Münchner Kammerspiele Gro Swantje Kohlhof spielt in „Im Dickicht der Städte“ von Bertolt Brecht

„Das Theater ist die größte Blase von allen“, sagt Gro Swantje Kohlhof, die in der Inszenierung von „Im Dickicht der Städte“ selbst in einer Blase steckt. Foto: Julian Baumann

Christopher Rüping inszeniert „Im Dickicht der Städte“ mit der als Nachwuchs- Schauspielerin des Jahres ausgezeichneten Gro Swantje Kohlhof

 

Nein, leicht zu lesen ist Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ wirklich nicht. Das hängt nicht nur mit der assoziativ-expressionistischen Sprache dieses Frühwerks zusammen, an dem Brecht ab 1921 herumtüftelte und dessen erste Fassung 1923 im Residenztheater uraufgeführt wurde, sondern auch an dem Handlungsverlauf, der den Regeln der Logik und klassischen Dramaturgie regelrecht spottet.

So provoziert der malaysische Holzhändler Shlink den Leihbücherei-Angestellten Garga ohne Grund auf Heftigste, woraufhin sich eine Fehde entspinnt, die immer mehr eskaliert. Wobei die zwei auf merkwürdige, homoerotisch aufgeladene Weise nicht mehr voneinander lassen können: Garga richtet das Holzgeschäft, das Shlink ihm bereitwillig überlässt, zugrunde. Shlink und seine Kumpels treiben wiederum Gargas Freundin Jane und seine Schwester Marie in die Prostitution. So geht das heiter weiter in der Metropole Chicago, die Brecht zwar nie besucht hatte, aber von der als Moloch zwischen technischem Fortschritt, kapitalistischer Ausbeutung und Klassenkämpfen fasziniert war.

Die Geschlechterrollen werden auf der Bühne aufgelöst

Was das ganze inhaltliche Tohuwabohu in diesem titelgebenden Großstadt-Dickicht bedeuten soll, habe sie beim ersten Lesen auch nicht kapiert, gibt Gro Swantje Kohlhof freimütig zu. Dabei ist ein Verständnis des Textes für sie schon notwendig; schließlich spielt sie jetzt bei Christopher Rüpings Inszenierung des Stoffes in den Kammerspielen mit. „Ich dachte mir erstmal, häh, Bert, was ist denn mit dir los? Aber wir haben lange über das Stück gesprochen und beherzigen nun vor allem die Anweisung Brechts, das Ganze als einen Ringkampf anzusehen. Betrachtet man das Stück als Versuch zweier Menschen, sich um jeden Preis näher zu kommen, dann macht alles auf seltsame Weise Sinn. Der Kampf, so die These, ist der einzige Weg, um die Distanz zum anderen vielleicht zu überwinden.“

Zehn elaborierte Runden finden nun auf der Bühne der Kammer 1 statt. Das Team aus fünf Schauspielerinnen und Schauspielern wechselt dabei die Rollen, so dass Kohlhof beispielsweise zu Beginn Jane spielt, aber später auch in die Haut von Shlink schlüpft. Die Auflösung der Identitäten, auch was die Geschlechterzuordnung angeht, tut dem Stück gut, allein schon deshalb, weil Brecht fast alle Frauen auf den Strich schickt, sie also zu Opfern macht, während die Männer weiter fighten.

Interessant fand Kohlhof dabei schon, dass es ihr in den Proben viel schwerer fiel, die attackierende, „männliche“ Position einzunehmen. „Das ist offenbar irgendwie so drin in einem. Auch auf der Schauspielschule trainiert man dieses entschlossene Nach-Vorne-Preschen viel weniger, weil die weiblichen Rollen in der klassischen Theaterliteratur, aber auch in den modernen Stücken oft auf den passiven, unterdrückten Part abonniert sind. Bei den Männern ist es dann wiederum umgekehrt.“

Gemeinsam einsam

Kann man also den Abend auch als Austausch, als Schlacht zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Attributen begreifen? Was alle Figuren jedenfalls eint, ist ihre Einsamkeit, wodurch sich leicht ein Bezug zur heutigen Gesellschaft finden lässt. „Wir leben in dieser ,Oversharing‘-Kultur, wo jeder alles von sich veröffentlichen kann und glaubt, dadurch mit tausenden Leuten in Kontakt zu treten. Aber das ist nur eine Illusion. Letztlich bleibt jeder in seiner Blase. Brecht hat dafür dieses schöne Bild der ,dicken Haut‘: Die Menschen entwickeln eine dicke Haut, um sich vor Verletzungen zu schützen, aber die hört nicht auf zu wachsen und schließt einen letztlich von der Umwelt aus. So muss man zu immer stärkeren Mitteln greifen, damit man überhaupt noch von irgendwas berührt werden kann.“

Eine Art „Fight Club“, wo die Figuren ihre Gefechtsstrategien für jede Runde neu denken und die Bandagen immer härter werden, steht dem Publikum in den Kammerspielen bevor.

Dass das Theater an sich ein Ort der Begegnung ist, wo die Menschen zusammenfinden, sich womöglich annähern, davon schwärmt Gro Swantje Kohlhof und räumt gleichzeitig ein, dass das Theater „die größte Blase von allen ist. Ich fühle mich in diesem Ensemble sehr wohl, aber wenn ich mit Leuten aus anderen Kontexten rede, fällt mir schon auf, wie tief ich mit dem Kopf hier drin bin. Zwischendurch muss man sich aus dieser Blase auch mal herausnehmen, sonst verliert man die Sensibilität für andere Dinge.“

Abonniert auf psychologisch schwierige Rollen

Seit zwei Jahren ist Gro Swantje Kohlhof Mitglied im Ensemble der Kammerspiele. Es ist ihr erstes festes Engagement, nachdem sie an der Universität der Künste in Berlin studiert hat. Schon als Kind spielte und verkleidete sie sich gerne, „aber das machen ja wohl die meisten Kinder. Was ich aus unerfindlichen Gründen schon immer besonders gut konnte, war Texte auswendig zu lernen. Meine Eltern und ich wussten lange Zeit gar nicht, wofür das nützlich sein könnte, aber jetzt kann ich diese Fähigkeit gut gebrauchen.“

Während der Schulzeit wurde sie auf ein Kinder-Casting aufmerksam, bekam die Rolle zwar nicht, aber bewarb sich weiter und spielte früh in diversen Fernseh- und Kinofilmen mit. Vor psychologisch schwierigen Rollen scheut Kohlhof nicht zurück: Als 17-Jährige war sie Teil des Schrebergarten-Psychothrillers „Tore tanzt“ (2013) oder verkörperte in der Tatort-Folge „Rebecca“ (2016) ein traumatisiertes Entführungsopfer, angelehnt an den Fall Natascha Kampusch.

Zuletzt war die 25-Jährige in dem weiblich besetzten Zombiefilm „Endzeit“ zu sehen – und spielt nun neben Sandra Hüller die Hauptrolle in dem Kinofilm „Schlaf“, der im Februar auf der Berlinale in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ Premiere hat. Als Tochter einer Frau, die nach einem Nervenzusammenbruch in einem Sanatorium liegt, reist Kohlhof in ein Dorf, um herauszufinden, was mit ihrer Mutter geschehen ist und kann bald nicht mehr Traum und Realität auseinanderhalten – erneut eine Mischung aus Psychothriller, Mystery- und Horrorfilm, gedreht im beschaulichen Harz.

Die Filmkarriere läuft also gut, und auch im Theater sieht es alles andere als schlecht aus. In Christopher Rüpings Mammut-Produktion „Dionysos Stadt“ gab Kohlhof unter anderem eine eindrückliche Kassandra und wurde prompt bei der Kritikerumfrage des Magazins „Theater heute“ zur „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“ gekürt.

Gro Swantje Kohlhof bleibt den Kammerspielen treu

Insgesamt hat „Dionysos Stadt“ bei der Umfrage abgeräumt; und gerade auch durch diese Inszenierung hat sich die Situation am Haus verändert. „Das ist schon deutlich spürbar, dass die Leute die Kammerspiele jetzt anders annehmen“, meint Kohlhof. Inszenierungen wie „Die Räuberinnen“, wo sie sich mit vier Kolleginnen erfrischend luftig von den (männlichen) Machtkämpfen der Schillerschen Vorlage befreit, sorgen für volle Zuschauerreihen.

Auch nach der Intendanz von Matthias Lilienthal, unter der zukünftigen Chefin Barbara Mundel, wird Gro Swantje Kohlhof im Ensemble weiter spielen. Wichtig war ihr dabei, dass auch einige Kolleginnen und Kollegen bleiben: „Es hat sich hier ein starker Zusammenhalt entwickelt; eine Arbeitsbeziehung zu vertiefen, finde ich einfach toll. Wenn ich selbst ins Theater gehe, finde ich es schöner, wenn da mehrere Leute auf der Bühne stehen, die nicht solistisch arbeiten, sondern sich aneinander erfreuen und gegenseitig reiben, sich selbst durch den anderen spüren.“

Menschliche Nähe findet sich also offenbar in der Blase Kammerspiele. Bei Brecht geht der Kampf hingegen ein bisschen anders aus.

Die Premiere morgen, 19.30 Uhr, Kammer 1 ist ausverkauft. Restkarten evtl. an der Abendkasse

Lesen Sie auch unsere Besprechung der Premiere

 

0 Kommentare