Münchener Biennale Ein bisschen Dada wagen

Live aus der Norwegian Opra. Foto: Armin Smailovic

Die „München Ø Trilogie“ und eine Bilanz der diesjährigen Biennale für neues Musiktheater

Draußen gibt es Pinot Grigio auf Kosten des Hauses. Und zwar aus der Schachtel. Drin wird man nach 45 Minuten darauf hingewiesen, dass die „München Ø Trilogie“ ohnehin nur alkoholisiert zu ertragen sei, weshalb man nun nachschenken beziehungsweise die Toilette aufsuchen möge.

Dem Berichterstatter geht es da wie dem Fernsehkommissar der 90er Jahre: Er ist im Dienst und verlässt das Lokal, wenn ihm allzu penetrant Weißwein angeboten wird. Bis dahin wurde im Einstein in einem stickigen schwarzen Loch ein (angeblicher) Livestream der Norwegian Opra vorgeführt. Im Keller eines skandinavisch rot gestrichenen Häuschens arbeiteten sich drei Performer mit Zyklopenköpfen an allerlei Unsinn ab: singend Sterbende in der Oper, Koloraturen, dem Biennale-Motto „Privatsache“ und der angeblichen nordischen Melancholie.

Mickey Mouse und eine Elektroorgel

Das alles sehr selbstgebastelt, mit grob zusammengezimmerten Möbeln und in einem Haufen Karotten. Dazu sang Mickey Mouse, begleitet auf einer Elektroorgel. Dann erschien ein Herr und verteilte Popcorn, sponsored by the Biennale and the Norwegian Opra. Dem Vernehmen nach zeigten sich die Performer später auch lebend. Aber da war der Rezensent schon wieder weg, um seine Lebenszeit anderweitig zu verschwenden.

Es ist Gratismut, sich bei einem Avantgardefestival über Sponsoring und die seltsamen Rituale bei Opern-Live-Übertragungen in Kinos lustig zu machen. Das sind allzu wohlfeile Opfer. An den Musik-, Theater- und Kulturbegriff der die Biennale mitfinanzierenden Institutionen wie der Bundeskulturstiftung, des Goetheinstitut, Pro Helvetia und ihrer Fördergremien traute sich der Blödler Trond Reinholdtsen nicht heran. Es reichte nur für ein bisschen Opernparodie und Neo-Dada, was ein Jahrhundert nach dem echten Dada doch etwas verspätet scheint. Und so reihte sich die „München Ø Trilogie“ würdig in die Reihe – mit der Ausnahme des „Bathtube Memory Projects“ und der „Tonhalle“ – ungewöhnlich schalen Performances ein.

Rückzug vor dem Publikum

Zwei herausragende Aufführungen gab es: „Alles klappt“ von Ondřej Adámek und das Tanztheater „Third Space“ von Stefan Prins und Daniel Linehan. Das ist, musiktheatergeschichtlich gesehen, bei 12 Uraufführungen ein guter Schnitt. Das war auch in den heute oft verklärten Zeiten unter Henze und Ruzicka nicht anders.

Ein grundsätzliches Problem der Biennale hat sich allerdings verschärft: der Rückzug vom Publikum. Fast alle Macher schlossen vom Motto „Privatsache“ auf eine notwendige Privatisierung des Theaters vor noch weniger Zuschauern in noch kleineren Räumen.

Ein Publikumsmagnet war das Festival noch nie. Wenn die musica viva aber in der gleichen Woche ein neues Werk von Helmut Lachenmann vor einem zweimal ausverkauften Herkulessaal spielen kann, dann stimmt die alte Ausrede nicht mehr, dass sich im angeblich so konservativen München niemand für Neue Musik interessieren würde. Die Biennale hat ein Vermittlungsproblem. Und zwar seit Jahren. In nächtlichen Runden blättert ein branchenbekannt teurer Schriftsteller aus seinen ungelesenen Büchern. Nichts wird erklärt, sondern mit Bedeutungshuberei und Selbstlob verklärt. Alles kommt verkopft daher, mit Professoren, viel (Pseudo-) Theorie, komplexer Prosa und einer zunehmenden institutionellen Verkrustung. Zwei künstlerische Leiter mögen sich zwar gegenseitig befruchten. Aber wieso gibt es – abgesehen von zwei Pressesprecherinnen – in dieser Saison auch noch zwei Dramaturgen, die ihren guten Ruf zumindest in einem Fall eher dem Schauspiel als dem Musiktheater verdanken? Das wirkt auf Nicht-Insider abschreckend.

Nur nichts mit den Leuten hier machen

Dazu kommt das Desinteresse am Schauplatz der Veranstaltung. Daniel Ott und Manos Tsangaris halten lieber Plattformen in Buenos Aires und Hongkong ab, statt mit den Institutionen in München zusammenzuarbeiten. Die Biennale landet als Ufo, lässt grüne Komponisten ausschwärmen, die nach einer Woche wieder wegfliegen.

In beiden Opernhäusern, den drei Großorchestern und den drei kleineren Klangkörpern dieser Stadt gibt es mittlerweile genügend Leute, die sich für Neue Musik interessieren. Die Arbeit mit diesen Experten wäre ein herausforderndes Korrektiv zur Selbstverliebtheit mancher Jung-Genies, allerdings auch weniger bequem als das Engagement sich selbst ausbeutender Performer vom freien Markt.

Gerede von der Grenzüberschreitung

Und dann ist da noch das Desinteresse vieler jüngerer Komponisten am Theater im engeren Sinn. Es versteckt sich hinter dem Gerede von der Grenzüberschreitung. Die ist aber 30 Jahre nach Christoph Marthaler, 40 Jahre nach Mauricio Kagels Instrumentalem Theater und 50 Jahre nach John Cage keine Neuigkeit mehr.

Und so wurden die klassischen Avantgarden von Leuten ohne historisches Bewußtsein noch einmal betreut nachgeholt. Sollte die Musik in der nächsten Runde in zwei Jahren weiter zurückziehen, stellt sich noch stärker die Frage, welche Berechtigung eigentlich ein Festival für Insider hat, das weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet und bei dem die Musik nur noch die zweite Bratsche spielen darf. 

 

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