekannten Gesichter aus dem Ensemble der Kammerspiele lösen hier keine gemischten Gefühle aus. Pucher hat sie durchwegs so besetzt, dass ältere Rollen mitschwingen und ein neuer Dreh hinzukommt. Und das durchaus mit dem unperformativen Theaterzauber von Kostüm, Maske und Verwandlung.

Annette Paulmann füllt zuerst wuchtig die Bühne, ehe man sie unter ihrer strähnigen Rothaar-Perücke an der Stimme erkennt. Dann schwafelt sie als obdachlose Olga wuchtig-hemmungslos, legt den Titelsong des James-Bond-Films „Skyfall“ a cappella hin und hält im zweiten Teil politische Brandreden. Dazu trägt sie das gleiche T-Shirt wie Virginie Despentes auf den Umschlägen der deutschen Ausgabe, ohne dass man sie gleich für ein Sprachrohr der Autorin halten müsste.

Den Titelhelden, der im Buch als vernachlässigter, langhaariger Fünfziger beschrieben wird, hat Pucher mit Jelena Kulic besetzt. Die verkörpert – mit wenig Worten und viel Gesang – ganz nonchalant einen Mann, ohne dass darüber viel Aufhebens gemacht würde. Er ist im Buch wie in der Inszenierung vor allem ein Katalysator fremder Sehnsüchte. Weil das ganz grundsätzlich auch für Pornodarstellerinnen gilt, hat Thomas Hauser die Pamela Kant übernommen, der er ein Flair zarter Weiblichkeit verleiht.

Hübsche Dialektik

Aus härterem Holz ist dagegen Wiebke Puls in der Rolle der lesbischen Ex-Drogenhändlerin und Spammerin Hyäne. Mit ihrem kalten Zynismus bleibt sie – wie im Roman – unter den Figuren ein wenig isoliert. Männer wie der früher erfolgreiche Drehbuchautor (Samouil Stoyanov) bleiben Pappnasen. Zeynep Bozbay spielt im Video die verstorbene Pornodarstellerin Vodka Santana und auf der Bühne mit Kopftuch und in Schlabberhosen ihre Tochter Aïsha, die rotzige, zum Islam übergetretene Studentin des Steuerrechts: eine hübsche Dialektik.

Alex Bleach (Abdoul Kader Traoré), dessen Tod die Handlung auslöst, bleibt per Video gegenwärtig. Ob der Rechtsradikalismus eines Typen wie Loïc (Vincent Redetzki) unbedingt durch sexuellen Frust und sein Stottern psychologisiert werden muss, ist Geschmackssache. Es passt nicht ganz zur klugen Strategie der Autorin, die oft lange offen lässt, wo die Kapitalismuskritik einzelner Figuren im Rechts-Links-Schema zu verorten ist.

Dass die Figuren lieber übereinander und wenig miteinander reden, passt bestens zur gesellschaftlichen Vereinzelung der entfremdeten Figuren. Der Systemwechsel von Vinyl zur CD und der anschließende Zusammenbruch der Musikindustrie steht im Roman wie auf der Bühne für den neoliberalen Krieg der Reichen gegen den Mittelstand und die Armen.

Vernon Subutex als Religionsstifter

Wer den Roman zu Ende gelesen hat, dürfte das rätselhafte schwarzweiße Video kurz vor der Pause als Anspielung auf Maria Magdalena und die Passion verstehen. Pucher verfolgt die Jesus-Spur dezent weiter, ehe sie dann im Abspann aufgeklärt wird, wenn auch nicht ganz so deutlich und ironisch gebrochen wie im Roman.

Nach der Pause sitzen die Figuren in aus ähnlichen Dramatisierungen ein wenig zu bekannter Weise diskursiv auf einer Tribüne herum (Bühne: Barbara Ehnes). Da droht der Abend zu zerfasern.

Der kollektiven Ekstase auf den Convergences, bei denen die Figuren eine neue Utopie der Gemeinschaft erleben und denen Vernon Subutex als Hohepriester am Plattenteller vorsteht, traut Pucher nicht über den Weg: Sie hat etwas lächerlich Hippiehaftes.

Ein Hauch Exotik

Gro Swantje Kohlhof hat gegen Ende als Céleste einen eindringlichen Auftritt, bei dem sie kühl davon berichtet, wie es ist, vergewaltigt zu werden. Dann vollzieht Max (Daniel Lommatzsch) die Rache des von Aïsha gedemütigten Produzenten (Jochen Noch) an Subutex und seinem Anhang.

Der Versuchung, einen Abend lang die Lieblingsplatten der Generation 50 plus aufzulegen, ist Pucher nicht erlegen. Er stellt die Gesellschaftskritik des Buchs zur Diskussion, ohne vorschnelle Urteile zu riskieren. Dass die hiesige soziale Wärme von der Kälte der französischen Klassengesellschaft ziemlich entfernt ist, rückt die Konflikte ein wenig in die exotische Ferne.

„Vernon Subutex“ ist vor allem hervorragendes Schauspielertheater. Und das ist ein Plus, für Leser und für Nichtleser der Roman-Trilogie.    

Wieder am 4., 14. und 22. April in der Kammer 1, Karten unter Telefon 233 966 00
 

 

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