Münchner Forscherin will wachrütteln "Feinstaub macht krank" – auch in München

Ein Laster fährt auf der Landshuter Allee – und über 100 000 andere Autos auch. Das bedeutet: Feinstaub-Alarm! Auch das Tempolimit von 50 Stundenkilometern ändert daran nur wenig. Foto: Foto: Jörg Koch/dpa

Die Belastung durch die kleinen Partikel erhöht das Risiko für Herzinfarkte und fördert Krebs. Eine Forscherin aus München will aufrütteln.

 

München - Feinstaub ist unsichtbar. Kein Röntgenapparat und auch kein Computertomograph können die Partikel im menschlichen Körper aufspüren. Sie sind 25 Mal kleiner als ein Millimeter: „Erst, wenn es zu spät ist, bei einer Obduktion, können Mediziner die Spuren in unseren Lungen entdecken“, erklärt die Münchner Feinstaub-Expertin Annette Peters. Die 48-jährige Wissenschaftlerin lehrt in Harvard und an der Ludwig-Maximilians-Universität. Zudem arbeitet sie am Münchner Helmholtz-Zentrum als Instituts-Direktorin. Die Mission der Professorin: Denkanstöße geben. Münchner Bürger klärt sie über die alarmierenden Erkenntnisse der jüngsten Feinstaub-Forschung auf. Die AZ sprach mit der Expertin.

AZ: Frau Peters, richtig gute Luft gibt es in Skandinavien. Südeuropa ist dagegen am stärksten belastet. Wie gut ist es eigentlich um die Münchner Luftqualität bestellt?
Annette Peters: Sie liegt genau in der Mitte zwischen europäischen Städten wie Stockholm oder Kopenhagen und Athen oder Barcelona, sagt meine Statistik.

Müssen sich Münchner davor fürchten, dass Lärm und Feinstaub sie krank machen?
Ja. Denn wir alle im städtischen Umfeld kommen der Belastung nicht aus. Lärm und Feinstaub an viel befahrenen Straßen wie am Mittleren Ring haben nachgewiesen negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Lärm erhöht den Blutdruck und verändert die Herzfrequenz. Feinstaub in der Lunge fördert Herzinfarkte und Krebs.

Aber die Schadstoffbelastung in der Stadt liegt doch innerhalb der EU-Grenzwerte…
Aus meiner Sicht liegt genau hier das Problem: Die aktuell gültigen Grenzwerte in der Europäischen Union sind ungenügend. Sie sollten deutlich strenger sein und gehören dringend aktualisiert. Das wäre für alle Menschen in München und Europa gut.

Sogar die USA haben strengere Grenzwerte für Feinstaub als das Öko-Musterland Deutschland. Wie kommt das?
Die USA haben ihre Schadstoff-Gesetzgebung 2012 überarbeitet – und sich dabei an den jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Die europäischen Gesetze sind älter. Damals kannte man aber die negativen Effekte von Feinstaub noch nicht so.

Welchen Grenzwert fordern Sie?
Ich befürworte den Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der liegt bei zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Schweiz folgt exakt der WHO-Empfehlung. Unser EU-Grenzwert liegt leider bei 25 Mikrogramm – und damit zweieinhalb Mal so hoch wie der von der WHO.

Sind Kinder in München besonders gefährdet?
Ich rate Müttern, die einen Kinderwagen oder Buggy schieben, Wege entlang von viel befahrenen Straßen zu meiden, besonders bei Inversionswetterlage, wenn eine Dunstglocke über der Stadt hängt. Die Kinder sitzen unten, atmen mehr Verkehrsdreck ein. Außerdem wird in einer kleinen Kinderlunge pro Quadratzentimeter mehr Feinstaub deponiert als bei Erwachsenen. Studien zeigen, dass die Lungenfunktion von Großstadtkindern weniger entwickelt ist als die von Landkindern.

Sie sagen: Menschen mit Vorerkrankungen sollten in der Großstadt besonders aufpassen.
Ja, ich meine Patienten mit chronischer Bronchitis und anderen Lungenerkrankungen. Bei Diabetikern, Menschen, die an Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz und Arteriosklerose leiden, erhöht die Inhalation von Feinstaub ganz klar das Herzinfarkt-Risiko.

Forscher haben jetzt herausgefunden, dass fettes Essen die Wirkung von Umweltschadstoffen im Körper erhöht. Wieso ist das so?
Schadstoffe setzten Sauerstoffradikale frei. Diese wiederum oxidieren das Fett, das wir essen. Sie wandeln es um in eine schädliche Form, etwa in oxidiertes Cholesterin. Das fördert die Arterienverkalkung und schwächt das Immunsystem. Wer einen chronisch ungesunden Lebensstil pflegt und hoher Luftverschmutzung ausgesetzt ist, ist besonders belastet.

Das Münchner Gesundheitsreferat hat Sie als Referentin engagiert. Wieso?
München spielt eine Vorreiterrolle, die Stadt ist in Umweltfragen sehr aktiv. Die Erkenntnisse der jüngsten Feinstaub-Forschung sind brandneu. Referent Joachim Lorenz wehrt diese Ergebnisse nicht ab wie andere. Er handelt sehr couragiert, finde ich (siehe Text unten, die Redaktion).

Gibt es beim Thema Luftverschmutzung in München auch einen Hoffnungsschimmer?
Der Vergleich ist interessant: Denn die Münchner Luft ist heute deutlich besser als noch in den 80er-Jahren. Seitdem hat sich die Feinstaubbelastung nämlich halbiert. Außerdem hat unsere Lunge eine große Kapazität sich zu regenerieren. Das kennt man von Ex-Rauchern.

Über die Jahre wirke Feinstaub auf die Gesundheit, als würden immer wieder kleine Nadelstiche gesetzt, erklären Sie. Was ist Ihre Vision?
Ich wünsche mir, dass in München auch die Schweizer Grenzwerte eingeführt werden. Das würde eine große Anstrengung für uns alle bedeuten, aber es ist machbar. Dafür bräuchten wir deutlich sauberere Autos, wie bräuchten Elektroautos – und noch strengere Vorschriften für Kamine.

Was kann der Bürger tun?
Jeder in der Stadt kann darauf achten, möglichst wenig Auto zu fahren oder auch Holz-Öfen nach den neuesten Standards zu verwenden. Die Stadt hat dazu gerade fortschrittliche Gesetze erlassen. Mein Spezial-Tipp: Mit gut getrocknetem Holz heizen. Im Idealfall sollte es drei Jahre gelagert worden sein. Dann sind weniger Feinstaubpartikel im Rauch.

 

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