Münchner im Porträt Klaus von Gaffron: Kunst gegen Kurstadtmentalität

Klaus von Gaffron in seinem Atelier. Hier ist er lieber als inmitten der „Pseudogeneration“ mit ihren „lecker designten Cafés“. Foto: Daniel von Loeper

Der Chef des Berufsverbandes Bildender Künstler findet in München so einiges nicht in Ordnung. Weil einer Stadt, in der es meist um Gewinn geht, die Armut droht.

Schwabing - München? Nein. Einfach ist das mit ihm und der Stadt wirklich nicht. Lange, sagt er, habe er mit ihr gehadert. Tut es heute noch. Wegen der Art, wie mit Künstlern und der Kunst umgegangen wird. Von „Kurstadtmentalität“ spricht er. Von mangelnder geistiger Offenheit. Vom fehlenden Raum für Künstler, den Bildenden im Besonderen.

Gegangen ist er trotzdem nie. „Früher war ich zu feig“, sagt er. „Heute bin ich zu alt.“ Im kommenden Jahr wird Klaus von Gaffron, seit 1992 Erster Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) München und Oberbayern, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande sowie der Medaille „München leuchtet“ in Silber, 70 Jahre alt.

Jetzt sitzt er in einem tiefen Stuhl in seinem Atelier in der Streitfeldstraße in Berg am Laim. Seit drei Jahren ist er in diesem Gebäude, das ausschließlich von Künstlern genutzt wird. Es ist neue Heimat für all diejenigen, die sich keine Ateliers mehr in der Stadt leisten konnten. Weil die Mieten zu teuer geworden sind. Und die Räume in Wohnungen umgewandelt wurden. Diese „Gewinnmaximierungsabsicht“ findet Gaffron, der auf sein „von“ keinen großen Wert legt, negativ.

In der Streitfeldstraße ist alles genossenschaftlich geregelt. Eine „Gewinnerzielungsabsicht“ gebe es nicht. Gaffron glaubt, dass das genossenschaftliche Wohnen die Form ist, die sich durchsetzen wird. Zumindest im künstlerischen Bereich. Als optimale Lösung sieht er das Atelierhaus dennoch nicht.

München, sagt er, könne es sich nicht leisten, alles über Atelierhäuser abzufangen. München sei Akademiestadt, sei Kulturstadt, dennoch würden die Künstler abwandern. Allerdings nicht freiwillig. Sondern wegen der Lebenshaltungskosten.

Von Gaffron findet die Abgänge mehr als bedenklich. Denn: „Erst Kraft der Ideen ihrer Künstler, durch ihre Lebendigkeit, ihre Experimente und Diskussionen wird eine Stadt.“ Fehle das, dann seien die Aussichten düster. Man sehe das ja an München. Das „gepflegte Mittelmaß“ habe sich in den Vierteln breitgemacht, in die sich der „Gutbürger“ früher nicht hinein wagte. Nach Schwabing, ins Westend, nach Giesing.

Und jetzt? Kein Lärm, keine Abgase, kein Kindergeschrei sei mehr erwünscht. Luxussaniert alles, sagt von Gaffron. Wohnungen, die perfekt sein müssen, bewohnt von Hipstern, dieser kritiklosen „Pseudogeneration“, mit ihren „lecker designten Cafés“, in denen Getränke in Senfgläsern serviert würden. Nicht, weil die Betreiber aus Mangel an Geld nach kreativen Lösungen suchen mussten, sondern weil irgendjemand gesagt habe, das sei jetzt schick.

Eine „Rentner- und Kurstadtmentalität“ attestiert Klaus von Gaffron München deshalb. Handelt abschließend noch eloquent die „Vermassung des Geschmacks“ ab, den ihm unverständlichen Hype um den FC Bayern und die Volkshochschul-Besucher, die ihre Malereien für große Kunst hielten, während sie in Wahrheit doch nur ein „Farbfurz“ seien.

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Dann schweigt er. Lässt das Gesagte wirken. Sitzt in seinem Stuhl. Eine imposante Erscheinung. Langer, weißgrauer Bart, durch den er immer wieder mit einer Hand streicht. Ein schwerer Ohrring, der sein linkes Ohrläppchen verdreht. Auf dem Kopf ein schwarzer Hut. Die Kleidung: schwarz. Wenn er redet, blitzen in seinem Mund goldene Zähne. Piraten alter Schule wären neiderfüllt.

Von Gaffron spricht mit einer unaufgeregten Stimme. Selbst wenn er in Fahrt kommt, kommt er nicht hörbar in Rage. Vielleicht ist es Resignation. Vielleicht ist es das Wissen, dass man sowieso immer aneckt, wenn man eine eigene, für andere unbequeme Meinung hat, das ihn so ruhig wirken lässt. Vielleicht ist es auch die Weisheit des Alters, die kopfschüttelnd zusieht, was die Nachgeborenen da mehrheitlich so mit dem Leben machen.

Sein Leben begann in Straubing, wo er im April mit dem Kulturpreis der Ritterstiftung ausgezeichnet wurde. Die von Gaffrons, ein altes Adelsgeschlecht, waren Kriegsflüchtlinge, gelandet in Niederbayern. Seine Eltern zogen mit den beiden älteren Schwestern bald nach München. Den Sohn ließen sie bei den Großeltern in Straubing. Holten ihn später nach, damit aus ihm auf einem Privatgymnasium doch noch etwas „Gescheites wird“. Einen Doktor wünschten sich die Eltern. Leider vergeblich.

Von Gaffron hatte in Straubing erste Erfahrungen mit der künstlerischen Arbeit gemacht, mit „experimentellen Zeichnungen“, die, wie er sagt, noch „stümperhaft“ waren. Er hatte Leute kennengelernt, die er gut fand und die nicht mit der Masse liefen, hatte Freunde, die „intellektuell andere Denkmuster“ hatten. Er hatte seine Welt entdeckt.

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Woher sein Protest kam, sein Wunsch, aus der Gutbürgerlichkeit auszubrechen? Von Gaffron überlegt, sagt: „Ich weiß es nicht.“ Man habe das Leben der Eltern gesehen und wollte es anders machen. Und dass die Gesellschaft damals in einer Widersprüchlichkeit lebte, die natürlich zur Auflehnung führen konnte, wenn man sich reflektorisch mit ihr auseinandersetzte.

Das Privatgymnasium in München hat er übrigens „fluchtartig“ verlassen – und eine Lehre zum Buchhändler gemacht. Mit 21 Jahren geheiratet, weil sein Sohn auf die Welt kam und „die Ehe die Flucht aus dem Elternhaus“ war. Die Ehe hielt nicht, der Sohn blieb bei ihm.

Nach der Lehre studierte Klaus von Gaffron an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er begann mit der Malerei, stellte aber schnell fest, dass das „nicht mein Metier“ ist. Ihm war das Experiment wichtiger. In der Fotografie fand er schließlich die Möglichkeit dazu.

Seine großformatigen Werke sind weit entfernt von der Instagram- oder grellkühlen Werbeoptik, die das Auge und der Geist zur Zeit als Geschmacksoptimum anerkennt. Ruhige, intensive analoge Fotografien, die einen gefangen halten, fast meditativ wirken können. „Kunst anschauen bedeutet, dass man sich Zeit lassen muss“, sagt er. „Lichtmalereien“ nannte es die Jury des Straubinger Richterpreises.

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Die Kunst wurde zum Lebensinhalt. Er betrieb von 1978 bis 1983 die Non-Profit-Galerie „Gaffron“, in der er nur Leute ausstellte, die er mochte. Wurde Vorstand des Berufsverbands Bildender Künstler.

Er arbeitete für die Münchner SPD, ist im Kunstbeirat der Himmelfahrts- und der Kreuzkirche und rief vor 15 Jahren mit dem BBK das Schul-Projekt „Künstler treffen Kinder“ ins Leben.

Warum das alles, die Arbeit mit den Institutionen und den Kindern? Klaus von Gaffron sagt, weil die Leute wissen sollen, wie Künstler leben und arbeiten. Damit die Menschen sehen, wie wichtig Kunst tatsächlich ist. „Der Künstler“, sagt von Gaffron, „ist die Grundlage der humanistischen Gesellschaft.“

Ganz zum Schluss sagt er dann noch, dass München für ihn auch an Qualität gewonnen habe. Durch die Menschen, die er hier kennengelernt und das Leben, das er sich mit ihnen aufgebaut habe. Aus touristischen Gesichtspunkten sei München sogar eine schöne Stadt – wenn da nur nicht die vielen Menschen „in Jankern“ wären.

 

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