Münchner Kammerspiele "1968 - Eine Besetzung der Kammerspiele" in der Kammer 1

Thomas Hauser als von der Bourgeoisie als „Gammler“ gescholtener 68’er im Selbstversuch des Sich-Aufblasens. Foto: Julian Baumann

Die Kammerspiele wollen 50 Jahre nach 1968 zeigen, was der damalige Aufbruch heute für uns bedeuten kann

Es ist nicht so, dass nicht auch Politiker am äußeren rechten Rand keine Impulse für ein emanzipatorisch verstandenes künstlerisches Tun geben könnten. Vor zwei Jahren hatte AfD-Vorstandsmitglied Jörg Meuthen erklärt, er wolle „weg vom moralisch verrotteten, links-rot-grün versifften 68er-Deutschland“.

In der Dramaturgie der Münchner Kammerspiele begann man zu fragen: Was ist das eigentlich, das linke, rot und grün verseuchte 68er-Deutschland? Ein zweiter Anlass, sich mit diesem mythisch gewordenen Jahr 1968 im Theater zu beschäftigen, ist, dass es genau 50 Jahre zurück liegt.

Betrachtung aus dem Abstand

Es gibt kein einzelnes Datum zu feiern. 1968 war ein langjährig andauernder Zustand davor und danach mit nachhaltiger Wirkung auf das Leben in Deutschland. Die Kammerspiel-Dramaturgin Johanna Höhmann ist ein Kind der 1980er-Jahre. Für ihre Generation ist die aggressiv diskursfreudige Epoche Geschichte, die mit Abstand betrachtet werden kann und deren Ideologie auch kritisch geprüft werden sollte. Andererseits gab es „diesen Moment der Solidarität. Das fasziniert unsere Generation. Vieles von dem, was wir heute als selbstverständlich nehmen wie die Liberalisierung der Gesellschaft, ist davon getragen“. Höhmann betreut die Theateraktion „1968 - Eine Besetzung der Kammerspiele“, die heute in der Kammer 1 Premiere hat.

Der Werkraum der Kammerspiele – heute die Kammer 3 – war auch ein Schauplatz des damaligen Ungehorsams: Am 5. Juli war eine Geldspendenaktion des Regisseurs Peter Stein zugunsten der Bewaffnung der kommunistischen Vietkong Anlass eines Eklats. Die Schauspieler, darunter Wolfgang Neuss, gingen nach der Vorstellung mit dem Hut im Publikum des Werkraums herum. Das Stück von Peter Weiss trug den kaum noch etwas offen lassenden Titel „Diskurs über die Absicht und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskriegs in Vietnam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten“.

Sammeln für den Vietcong

Leonie Böhm nimmt den zum Politikum gewordenen Vorfall zum Ausgangspunkt ihres Beitrags zu „1968“ und befragt die Akteure von damals. „Wie absurd ist das denn?“, fasst Johanna Höhmann den Böhmschen Ansatz zusammen. „Wir solidarisieren uns mit einem Krieg. Spenden für Waffen zu sammeln, auf welcher Seite auch immer, erscheint uns heute relativ fremd“.

Um eine historische Aufarbeitung geht es bei diesem Experiment allerdings nicht, gibt Höhmann zu bedenken. Die Ereignisse um 1968 geben nur „einen Anstoß, eine neue Perspektive auf die Gegenwart zu entwickeln“.

Dazu gehören auch die Fragen, welche Bedeutung die Achtundsechziger für die Entwicklung der weiblichen Emanzipation hatte und ob überhaupt. Dem gehen die vier Performerinnen von Henrike Iglesias nach. Insgesamt wurden für das Projekt sieben Künstler beziehungsweise Gruppen eingeladen, das Phänomen 1968 zu reflektieren und die Bühne des Schauspielhauses für 15 bis 20 Minuten zu „besetzen“.

Elfriede Jelinek im Video

Den Geist der Sit-ins und besetzten Unis soll das Raumlabor Berlin mit dem Aufreißen des Raums zwischen Zuschauern und Bühne beschwören. Anna-Sophie Mahler, die auch Bierbichlers „Mittelreich“ inszeniert hatte, tritt in Kontakt mit ihrem Vater Eugen Mahler, der den die 1960er-Jahre prägenden Generationenkonflikt als Mitarbeiter von Alexander Mitscherlich in Frankfurt als Zeitzeuge und aus der Sicht des Psychoanalytikers miterlebte.

1968 gab es aber nicht nur in Deutschland. Die Truppe „Gintersdorfer / Klaßen“ arbeitet entlang der Schrift „Die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon über den Kampf gegen Kolonialismus und Rassismus mit Künstlern von der Elfenbeinküste. Aus Mexiko kommt Alberto Villarreal, der sich auf die Olympischen Spiele in seiner Heimat bezieht, aus Polen Wojtek Klemm mit einer Arbeit über Formen des Widerstands, aus Frankreich das Collectif Catastrophe, das, so Johanna Höhmann, mit ihrem Kampf für das Überwinden kapitalistischer Strukturen den Achtundsechzigern nahe stehe, sowie aus Österreich und auf Video Elfriede Jelinek.  

Münchner Kammerspiele, Kammer 1, Premiere am 8. Februar, nächste Vorstellungen morgen, 11., 12., 17. bis 20. Februar, 20 Uhr, Telefon 23396600
 

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