München Rudern: Vom Boot zur herzhaften Brotzeit

Auf der Regattastrecke in Oberschleißheim: AZ-Redakteur Willi Bock mit seiner Frau Gabriele. Foto: Thomas Schröpfer

Aus der Redaktion ans Ruder: Rathausreporter Willi Bock kann am besten auf der Regattastrecke in Oberschleißheim entspannen – einer „großen, idyllischen Badewanne“

 

München - Um es gleich zu sagen: Meine Frau sitzt auf Schlag! Nein, das tut nicht weh! Im Gegenteil. Ich sitze hinter ihr im Bug, und während sie das Tempo vorgibt, bestimme ich die Richtung. Denn der Bugmann „hinten“ steuert die Schlagfrau „vorne“. Bug ist zwar für Sie vorne, aber bei uns hinten. Und wenn Sie jetzt so richtig verwirrt sind, dann ist das genau die richtige Einstimmung: richtig k.o. nach einem laaangen Arbeitstag. Der Kopf brummt. Und dann nur noch ab – ins Boot. Seelenruhig auf dem sanft da liegenden Wasser dahingleiten.

Und es macht nur Klack-Klack. Das typische Rudergeräusch, wenn die Skulls auf- und abgedreht werden. Na ja – seelenruhig. Es ist halt im Boot wie im richtigen Leben: „Schaukel nicht so“, „halt das Boot grade“... Natürlich wählen wir nur Worte, die auch Kinder hören dürfen. Aber irgendwann kommt der Punkt, da läuft das Boot wie von alleine. Der Takt stimmt, das Tempo, die Ruhe ist da. Dann wird Rudern ganz meditativ. Und wenn Sie nicht auf Schlag sitzen und somit nicht das Tempo bestimmen und Kommandos geben, dann können sie einfach gedankenverloren eintauchen. Klack-Klack.

Und deswegen ist mein schönster Tag im Sommer: Nach Redaktionsschluss raus auf „unsere“ Regattastrecke in Oberschleißheim und rein ins Ruderboot. Am liebsten zu den Mittwochsruderern. Die sind alle schon längst volljährig, die können als Olympiateilnehmer, Deutsche oder Bayerische Meister beneidenswert besser rudern als ich, der erst spät ins Ruderboot gekommen ist. Aber das macht ihnen nichts aus. Mein großes Glück.

Da wird kurz gefachsimpelt: „Welches Boot nehmen wir denn – sind wir genug für einen Achter, nehmen wir Vierer?“ Meine Frau und ich fahren gerne im Doppelzweier. Thea meint zwar, „Eheleute in einem Boot sind wie Katz und Katz“. Aber das habe ich beim Segeln auch immer gehört. Und im Ruderboot muss man sich eben zusammenraufen – wie im Leben auch. Sonst läuft da gar nichts – außer vielleicht kentern. Gluck-Gluck statt Klack-Klack. Meine Frau und ich sind am Mittwoch zum ersten Mal mit „Waldi“ gefahren: Dem neuen roten Freizeit-Zweier des Vereins. Ich durfte ihn als Zahlmeister des Jugend-Fördervereins taufen (dabei trinkt ein Boot keinen Sekt – aber ich). Waldi wackelt anfangs bei uns noch, aber das bekommen wir auch in den Griff. Wie – „Waldi“? Ja, der berühmte Dackel der Olympischen Spiele in München von 1972. Denn genauso alt ist unser Verein, die „Rudergesellschaft München 1972“. Ohne uns gäbe es Rudern in München schon längst nicht mehr!

Leicht ist Rudern nicht. Aber schön und entspannend. Jeder Muskel wird gebraucht, man ist in der freien Natur und kann sich verausgaben. Dabei muss man aber Rücksicht nehmen, denn wenn jeder macht was er will, dann kommt das Boot nicht vorwärts. Wer hektisch wird, der hat schon verloren. Eine Disziplinschule. Und die „Volljährigen“ wissen immer gute Tipps zu geben. Und wenn dann „der Hans“, der in seinem Berufsleben ein großer Erfinder und Ausbilder war, „den Jörg“ lobt, wie der auf Schlag das Boot zum Gleiten gebracht hat – das ist wie eine Seligsprechung. Denn der Hans spürt jede noch so kleine falsche Bewegung im Boot. Selbst im schweren Achter. Und wie er es einem sagt, tut es nicht weh. Hansi-atisch lieb eben.

Unsere Regattastrecke ist eine große, idyllische Badewanne: 2230 Meter lang, 140 Meter breit und 3,5 Meter tief. An den grünen Ufern liegen Sonnenanbeter (manche müssen an der Wäsche sparen), da spielen gefahrlos Kinder und drehen Skater ihre Runden. Das immer frische Grundwasser ist glasklar und voll prächtiger Fische: Forellen, Karpfen, Edelkrebse und kräftige Waller. Manch ein Bursche ist über einen Meter lang. Leider springen die nicht von allein auf den Grill. Wie an jedem Wasser wird auch hier Seemannsgarn gesponnen. So wird alle Jahre wieder eine Geschichte erzählt, wie so ein Riesenwaller ganz spöttisch ein Ruderboot rammt. Rumms. Bei uns hat es zuletzt einen Vierer erwischt. Ehrlich! Doch der kampfeslustige Fisch war schwups wieder weg. Ob er sich eine blutige Nase geholt hat, weiß offen gesagt niemand.

Nach der kräftigen Mittwochsrunde wird es brotzeitgemütlich: Der Hans bringt Wein mit („aber nur meinen Selbstgemachten, nur Beeren und Trauben aus meinem Garten“), Hella verteilt frischen Radi, Christine bietet original Oberschleißheimer Schinken an, Thea reifen Käse, Petra ihren selbstgemachten ultimativ leckeren Nudelsalat, von irgendwem ist für alle Brot auf dem Tisch – und jeder isst bei jedem mit. Außer Oam – der isst dahoam. Im Eimer wartet ein kühles Bier. – Ach ja, so ein Ruderabend macht kalorienmäßig vielleicht mal ne Tafel Schokolade aus. Langsam geht die Sonne unter, an den Stegen kreischen ein paar aufgedrehte Jugendliche, und der Mond zieht seine Bahn. Irgendwann scheinbar bis ins Wasser. Romantisch. Bis auf die Mückenstiche. Nun liegt der See wieder friedlich da. – Ach, bis zum nächsten Feier-Abend, bis zur nächsten Schlagzeile und bis der Hans ruft: „Willi, ihr warts scho lang nimmer da...

 

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