AZ-Interview Julia Riedler: "München und ich sind Freundinnen geworden"

Die Schauspielerin Julia Riedler. Foto: Julian Baumann

Noch einmal "Räuberinnen" und ein Film – dann verlässt Julia Riedler das Ensemble der Kammerspiele.

 

Zuletzt war Julia Riedler hoch in der Luft zu erleben: bei der "Opening Ceremony" im Olympiastadion zum Finale der Intendanz von Matthias Lilienthal. Mit dem Flying Fox, einer äußerst hohen Seilrutschbahn, flog Riedler vom Dach des Olympiastadions aus quer über die Arena. Mittlerweile hat sie mit anderen an einem finalen Film für die digitale Kammer 4 gebastelt und wird am Montag noch einmal mit einer Gruppe Kolleginnen auf der Bühne der Kammer 1 stehen. Leonie Böhms Inszenierung "Die Räuberinnen" markiert den allerletzten Atemzug der Ära Matthias Lilienthal. Danach kommt Barbara Mundel als Intendantin; Julia Riedler wird jedoch das Ensemble verlassen.

AZ: Frau Riedler, sind Sie schwindelfrei?
JULIA RIEDLER: Nein! Ich musste mich für diese Aktion im Olympiastadion sehr überwinden. Eigentlich begann alles mit einem Scherz: Wir hatten für die Inszenierung nur eine Probenzeit von fünf Tagen. Uns fiel ziemlich früh auf, dass ständig Leute über den Rasen geflogen sind. In einem Anfall von Größenwahn habe ich zu Regisseur Toshiki Okada gesagt, dass ich meinen Monolog dort oben halte möchte. Mit Ironie hat er es aber nicht so. Statt zu lachen sagte er einfach "okay". Beim ersten Probe-Flug wollte ich es sofort abbrechen. Von dort oben geht es ja erstmal ganz schön weit nach unten. Sobald man sich aber getraut hat und ins Fliegen kommt, macht es sehr viel Spaß.

Die Zeit an den Kammerspielen war wohl auch ein riskanter Sprung. Und dann ein wilder Ritt.
Ja, absolut. Wir sind hoch geflogen und auch immer wieder tief gefallen. Aber wir sind geflogen!

Sie bestritten die erste Premiere der Intendanz von Lilienthal, "Der Kaufmann von Venedig". Die Öffentlichkeit beobachtete den Start mit Argusaugen. War die Angst groß?
Lustigerweise gar nicht. Ich hatte so eine Anfänger-Arroganz und habe diesen Eröffnungs-Stress gar nicht an mich herangelassen. Das hat sich aber über die Jahre gewandelt, weil ich immer mehr Verantwortung übernehmen konnte und mich im Lauf der Zeit immer mehr mit den Kammerspielen identifizierte. Gemeinsam mit einem großartigen Team wurde ich Ensemble-Sprecherin, spielte gleich mal in fünf tollen Stücken mit: "Der Kaufmann von Venedig", "Caspar Western Friedrich", "Wut", "Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech" und etwas später "The Re’Search."

Das waren tatsächlich lauter gelungene Inszenierungen. Die Diskussion über die "Krise" an den Kammerspielen, die während des ersten Jahres losbrach, muss Ihnen ja absurd vorgekommen sein.
Absolut! Ich dachte mir: Warum wird denn von einer Krise gesprochen? Ich habe hier "the time of my life", bin in den besten Stücken, in denen ich jemals gespielt habe, gleich fünf hintereinander, was an einem Stadttheater wirklich außergewöhnlich ist! Ich wusste gar nicht, wo das Problem sein soll.

Die Leute haben sich offenbar schnell an Matthias Lilienthal, seiner Handschrift gerieben. Wussten Sie vorab genau, was auf Sie zukommt, oder hat sich das allmählich ergeben?
Ich denke, das hatte sehr viel mit Projektion zu tun, auch bei mir. Matthias Lilienthal kannte ich nur als Namen aus seiner Volksbühnen-Zeit. Als ich Schauspiel in Hamburg studiert habe, war ich oft in Berlin und ein totaler Volksbühnen-Nerd. Die wahnwitzige Spielweise dieser superklugen, superschnellen, superlauten Schauspielerinnen und Schauspieler an der Volksbühne hat mich stark beeindruckt. Alles, was mir an der Schauspielschule als "falsch" gespiegelt wurde, haben die gemacht. Als Matthias mich fragte, ob ich an die Kammerspiele will, habe ich mir Ähnliches erhofft.

So ganz wie an der Volksbühne war es aber wohl dann doch nicht. Waren Sie enttäuscht?
Nein. Aber mir ist nochmal richtig klar geworden, dass Theater unkontrollierbar ist. Es kommen ja alle mit den besten Vorsätzen an, niemand will irgendwas an die Wand fahren. Aber im Theater kommen die unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Abteilungen zusammen. Dazu kommt das Publikum im Livemoment – sprich, es gibt sehr viele unberechenbare Faktoren. Theater ist nun mal kein Fertigprodukt zum Auswählen und dann Einkaufen, für das Publikum nicht und für uns nicht.

Man sagt, dass ein Regie-Intendant während der Endproben besser Einfluss auf die Premiere einer Inszenierung nehmen kann, als ein Dramaturgen-Intendant. War das womöglich ein Problem?
Also, ich finde gerade dieses Einschreiten des "Regie-Intendanten" bei den Endproben grauenhaft. Es ist doch furchtbar, wenn kurz vor der Premiere der große, weise Patriarch kommt, sich in der letzten Reihe ins Dunkel setzt und sich das anschaut, dann mit dem Regie-Team im Intendantenzimmer verschwindet und am nächsten Tag ist plötzlich alles anders. Als Schauspielerin, die das Stück auch maßgeblich mitgestaltet hat, frage ich mich dann, was soll bitte dieser Wink Gottes? Ich finde es absolut angenehm an Matthias Lilienthal, dass er sich nicht anmaßt, die Stücke nach seinem Geschmack umzuinszenieren. Damit geht er natürlich auch ein gewisses Risiko ein.

Es ist vielleicht zu viel Laissez-faire?
Finde ich nicht. Er hat sich immer wieder selbst auch überraschen lassen, was ich sehr schön finde. Ich muss aber auch mal sagen, dass ich es müßig finde, immer über Lilienthal zu reden. Ich finde, er hat auch zu viel über sich geredet. Die Stadt hat zu viel über ihn geredet. Für mich war es interessanter, mich auf meine Kolleginnen und Kollegen, auf meine Projekte zu konzentrieren und eher problematisch, dass sich der ganze Diskurs so an Lilienthal aufgehängt hat. Persönlich kann ich sagen, dass ich ihm sehr dankbar bin für das, was er mir hier ermöglicht hat. Es ist ihm tatsächlich gelungen, ein neues Theater für die Stadt zu schaffen, auch wenn es im Getriebe manchmal geknarzt.

Wo hat es besonders geknarzt?
Ich finde, dass Theater oft wahnsinnig viel wahnsinnig schnell produzieren. Für mich ist das so ein veralteter Turbokapitalismus der Nuller-Jahre. Ich glaube, dass diese Geschwindigkeit für viele Abteilungen, auch für das kleine Ensemble, nicht so einfach war.

Nach einigen Querelen und geringer Zuschauerauslastung kam "Dionysos Stadt" und die Auszeichnung "Theater des Jahres". War diese Inszenierung der entscheidende Wendepunkt?
Nicht unbedingt. Ich würde sagen, wir hatten von Anfang an eine Entwicklung nach oben, von der ersten Spielzeit bis zur letzten Produktion. Es war ein immer intensiver werdendes Sich-Austauschen, Sich-Auseinandersetzen und Zusammenfinden. Für mich persönlich waren Produktionen wie "Der Vater" von Nicolas Stemann in der vierten Spielzeit entscheidend, wo an jedem Abend ein berührender Kontakt mit dem Publikum entstand. Oder "Farm Fatale" von Philippe Quesne.

Neben dem Finale mit den "Räuberinnen" kommt ein Film in der Kammer 4.
Gemeinsam mit der Dramaturgin Anna Gschnitzer habe ich einen Ensemblefilm entwickelt, den wir mit den Kolleginnen in den Kammerspielen und an einem Schieß-Stand in Allach gedreht haben. Der Film heißt "Bodies of Armed Matriarchy", kurz "BAM", und ist eine Skandalreportage in drei Teilen. Es ist ein Riesenprojekt geworden, über eine Organisation, die von Annette Paulmann gegründet wurde, und deren Mission es ist, das Patriarchat endgültig zu entwaffnen.

Nach dieser Spielzeit werden Sie freie Schauspielerin – auch ein riskanter Sprung ins Ungewisse.
Auf jeden Fall. Aber ein Sprung, auf den ich mich freue. Dabei bleibe ich hier. Gerade während Corona sind München und ich Freundinnen geworden. Durch die Isar, die vielen Grünflächen und der Nähe zur Natur fand ich es aushaltbar, hier im Lockdown zu sein. Und ich muss sagen, ich verspreche mir für die Zukunft viel von München. Gerade von der HFF kommen derzeit viele junge Regisseurinnen, die sehr interessante Filmsprachen entwickeln.

Sie selbst proben gerade mit einem Regie-Intendanten, Martin Kusej. Mit "Das Leben ein Traum" eröffnet er am 11. September die neue Saison an seinem Wiener Burgtheater. Wie ist es mit ihm?
Martin Kusej ist wahnsinnig nett zu mir. Wir hatten jetzt schon zwei Wochen Vorproben, was sehr gut lief, wobei ich von der großen Bühne im Burgtheater doch etwas erschlagen bin. Die Bühne der Kammerspiele hat meine Spielweise wesentlich geprägt, dort kann man sehr persönlich miteinander spielen. Am Burgtheater ist das anders, da muss man deutlicher und lauter werden.

Und danach stürzen Sie ins Nichts?
Im Winter drehe ich einen Film in Paris, auf Französisch, mit Bertrand Mandico, der "The Wild Boys" gemacht hat und jetzt dieses Riesenprojekt plant: Wir werden, so der Stand der Dinge, über zwei Monate hinweg proben und drehen, wobei der Dreh an den Wochenenden für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Also die Leute können uns, ähnlich wie im Theater, beim Arbeiten live zusehen. Dank Corona wurde auch intensiver über die Hybridisierung von Film und Theater nachgedacht.

Und welche Stunts haben Sie nach dem Flying Fox noch vor?
Ich weiß nicht. Ich fliege einfach weiter.

Montag, 20. Juli, Kammer 1, 19.30 Uhr, "Die Räuberinnen". Der Film "BAM – Bodies of Armed Matriarchy" ist ab 20. Juli, 18 Uhr, für nur 24 Stunden auf der Website der Kammerspiele abrufbar


 
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