Münchner Kammerspiele Damian Rebgetz re-inszeniert des letzte Nirvana-Konzert

So elegisch wie hier mit Sachiko Hara (links) und Zeynep Bozbay ging es bei Nirvanas letztem Konzert natürlich nicht zu. Foto: David Baltzer

Kammerspiele: Damian Rebgetz re-inszeniert das letzte Konzert der legendären Band Nirvana

 

Manche Leidenschaften vergehen mit der Zeit, aber Damian Rebgetz hat immer noch eine große Vorliebe für Ventilatoren. „Something for the Fans“ hieß ein Performance-Solo, mit dem er sich vor fast fünf Jahren als neues Ensemblemitglied der Kammerspiele vorstellte. Matthias Lilienthal hatte ihn aus Berlin mitgebracht, vom HAU, dem Hebbel am Ufer, wo Rebgetz unter anderem in den Musiktheaterstücken von Ruedi Häusermann und Anna-Sophie Mahler aufgefallen war.

Zuvor hatte Rebgetz in seiner Heimat Australien klassischen Gesang und Musiktheater studiert, in Berlin belegte er an der Universität der Künste das rare Fach „Sound Studies“. Wie schön das dann war, als er auf der Bühne der Kammer 3 mit vielen luftigen Apparaten ein Konzert des Rauschens und Brausens hinlegte. Er sang dabei auch, „I Wanna Dance With Somebody“ von Whitney Houston, zerbrechlich und zart, ein Sehnsüchtiger auf der Suche nach Tanzpartnern.

München ist nicht Paris

Im Kammerspiele-Ensemble fand Rebgetz einige Kollaborateure für gemeinsame Bühnentänze; nur das Publikum wollte bald nicht mehr so richtig Schritt halten. „Manche sagen auch“, so Rebgetz, „dass die Münchner irgendwann ihre Entscheidung gefällt hatten.“ Und er erzählt, wie seltsam das sich anfühle, wenn in einer gelungenen Produktion wie Philippe Quesnes „Farm fatale“ nach zwei, drei Vorstellungen nicht mehr allzu viele Leute sitzen. In Paris waren die sechs Gastspiele ausverkauft, es gab teilweise Standing Ovations. Gut, das fand auch in jenem Theater statt, das Philippe Quesne leitet, aber der Unterschied zu München war doch eklatant spürbar.

Jetzt aber ist sowieso das Ende nah, die Erinnerung an das Ventilatoren-Solo fast, aber auch nur fast vom Winde verweht. Ein paar Runden wird das Ensemble noch bis zum nächsten Sommer drehen – gemeinsam mit Rebgetz, der sich jetzt in einer eigenen Regiearbeit nicht zufällig mit dem letzten Konzert von Nirvana beschäftigt. Eigentlich wollte Matthias Lilienthal, dass er sich zu Beginn der letzten Saison mit David Bowie auseinandersetze, berichtet Rebgetz, aber mit Bowie hatte er so gar nichts am Hut. Dann doch lieber Nirvana, wobei er auch kein Fan sei. „Als Nirvana in den Neunzigern groß wurden, war ich noch ein Teenager und hörte vor allem Pop, also: Mariah Carey, Whitney Houston, Madonna.“

Zwischenutzung in Riem

Der alternative Rock-Sound von Nirvana wirkte auf den jungen Rebgetz eher bedrohlich: „Die Musik war extrem laut, ein Ausdruck maskuliner Energie. In meinen Zwanzigern habe ich die Band noch mal neu für mich entdeckt, aber das war eher ein intellektueller Vorgang. Ich verstand, wieso sie so wichtig waren: Sie rebellierten gegen den Mainstream, bezogen, gerade als sie erfolgreich wurden, klar Position gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus. Sie spielten bei Benefiz-Konzerten, küssten sich bei ihren Auftritten, trugen Frauenkleider auf der Bühne.“

München als letzter Auftrittsort für die experimentellen Indie-Rocker aus den USA – das mag so gar nicht passen. Aber damals gab es noch eine sehr lebendige Subkultur in und um München, besonders dank Clubbetreiber Wolfgang Nöth. „Er betrieb in den Achtzigern die Theaterfabrik, später die Nachtfabrik. Und er bekam Anfang der Neunziger den Flughafen Riem zur Zwischennutzung.“

Jahre zuvor, 1989, waren Nirvana im Circus Gammelsdorf aufgetreten, einem heute legendären Live-Club im oberbayerischen Gammelsdorf, sowie 1991 im Nachtwerk. Der Gig im Terminal 1 des Flughafen Riem sollte 1994 dann eigentlich den Auftakt für eine Reihe von Auftritten in Deutschland markieren, aber Kurt Cobain litt nach dem Konzert an Magenproblemen und die restlichen Tournee-Termine mussten abgesagt werden. Cobain, drogensüchtig, unter einer bipolaren Störung leidend, fuhr mit seiner Freundin Courtney Love nach Rom, wo er wegen einer Überdosis Beruhigungsmittel im Hospital landete. Zurück in den USA unterzog er sich einer Drogenentziehungskur, brach diese aber ab und nahm sich am 5. April 1994 in Seattle das Leben.

Ein morbider Hauch wird den Tribute-Abend durchwehen, den Rebgetz jetzt gemeinsam mit den Ensemble-Kollegen Zeynep Bozbay, Christian Löber und Benjamin Radjaipour auf die Beine gestellt hat. Musikalischer Leiter ist Paul Hankinson, den Rebgetz schon aus seiner Zeit als Gesangsstudent am Musikkonservatorium im australischen Queensland kennt. Eine kleine Band, darunter Sachiko Hara am Flügel, wird das singende, spielende Schauspielteam unterstützen, wobei die weitere Besetzung mit Hörnern, Geigen, Cello und Querflöte ahnen lässt, dass der Nirvana-Rock ins Klassische driftet. Die Liedtexte hat Ann Cotten ins Deutsche übertragen. „Wir erzählen dieses Konzert als ein bayerisches Märchen“, verrät Rebgetz. Im Hinterkopf hatte er auch Schuberts „Winterreise“, aber davon habe sich der Abend doch ein wenig wegentwickelt.

Noch einmal spielt die Band

Die Performance folgt der Song-Chronologie von einst, und es wird auch den Stromausfall geben, wegen dem das Konzert damals kurz nach Beginn unterbrochen werden musste. Nirvana spielten in Riem übrigens nicht ihren größten Hit, „Smells Like Teen Spirit.

Kurt Cobain, der jetzt irgendwie in allen Beteiligten der Inszenierung steckt, ohne dass jemand ihn direkt verkörpert, war gerne ein Rock-Star. Eine ähnliche Erfolgsgeschichte konnten die experimentierfreudigen Kammerspiele unter Lilienthal nicht schreiben, aber der Abend mit dem Titel „Nirvanas Last“ soll doch symbolischen Charakter haben: Noch einmal spielt die Band, und wir wissen, dass es bald mit ihr zu Ende geht.

Damian Rebgetz wird nach dieser Saison erstmal nach Rotterdam gehen, wo sein Freund wohnt – nach fünf Jahren Fernbeziehung freut er sich darauf. Was beruflich kommt, weiß Rebgetz noch nicht. „Ich bin mal gespannt, ob ich jemals wieder in einem Ensemble in Deutschland landen werde.“ In Yael Ronens Projekt „#Genesis“, das im Herbst 2018 in den Kammerspielen Premiere hatte, konnte man ihn bereits als vermeintlich scheidenden Performer erleben, als einen, der am Anfang das Publikum launig beschimpft und weg von dieser Bühne will, raus aus dieser Stadt!

Es gäbe immer wieder Zuschauer, die an dieser Stelle mit Bedauern reagieren und andere, die applaudieren würden, berichtet Rebgetz; ob sie das boshaft tun oder mit ihm mitspielen, weiß er nicht genau. Einen Performer wie ihn, mit so viel Mutterwitz, einnehmend schrägem Charme und musikalischem Können, wird man in München nicht mehr so schnell finden.

„Nirvanas Last“, Kammer 1, Premiere Donnerstag, 20 Uhr, Restkarten evtl. an der Abendkasse

 
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