Münchner Arzt im AZ-Interview Corona-Patient: "Habe die Sache vollkommen unterschätzt"

Dr. Stephan Hoeltz hatte sich selbst im Klinikum Großhadern eingewiesen. Foto: Daniel von Loeper

Der Münchner Arzt Stephan Hoeltz war an Covid-19 erkrankt – der schweren Form. Er berichtet von der Krankheit und seinem Kampf mit dem Tod.

 

AZ-Interview mit Dr. Stephan Hoeltz: Der 57-jährige Münchner ist der ärztliche Leiter des Orthopädischen Versorgungszentrums München-Ost in der Kreillerstraße.

AZ: Herr Dr. Hoeltz, Sie sind Mediziner. Wie und wo, glauben Sie, haben Sie sich mit dem Coronavirus angesteckt?
DR. STEPHAN HOELTZ: Ich war Mitte März mit Freunden in St. Anton in Tirol beim Skifahren. Da hörten wir schon davon, dass Ischgl wegen Corona dichtgemacht wird. Zwei Tage später waren wir dran. Wir gehörten am Freitag, es war der 13. März, mit zu den Letzten, die aus dem Tal rauskamen, bevor es abgeriegelt wurde.

Haben Sie Après-Ski gemacht, wobei sich mutmaßlich viele in Tirol angesteckt haben?
Nein, überhaupt nicht. Wir kehrten auf der Hütte ein und waren abends essen, ganz normal. Natürlich fuhren wir mit der Gondel, da waren ein paar mehr Menschen drin.

Wie ging es weiter?
Weil ich in einem Risikogebiet war und weil ich Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern habe, wollte ich mich am Wochenende in München gleich testen lassen. Das war aber nicht möglich. Die "Drive-through"-Tests waren Leuten vorbehalten, die einen Code vom Gesundheitsamt hatten – das war natürlich zu. Dann ging ich am Montag zu einem befreundeten HNO-Arzt, der den Abstrich machte. Das Ergebnis, das ich erst am Donnerstag bekam, war negativ. Ich hatte ganz leichte Symptome, Schnupfen und Halskratzen.

Corona-Patient Hoeltz: "Dachte, es sei eine bakterielle Pneumonie"

Sind Sie dann wieder in Ihre Praxis zum Arbeiten gegangen, der Test war ja negativ?
Ja, zwei Tage, Montag und Dienstag, 23. und 24. März. Ich dachte, ich habe nichts. Dienstagabend fühlte ich mich schlechter, ich war sehr müde und schlapp. Richtig bergab ging’s Mittwoch, da bekam ich Fieber und Schüttelfrost. Hauptsymptom waren Kopfschmerzen. Am Freitag bin ich wieder zu dem HNO-Arzt, der auch ein Röntgenbild von der Lunge machte, auf dem eine beginnende Lungenentzündung zu erkennen war.

Ich nahm zwei verschiedene Antibiotika, weil ich dachte, es sei eine bakterielle Pneumonie – und kein Virus. Ein Kollege brachte mir Sauerstoff aus der Praxis nach Hause und ein Fieberthermometer. Blöderweise hatte ich keines daheim. Meine Temperatur ging bis auf 39,5 Grad rauf. Ins Krankenhaus wollte ich aber trotzdem nicht, auch aus Angst vor Keimen. An so einem Keim ist mein Onkel vor 40 Jahren verstorben.

Irgendwann ging es aber nicht mehr anders, oder?
Ja, genau. Am Sonntag packte ich mein Köfferchen und wies mich in Großhadern selbst ein, weil weder Sauerstoff noch Medikamente halfen. Da dachte ich, es könnte schon Corona sein – trotz des negativen Tests.

Corona-Patient Hoeltz: Zweieinhalb Tage fehlen in der Erinnerung

Wie ist das Gefühl, wenn Gewissheit in einem heranreift?
Ich wusste, dass künstliche Beatmung ansteht. Im Krankenhaus verschlechterten sich die Sauerstoffwerte immer mehr. Um 20 Uhr sagten die Ärzte schließlich, es hilft nichts, sie müssen intubieren, einen Schlauch in die Luftröhre einführen.

Die Anästhesisten sollten gleich kommen, aber sie kamen erst zwei Stunden später, weil sie einen anderen Fall versorgen mussten. Diese Zeit war am schlimmsten. Die Warterei darauf, dass sie dich ins künstliche Koma versetzen, und du, wenn's dumm läuft, nie wieder aufwachst. Die folgenden zweieinhalb Tage fehlen mir. Nichts. Keine Erinnerung. Ich wachte am Mittwoch auf und spürte, dass ich noch den Tubus im Hals habe. Ich atmete spontan. Die Ärzte beruhigten mich und sagten, dass meine Werte super seien.

Wie ging es Ihnen ansonsten?
Das Hauptproblem war der Darm, der geschwollen war und wehtat. Ich bekam Abführmittel, was in der Folge etwas kompliziert wurde, weil ich an lauter Strippen hing. Da waren sicher an die zehn sogenannte Perfusoren, die alles Mögliche in einen reinpumpen.

Wie hat man sich gekümmert auf der Intensivstation?
Neben mir lag ein Mann, dem es schlechter ging, der bekam zurecht mehr Aufmerksamkeit. Zu mir kamen sie alle zwei, drei Stunden, weil die Schutzkleidung knapp war. Das Personal war schon gestresst. Ich hatte das Glück, dass ich zu den frühen Fällen gehörte. Es ist leider zu befürchten, dass sich beim Personal noch welche anstecken werden. Berufsrisiko.

Corona-Patient Hoeltz: "Ich werde einen Gang rausnehmen"

Wie wäre Ihre Covid-19-Erkrankung ausgegangen, wenn Sie nicht künstlich beatmet worden wären?
Tödlich. Ich habe mein Leben unserer hoch technisierten Medizin zu verdanken.

Im Nachhinein betrachtet: Haben Sie alles richtig gemacht?
Nein, ich habe die ganze Sache vollkommen unterschätzt. Ich hätte nie zum Skifahren gehen dürfen. Aber ich hatte keine Vorerkrankungen, gehörte mit 57 nicht zur Risikogruppe.

Wie geht es Ihnen jetzt?
Ich hätte nie gedacht, dass es mit der Rekonvaleszenz so schnell geht. Ich befinde mich in häuslicher Quarantäne – und langweile mich. Mein Geschmackssinn hat gelitten, alles schmeckt nach Pappe. Einen Marathonlauf möchte ich vielleicht noch nicht machen.

Werden Sie Ihr Leben ändern?
Ich sehe es als Geschenk an, überlebt zu haben. Ich werde einen Gang rausnehmen, weniger reisen, versuchen, mich an kleinen Dingen zu erfreuen. Ich möchte für meine Kinder da sein – und auch für meinen 90-jährigen Vater.

Lesen Sie hier: Bedürftige in der Corona-Krise - So hilft das Sozialreferat

 

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