Münchener Biennale für Neues Musiktheater Manos Tsangaris über das "dynamische Festival"

Manos Tsangaris wurde 1956 in Düsseldorf geboren. Er studierte in Köln Schlagzeug und Komposition. Seit 2009 lehrt er in Dresden. 2016 übernahm Tsangaris die künstlerische Leitung der Münchener Biennale gemeinsam mit dem Schweizer Komponisten Daniel Ott Foto: Astrid Ackermann

Manos Tsangaris erklärt, wie es mit der Münchener Biennale weitergeht, die am Freitag online eröffnet wird

 

Zum Wochenende hätte das weltweit einzige Uraufführungsfestival für zeitgenössisches Musiktheater starten sollen: die Münchener Biennale. Die beiden künstlerischen Leiter Manos Tsangaris und Daniel Ott haben sich entschlossen, das Festival nur sehr begrenzt ins Internet zu verlegen. Dort wird sie am 15. Mai  um 18 Uhr eröffnet - auf der Homepage des Festivals.

AZ: Herr Tsangaris, wie weit war die Biennale schon vorbereitet, als Proben und Aufführungen unmöglich wurden?
MANOS TSANGARIS: In dem Moment, als die einzelnen Produktionen mit den Proben anfingen, kam der große Einschnitt. Der Chor der Oper Halle hat für „Opera, Opera, Opera!“ von Ole Hübner 70 Proben hinter sich. Der musikalische Leiter Michael Wendberg sagt, dass er diese Komposition in drei Tagen aufführungsreif machen könnte. Aber es hat noch keine einzige szenische Probe für diese Produktion stattgefunden. Wir haben noch keine Uraufführung aufgegeben, aber alles steht unterschiedlich stark auf der Kippe.

Wie ist Ihre Perspektive zum gegenwärtigen Zeitpunkt?
Wir betrachten die Biennale nun als „dynamisches Festival“. Das heißt praktisch, dass wir die Uraufführungen auf mindestens ein Jahr strecken. Wenn wir viel Glück haben, kommt „Subnormal Europe“ von Óscar Escudero und Belenish Moreno-Gil als erste physische Premiere Mitte Juni im Karlsruher ZKM heraus. Die Produktion ist insofern im Vorteil, weil da nur eine Sängerin mit einer Computerprojektion interagiert.

Wann wollen Sie die Produktion nach München bringen?
Das steht in den Sternen. Aber wir rechnen mit Ostern im nächsten Jahr, weil es da im Muffatwerk freie Termine gäbe, die eine Bündelung mehrerer Aufführungen ermöglichen würde. Manches versuchen wir auch schon früher zu bringen, etwa das gemeinsam mit der Volkshochschule entwickelte Partizipationsprojekt „Ach! Fasst eine Funkoper“.

Eine Uraufführung trägt den prophetischen Titel „Once to be realised“.
Die Deutsche Oper Berlin plant eine Premiere für November. Sie geht dann vielleicht – wie geplant – später im November nach Athen. Auch hier versuchen wir, sie im April 2021 in die Muffathalle zu bekommen.

Was ist besonders gefährdet?
„Opera, Opera, Opera!“ im Cuvilliéstheater. Da wirken Solisten, Chöre und ein Orchester im Graben mit – knapp 100 Leute.

Eigentlich scheint es, als hätten kleinere Formate, wie sie für die Neue Musik typisch sind, im Moment eher eine Chance als eine „Tosca“ in der Staatsoper.
Es spielt uns ein wenig in die Karten, dass in der Neuen Musik ganz generell neue Formate ausprobiert werden. Außerdem war die Biennale schon immer ein dezentrales Festival. Fast alle Uraufführungen werden mit Theatern koproduziert, und auch innerhalb Münchens nutzen wir mehrere Spielstätten. Wir gehen daher nicht als großer Tanker unter – wie etwa die Ruhrtriennale, sondern verlieren schlimmstenfalls nur ein paar Rettungsboote.

Was planen Sie zum Eröffnungstermin?
Das Programmbuch wird erscheinen, um unser Konzept gebündelt vorzustellen. Die Lyrikerin Mara Genschel twittert als Cindy Press auf dem Account der Biennale. Die senegalesischen Hip-Hopper Xuman und Keyti bleiben zu Hause und schicken zehn kurze Video-Streams, die ab 15. Mai auf unserer Homepage zu sehen sind. Damit verbunden wird es zu den ursprünglich geplanten Premieren Grußbotschaften der Künstler geben, um den Appetit zu erhalten.

Die Biennale beschäftigt viele Freischaffende von den Komponisten bis zu den Technikern, die jetzt ohne Einkünfte dastehen.
Das ist ein Grund, wieso wir versuchen, keine Produktion abzusagen. Wir müssen uns an die Regeln der Stadt München halten: Nur erbrachte Leistungen dürfen auch bezahlt werden. Wir müssen die Verträge den neuen Gegebenheiten anpassen und hoffen, die vielen Freischaffenden aus dem Kunst- und Produktionsbereich mit Verspätung zum Zug kommen zu lassen.

Gilt eine fertige Partitur als erbrachte Leistung?
Das hängt vom konkreten Vertrag ab, dafür gibt es unterschiedliche Modi. Oft wird das Honorar in mehreren Teilbeträgen von der Vertragsunterzeichnung bis zur Uraufführung ausbezahlt. Sänger und freischaffende Musiker bekommen allenfalls einen Abschlag bezahlt, wenn bereits geprobt wurde. Richtig zahlen können wir erst, wenn eine Aufführung stattfindet.


Die Biennale online

Eröffnung Freitag, 15. Mai, 18 Uhr, auf www.muenchenerbiennale.de mit Manuel Ott, Manos Tsangaris und Anton Biebl, dem Kulturreferenten der Landeshauptstadt, und Video-Botschaften der Biennale-Künstler

Keyti & Xuman: Journall Rappé, 10 Videostreams à ca. 10 Minuten, vom 15. bis 24. Mai, jeweils 18 Uhr auf der Homepage der Biennale und www.siemensstiftung.org 

21. Mai: Schorsch Kamerun und Cathy van Eck: „M (1) – eine Stadt sucht einen Mörder“ (21.05 Uhr, Bayerischer Rundfunk, Bayern 2 und auf der BR KulturBühne im Netz)

 

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