München „Wir leben hier längst unter einem Dach“

Mahir Zeytinoglu, führt seit 2004 das türkisch-bayerische Hotel Goethe Foto: Mike Schmalz

Schul-Streit und Deutsch-Kenntnisse: Was Münchens Türken vom Streit zwischen Merkel und Erdogan halten

 

Dönerspieß und Rostbratwurst brutzeln in München einträchtig nebeneinander, seit in den 60er und 70er Jahren türkische Gastarbeiter angeworben würden. Heute haben 43000 Münchner einen türkischen Pass, dazu kommen etliche Jugendliche mit Migrationshintergrund. Im Bahnhofsviertel gibt es ein bayerisch-türkisches Hotel und neben der roten Flagge mit Halbmond und Stern sind oft die Farben schwarz rot gold zu sehen.

Natürlich werden auch hier die deutsch-türkischen Beziehungen auf dem politischen Parkett ganz genau mitverfolgt. Forderungen gibt es genug: der türkische Ministerpräsident Erdogan will türkische Gymnasien in Deutschland. Angela Merkel besteht auf Integrationswillen und Sprachkenntnisse der Deutsch-Türken. „Die Politiker sollen zu uns hier in die Goethestraße kommen“, sagt Mahir Zeytinoglu vom Hotel Goethe, „Wie leben hier längst unter einem Dach“. Heute reist die Bundeskanzlerin in die Türkei. Dabei geht es auch um die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Pass oder Hintergrund.

Nicht jeder Türke in der Goethestraße versteht deutsch. Für die meisten aber ist München längst zur Heimat geworden. Johanna Jauernig

Günay Avcikaya (19):

„Ich habe einen türkischen Pass, aber werde wohl – bevor ich 25 Jahre alt werde – noch den deutschen beantragen, dann muss ich weder in der Türkei noch hier zum Militär. Die Forderungen von der Merkel habe ich eigentlich nicht mitbekommen. Für Politik interessiere ich mich auch eigentlich wenig. Nicht für die deutsche und auch nicht für die in der Türkei. Aber natürlich müssen die Politiker anfangen. Nur wenn sich die beiden Länder verstehen, kann das hier in Deutschland mit der Integration auch klappen.“

Cem Altan (64), Dolmetscher und Koch im Restaurant Tantuni:

Ich bin wie die Bundeskanzlerin auch der Meinung, dass die Türken Deutsch lernen müssen. Sonst gibt es nur Missverständnisse und das bringt Ärger. Der eine sagt, „ich mag dich“ und der andere versteht „ich mag dich nicht“. Wenn sie ins Ausland gehen, können sie auch nicht erwarten, dass jeder Deutsch versteht. Ich bin Dolmetscher und musste früher am Kreisverwaltungsreferat übersetzen, damit Türken einen deutschen Pass ausgestellt bekommen, obwohl sie kein Wort deutsch sprachen. Aber ich habe immer noch meinen türkischen Pass.

Rahmi Turan, Journalist:

Ich finde Merkels Forderungen, dass Türken hier Deutsch sprechen müssen, richtig. Frau Merkel macht das nicht schlecht und ist auch glaubhaft. Aber der Großteil der Türken hier kann Deutsch. Für die ist es fast beleidigend, was manche Politiker aussprechen. Auch Erdogans Forderungen nach türkischen Schulen in Deutschland sind nicht verkehrt, aber man muss ganz genau hinschauen, ob das wirklich der Integration dient. Wir haben ja hier in München ein negatives Beispiel mit einer griechischen Schule, die hat nicht funktioniert und musste geschlossen werden.

Mahir Zeytinoglu, führt seit 2004 das türkisch-bayerische Hotel Goethe:

Wer hinsieht erkennt im O des Dichterfürsten die türkische Flagge:„Wir erwarten viel von Angela Merkel und ihrer Reise. Sie sollte ein Mal im Jahr in die Türkei reisen, schließlich leben drei Millionen Türken hier in Deutschland. Ein Gespräch unter vier Augen, kann viel bewirken, denn es gibt auch viele Probleme. Die wirtschaftlichen Verbindungen beider Länder sind eng. Jetzt müssen noch umständliche Visa für türkische Geschäftsleute beseitigt werden. In einigen kleineren Ländern hat die Bundeskanzlerin das schon gemacht. Die meisten Türken, die hier leben, fühlen sich als Deutsche. Ich auch, schließlich bezahle ich auch hier meine Steuern. Meine Kinder haben deutsche Freunde und sprechen Bairisch – Türkisch nur noch ganz schlecht. Aber ich finde, man sollte so viele Sprachen wie möglich lernen. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn es auch türkische Kindergärten, Schulen und Universitäten hier in Deutschland gäbe. Natürlich muss Integration von beiden Seiten ausgehen.“

 

0 Kommentare