Münchener Kammerorchester Christian Tetzlaff spielt Beethovens Violinkonzert

Christian Tetzlaff bei einer Probe mit dem Münchener Kammerorchester. Foto: Florian Ganslmeier

Christian Tetzlaff mit Beethovens Violinkonzert beim Münchner Kammerorchester.

 

Er hat seinen Look verändert. Der brave Kurzhaar-Schnitt ist einem Zopf gewichen, gewürzt mit einem verwegenen Bärtchen. Auch als Geiger hat sich bei Christian Tetzlaff viel getan. Der gebürtige Hamburger ist nicht stehengeblieben, um gerade die zentralen Werke des Repertoires neu zu befragen: zeitgemäß und eigen. Das offenbarte sein Gastspiel beim Münchener Kammerorchester im Prinzregententheater mit dem Violinkonzert op. 61 von Beethoven.

Ohne Dirigent wurde musiziert, als Leiter fungierte Konzertmeister Daniel Giglberger. Beim MKO hat das Tradition: Auch mit Isabelle Faust wurde das Werk 2015 so ergründet, weil es eben kein Virtuosenstück ist. Die Sologeige ist Teil eines ganzheitlichen Klangkörpers: wie im Barock oder der Klassik. In dieser Lesart stört ein Dirigent.

Nun ist Tetzlaff keine Faust, die mit stupender stilistischer Kenntnis agiert. Dafür aber strahlt sein Ton viel expressive Wärme aus, passend zur aktuellen „Wärme“-Saison des MKO. Tetzlaff gibt alles, scheut kein Risiko. Wo jedoch früher ein Überdruck schwärte, präsentierte sich Tetzlaff jetzt als Meister der Differenzierung. Das galt nicht nur für den dosierten Einsatz des Vibratos, sondern vor allem für die Dynamik. Tetzlaff ließ vielfach ein fragil-luzides Piano schimmern: nicht nur in der Romanze des Mittelsatzes, sondern gerade im Kopfsatz. Diese weltentrückte Klarheit berührte auch in seiner Bach-Zugabe.

Wach, agil und frisch

Als Kadenz hat Tetzlaff die Version mit Klavier und Pauke von Beethoven für Geige eingerichtet. Beethoven hatte sie für seine Klavier-Bearbeitung des Violinkonzerts geschrieben. Neu ist Tetzlaffs Idee nicht: Schon der 2002 verstorbene Wolfgang Schneiderhan hatte das getan, allerdings weniger wirkungsvoll. Denn die generell wohltuend straffen Tempi wie auch die sehr harten Schlägel der Pauke generierten eine intensive Tiefenspannung.

Gemeinsam mit den MKO-Musikern präsentierte Tetzlaff einen wachen, agilen, frischen Beethoven: ganz anders als zuletzt Leonid Kavakos beim BR-Symphonieorchester. Zuvor hatte das MKO die „Consolation“ von Jón Leifs ausgestaltet, das der Isländer kurz vor seinem Tod 1968 komponiert hatte. Die meditativ gedehnten Quint-Strukturen hätten wunderbar ohne Unterbrechung in die vier leisen Paukenschläge zu Beginn des Beethoven-Konzerts übergeleitet.

An die Kantabilität der Romanze knüpfte hingegen das Cellosolo im dritten Satz aus dem Streichquartett von Giuseppe Verdi an (bearbeitet für Streichorchester). Im Spiel von Bridget MacRae wurde daraus eine Opernarie im schönsten Belcanto.

So kreiert man Programme mit Sinn und Sinnlichkeit: Manches große Orchester in München kann vom MKO lernen!


 
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