Münchenstift Pflegeskandal? - Polizei in Münchner Altenheim

Das Heim St. Josef - auch hier soll es Missstände geben. Foto: John Schneider

Mit versteckter Kamera und unter falschem Namen sorgt eine RTL-Reporterin für Aufsehen: Wurden im Sankt-Josef-Heim in München Bewohner geschlagen?

Sendling - Wer Angehörige in einem Pflege- oder Seniorenheim hat, kennt vermutlich das mulmige Gefühl angesichts der Frage: Was passiert in diesen Einrichtungen mit den Menschen, wenn kein Außenstehender dabei ist? Da kursieren abenteuerliche Geschichten – und eine weitere ist jetzt hinzugekommen. Sie stammt aus München.

Die RTL-Journalistin Pia Osterhaus berichtet im „Team Wallraff“ von Erfahrungen, die sie als Praktikantin im Sankt- Josef-Heim gemacht hat, dem Altenheim der Münchenstift direkt am Luise-Kiesselbach-Platz. Dort kostet der Pflegeplatz zwischen 2.500 und 4.000 Euro monatlich.

Osterhaus hat dort unter falschem Namen mit versteckter Kamera gearbeitet. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, rechnet sie vor, kamen zwei bis drei Pfleger auf knapp 40 Patienten: Pro Schicht blieben demnach siebeneinhalb Minuten pro Bewohner für Waschen, Pflege, Toilette und mehr.

Das sagt RTL

„Die RTL-Reporterin findet eine 92-Jährige vor, die seit Stunden im durchnässten Bett sitzt, tägliches Duschen oder Baden ist nicht möglich. Die Nerven der Pfleger im Wettlauf gegen die Zeit werden gerade mit schwierigen Patienten oft auf die Probe gestellt.“

Im Film berichtet eine Pflegerin, eine Kollegin habe einen Heimbewohner ins Gesicht geschlagen.

Bilder zeigen Senioren mit blauen Flecken an den Armen – und einen Mann mit massiven Einblutungen unter beiden Augen, einem so genannten Brillenhämatom. Das könnte, so erklärt ein Experte, die Folge eines Sturzes auf den Hinterkopf sein. Eventuell auch von Schlägen. Laut der Pflege-Dokumentation des Bewohners, so schildert es RTL, habe der Mann behauptet, geschlagen worden zu sein: Die Polizei wird gerufen, als Kollegen die Beschwerde des Patienten weitergegeben hätten.

Die Reporterin bringt im Zimmer des Patienten eine versteckte Kamera an. Die zeichnet auf, wie ein Pfleger den Senior – zunächst sehr höflich – aus dem Bett in einen Rollstuhl bewegen will, um ihn zum Essen abzuholen. Der demente Mann aber wehrt sich, schlägt nach dem Pfleger – bis der ihn schließlich, körperlich überlegen, in den Rollstuhl bugsiert.

Auch das Eintreffen von zwei Polizisten im Zimmer des Senioren wird von der Kamera dokumentiert. Ein Beamter fragt, warum die Polizei angesichts der Hämatome nicht früher gerufen worden sei. Eine Mitarbeiterin antwortet ausweichend. Eine Vernehmung des dementen Bewohners, der kein Deutsch spricht, bleibt ebenfalls ergebnislos.

Bei RTL heißt es zu dem Fall: „Laut Recherche der Undercover-Reporterin fanden entscheidende Untersuchungen wie eine Computertomographie nicht statt. Laut Auskunft der Einrichtung werden die Ermittlungen voraussichtlich eingestellt.“

Und: „Über Wochen hatte Reporterin Osterhaus der Heimaufsicht in München anonyme Meldungen über die Missstände in dem Heim zukommen lassen – keine Reaktion.“ Die folgte dann allerdings doch – am Dienstag nach der Ausstrahlung.

Das sagt das KVR

Im Kreisverwaltungsreferat hieß es am Dienstag, man sei den Gewaltvorwürfen nachgegangen: „Die Einrichtung wurde zweimal überprüft. Darüber hinaus hatten Polizei und Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen.“ Es gebe „keine Hinweise auf gewaltsame Handlungen durch Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter der Einrichtung“. Weiter heißt es: „Darüber hinaus wurde die Einrichtung nochmals gesondert und gemeinsam mit der Regierung von Oberbayern überprüft. Auch hier konnten die Vorwürfe nicht bestätigt werden.“ Wegen der RTL-Berichterstattung solle umgehend eine erneute Überprüfung stattfinden.

Das sagt Münchenstift

Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker spricht in der „SZ“ von „Misshandlung“. Die bei RTL gezeigten Vorfälle würden absolut nicht toleriert, und er wolle „sehr scharf reagieren“: Die im Film unkenntlich gemachten Mitarbeiter müssten sich daher auf „unmittelbare personelle Konsequenzen“ einstellen.
 

Das sagt Claus Fussek

Der Münchner Pflege-Experte hat für den RTL-Beitrag mit dem „Team Wallraff“ zusammen gearbeitet. Dort behauptet er: „Pflegeheime sind rechtsfreie Räume.“ Zur AZ sagt Fussek nach der Ausstrahlung: „Es kann nicht sein, dass wir eine versteckte Kamera brauchen, um zum Beispiel den Personalschlüssel herauszubekommen.“ Es gebe ein „System der Überforderung, das kann nicht funktionieren.“ Fussek: „Die gezeigten Zustände sind die Regel, nicht die Ausnahme. Aber es gibt auch positive Beispiele.“

 

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