München Rudolf Waldemar Brem: Fassbinders Maskottchen

„Vielleicht würde ich heute nicht mehr leben, wenn ich mit ihm mitgegangen wäre“: Rudolf Waldemar Brem, Schauspieler und Fassbinders früherer Freund, auf dem Dach der „Deutschen Eiche“. Foto: Daniel von Loeper

Rudolf Waldemar Brem ist 18, alser über den späteren Kultregisseurin die Welt des Theaters vordringt– und ins Münchner Nachtleben.Die Männer werden Freunde. Einbisschen Liebe ist auch imSpiel

 

Wenn Rudolf WaldemarBrem (62) lächelt,dann scheinenseine blauen Augen nochmehr zu leuchten. Und jetztgrinst er sogar, als er sagt:„Hier haben Rainer und ich esfrüher nach den Proben oftkrachen lassen.“Der Münchner Charakterdarstellersitzt im Hotel „DeutscheEiche“ in der Reichenbachstraße.In den 70ern galtdas Lokal als Legende. Und alszweites Wohnzimmer vonBrems Freund: KultregisseurRainer Werner Fassbinder(† 37). An der Wand erinnertheute ein Foto an den berühmtenStammgast von einst. Jetztsitzt Brem darunter. „TolleZeit damals“, sagt er.

Man hatte die Wahl: RAFoder RWF, also RainerWerner Fassbinder

Brems Stimme ist rauchig –wie bei den Gangstern ausden Filmen. Vielleicht ist erdeshalb oft als Bösewicht besetztworden. Oder als ruppigerBayer. Wie im „Tatort“, inder Kultserie „Münchner Geschichten“oder am Residenz-Theater. Seine Karriere hat aufder Bühne begonnen.München, Müllerstraße,1967: Zwei junge Männer stehenauf der Bühne des Action-Theaters. Sie streiten. „Jetztfängst du dir gleich eine,wenn du nicht aufhörst“, sagtder eine. Das ist Brem, damals18. „Komm halt her, wenn dudich traust“, kommt es vomanderen zurück. Der ist 21und etwas pummelig. Der Älterekann gerade noch seine Zigarettewegwerfen, ehe sichBrem auf ihn stürzt. Es kommtzum Tumult auf der Bühne.Der andere, das ist Fassbinder.Brem gehörte Ende der Sechzigerneben Irm Hermann,Hanna Schygulla und Peer Rabenzu Fassbinders Ensemble.Später sollte die „New York Times“den Regisseur einmal alsden „faszinierendsten, begabtesten,fruchtbarsten, originellstenjungen Filmemacherin Westeuropa“ bezeichnen.Damals war er einfachBrems Kumpel.

„Wir haben uns kennen gelernt,als ich jemandem vomAction-Theater für die Schülerzeitunginterviewen wollte“,erzählt Brem. Das Theater galtdamals unter jungen Leutenals cool und unkonventionell.Regieanweisungen gab esnicht. Die Schauspieler, darunterFassbinder, sagten, was siewollten. Hauptsache revolutionär,Hauptsache gegen dasEstablishment. Die meistenlebten auch im Theater, wie ineiner Hippie-Kommune.Brem sagt: „Das fand ichspannend. Da hab ich Rainergefragt, ob ichmal mitmachenkann. Noch am selben Abendbin ich mit ihm über die Bühnenbrettergerobbt.“

Von dem Tag an zogen diebeiden oft gemeinsam los. Derbisexuelle Fassbinder nahmden 18-jährigen Brem mit insMünchner Nachtleben. „Rainerwar schon ein bisschen inmich verliebt, glaub’ ich. Erstand auf gestandene Männer:Prolos, Heteros, Bayern. Undich war von allem ein bisschen.Doch ich hab’ ihmschnell klar gemacht, dass beimir nichts zu holen ist.“Brem lächelt wieder. Ihmfällt ein gängiger Spruch vondamals ein: Wer zweimal mitderselben pennt, gehört schonzum Establishment. „DieserSpruch kam ja nicht von irgendwoher.Einmal hat Rainermich mit seiner Freundin imBett erwischt. Aber das wardie Zeit der Studentenrevolte,Konventionen galten als verpönt.Also hat mir Rainer 20Mark für ein Taxi in die Handgedrückt und gesagt: Jetzt hauab.“

Fassbinder lebte damals ineiner WG in der Stollbergstraße.Hier schrieb er nächtelangan Drehbüchern, pausenlosrauchend. Als der damaligeIntendant des Theaters,der spätere RAF-TerroristHorst Söhnlein, eines Tagesnicht wusste, wassie aufführen sollten,zauberte Fassbinder„Katzelmacher“hervor.Die männlicheHauptrolle bekam:Brem.„Das Stückwar ein vollerErfolg“, sagtBrem, „die Studentenhabenuns das Haus eingerannt,Fassbinderwurde immer bekannter.Seit diesem Zeitpunkthat er mich oft sein Maskottchengenannt.“Brem hatte eines Tages dieIdee, „Katzelmacher“ zu verfilmen.In neun Tagenwar er abgedreht.Kurze Zeit später erhielter drei deutsche Filmpreiseund wird noch heute,40 Jahre danach, in Hochschulenauf der ganzen Welt als Paradestückgezeigt.Irgendwann fand IntendantSöhnlein, dass die Revolutionvon der Bühne aus nicht mehrgenügt. Er beschloss, liebermit Andreas Baader und GudrunEnsslin Kaufhäuser anzuzünden.Da stand das Ensemblevor der Wahl: RAF oderRWF, also Rainer Werner Fassbinder?„Wir wählten die intelligenteLösung – und bliebenbei Rainer“, sagt Brem.Der wurde erst Intendantdes „Action-Theaters“ undgründete dann das legendäre„antiteater“ im Saal der„Witwe Bolte“.

Hier übernahm Fassbinderendgültig die Führungsrolle.„Er hatte so eine angeboreneAutorität“, sagt Brem. Malcharmant, mal grausam sei ergewesen. „Als er richtig bekanntwurde, nutzte er aus,dass wir von ihm abhängig waren.Schließlich war er derpreisgekrönte Regisseur. Erhat oft Spielchen mit uns gespielt.Auch mit mir.“Als das Ensemble einmal gemeinsambeim Essen war,sagte Fassbinder: „Jetzt schautalle mal auf den Rudolf Waldemar.Findet ihr nicht auch, erfrisst wie ein Schwein?“

Alkohol, Zigaretten,Arbeit, Sex – und dazunoch harte Drogen

„Ich hab’ getan, als wärnichts“, sagt Brem. „Aber amliebsten hätte ich ihm dieFresse poliert.“Nach sieben Jahren gemeinsamerArbeit ging Fassbinderans Frankfurter Theater amTurm. Brem blieb in München.„Das bereue ich noch heutemanchmal. Denn er war beleidigt,weil ich nicht mitgekommenbin und hat mich fürseine großen Produktionenwie Berlin Alexanderplatznicht mehr eingesetzt. Andererseits:Vielleicht würde ichheute nicht mehr leben, wennich mitgegangen wäre.“ Alkohol,Zigaretten, Arbeit, Sex:Das gehörte zu Fassbindersrastlosem Leben immer dazu.„In Frankfurt“, weiß Brem, „kamennoch harte Drogen dazu,immer mehr.“Acht Jahre, nachdem siesich getrennt hatten, war Fassbindertot: Koks, Tabletten, Alkohol.Vielleicht habe dem Rainerdamals ein Freund gefehlt,glaubt Brem. „Aber wir warenbeide zu stolz, um uns beimanderen zu melden. Ich habeihn nie wieder gesehen.“ Jennifer Köllen

 

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