München Schweizer Schläger: "Amoklauf ohne Waffen"

Der Prozess gegen die drei Schweizer Schläger geht zu Ende Foto: az

MÜNCHEN - "Nicht aggessiv, meistens fröhlich und lustig": So beschreibt sich Mike B., einer der Schweizer Schläger selbst vor Gericht. Eine Entschuldigung fehlt, eines der Opfer ist auf einem Auge fast blind.

 

Platten aus Sperrholz verdecken den Eingang zum Sitzungssaal B177 am Münchner Landgericht. Rund 30 Schweizer und deutsche Journalisten drängen sich davor, Blitzlicht flackert auf. Jenseits der Wände, drinnen im Saal, sitzen die Schweizer Schüler Mike B, Benji D. und Ivan Z. Zum ersten Mal erscheinen sie vor der Jugendkammer. Es ist der Auftakt zu einem Prozess, in dem ein brutales Verbrechen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird: Es geht um versuchten Mord und schwere Körperverletzung, verübt von Berufsschülern, die zur Tatzeit gerade 16 Jahre alt waren.

Die drei Jugendlichen waren 2009 auf Klassenfahrt in München. In der Nacht auf den 1. Juli attackierten sie völlig willkürlich fünf Passanten rund um das Sendlinger Tor, schlugen ihre Opfer brutal zusammen, mit bloßen Fäusten.

Ihr Motiv: Sie wollten ein bißchen Spaß haben

Ihr Motiv laut Anklage: „Sie wollten ein bisschen Spaß haben“. Eines ihrer Opfer: Wolfgang O. (45), Versicherungskaufmann aus Ratingen (NRW). Ihn attackieren sie um 23.45 Uhr vor dem ADAC-Gebäude am Sendlinger-Tor-Platz. Sie schlagen ihn zu Boden, treten gegen seinen Kopf. Dabei gehen mehrere Gesichtsknochen zu Bruch, als er später im Krankenhaus aus der Bewusstlosigkeit erwacht, ist - so der Befund – „sein komplettes Gesicht nach rechts verschoben. „Mein Mandant ist aufgrund der Angriffe auf einem Auge fast blind“, sagt Wolf-Dietrich Kohler, der den Ratinger als Nebenkläger vertritt. „Die Narben bleiben ein Leben lang, die Gesichtsform ist stark verändert“, lautet das Urteil eines Schweizer Professors über den Gesundheitszustand des Opfers.

Einer der mutmaßlichen Haupttäter, Mike B., sagte am Montag als einziger vor Gericht aus: Er sei ein „grundsätzlich nicht aggressiver Mensch, meistens fröhlich und lustig“. Worte des Bedauerns oder der Entschuldigung fielen nicht.

Die Schüler einer Weiterbildungsschule aus dem schweizerischen Ort Küsnacht (Kanton Zürich) hatten zur Tatzeit zwischen 0,1 und 0,9 Promille Alkohol im Blut und zuvor noch einen Joint geraucht. Die Staatsanwaltschaft sprach nach der Tat von einem „Amoklauf ohne Waffen."

Da die Jugendlichen alle unter 18 Jahre alt sind, findet das Verfahren findet nach Jugendstrafrecht statt. Das heißt: Eine Höchststrafe von zehn Jahren könnten den Schlägern drohen. Zu der Verhandlung sind 38 Zeugen und drei Sachverständige geladen – heute treten Polizisten und Opfer in den Zeugenstand.

"Die Angeklagten haben jetzt das große Flattern“, sagt Margarete Nötzel, Sprecherin des Landgerichts. „Sie wirken noch sehr, sehr jugendlich.“

Am 1. Juli traten sie brutal auf - und zu: Innerhalb von nur 15 Minuten attackierten sie fünf Menschen. Drei Mazedonier, die Schach spielten, Wolfgang O. und einen Studenten, der auf der Sonnenstraße unterwegs war. Als der am Boden lag, traten sie gegen seinen Kopf, „wie gegen einen Fußball", wie die Staatsanwaltschaft erklärt. Zurück im der CVJM-Jugendherberge wechselten sie ihre blutverschmierten Kleider, dort holte sie dann die Polizei ab.

Ivan Z. stand bereits wegen Körperverletzung, Benji D. wegen Diebstahls und Hausfriedensbruch, Mike B. wegen Raubversuchs schon 2008 vor Gericht, doch sie kamen mit Sozialstunden glimpflich davon. Das Gericht entschied am Montag entgegen des Antrags der Verteidigung, dass den Schlägern in München und nicht in der Schweiz der Prozess gemacht wird. Reinhard Keck

 

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