Münchener Biennale Nachlassversteigerung in der Fürstenstraße

Der Versteigerer mitten im Nachlass. Foto: Armin Smailovic

Frederik Neyrinks „Nachlassversteigerung“ bei der Münchener Biennale für neues Musiktheater

 

Eine Wohnung in bester Lage ist frei geworden. So die Fiktion. Wer mit den Münchner Verhältnissen vertraut ist, darf sich später wundern, dass in bester Lage im Uni-Viertel gleich zwei schöne Altbauwohnungen im gleichen Haus für eine Kunstzwischennutzung zur Verfügung stehen. Aber der Leser dieser Zeitung weiß, dass es die seltsamsten Leerstände gibt.

Für eine Besichtigung waren im Innenhof der Fürstenstraße 6 allerdings vergleichsweise wenig Leute. Das doppelte Dutzend wartet auf die „Nachlassversteigerung“ der Münchener Biennale für neues Musiktheater. Eine ältere Nachbarin des Verblichenen tratscht über den komplexen Beziehungsstatus des Verblichenen. Dann bittet der Auktionator – ein soignierter Herr mit sonorer Stimme – in die Wohnung. Es handle sich um den Nachlass eines Künstlers, berichtet er, der zurückgezogen gelebt habe. Während die Nachbarin im Kühlschrank stöbert und von den Gurken kostet, begutachtet das Publikum den versammelten Sperrmüll. Den Schlafzimmerschrank hat der Künstler in einen Altar einer verflossenen Beziehung verwandelt, der er sich laut Gerichtsbeschluss nicht mehr nähern durfte.

Das kann man in den Akten lesen, während ein Herr für Begleitmusik sorgt: Er testet ziemlich ruppig die Scharniere und Schubladen des Küchenschranks. Andere lassen Gläser klappern. Aus dem Erdgeschoss ertönt eine Bassklarinette, dann verwandeln der Auktionator und die Nachbarin die Geschäftsbedingungen in Wortmusik.

Der Erstere verschwindet, ein Schuss fällt. Das Publikum begibt sich für die Meta-Ebene in den Hof (Regie: Isabelle Kranabetter). Der Auktionator hat schon vorher immer wieder auf mögliche posthume Wertsteigerungen und den schwankenden Preis für ein Menschenleben hingewiesen. Nun projiziert ein Beamer sozial scharf geschieden Entschädigungssummen für Opfer des NSU-Terrors und anderer Katastrophen. Dazu singt ein von einem Kontrabass, einer Bassklarinette und einer Sängerin unterstützter Bassist aus einem Fenster der Wohnung kantige Vokalisen von Frederik Neyrinck.

Herr Lilienthal, übernehmen Sie!

Es gilt als unglaublich rückständig, nun zu fragen, was an dieser mittelprächtigen Performance Musiktheater sei. Musik und andere Formen darstellender Kunst vermischten sich, so die These dieser Biennale. Das war aber auch schon vor 15 Jahren oder 20 Jahren so und ist keine völlig neue Botschaft, außer für den einen oder anderen Komponisten, der sich nur dann für Theater interessiert, wenn ein Auftrag lockt.

Was „Nachlassversteigerung“ wie die in der Wohnung nebenan gezeigte „Bubble>3“ aber auf gar auf keine Fall ist: eine festivalwürdige Performance. Denn derlei hat ein halbwegs interessierter Großstädter schon während seines Studiums gesehen. Und der Rezensent sehnt sich nach der politischen Schärfe der „Shabbyshabby Apartments“ von Mathias Lilienthal, die er damals arg wohlfeil fand. So sinken die Ansprüche.

Wieder morgen sowie am 6., 9., 10 und 11. Juni um 20.30 Uhr in der Fürstenstraße 6. Infos unter www.muenchenerbiennale.de

 

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