"München Mord" - Interview mit Alexander Held Eine Portion Wahnsinn macht frei

Ludwig Schaller (re., Alexander Held) mit seinem Chef (Christoph Süß), der ihn abschiebt in die Abteilung "ungelöste Fälle". Foto: zdf

„München Mord“: Der neue Samstagabend-Krimi im ZDF. Die sehr unterhaltsame Pilot-Folge „Wir sind die Neuen" wurde von Urs Egger inszeniert, Alexander Held spielt Kommissar Schaller

 

 Wer ein wenig neben der Spur ist, droht auf dem Abstellgleis zu landen: Kommissar Ludwig Schaller (Alexander Held) wird wegen seiner ungewöhnlichen Methoden in eine neu geschaffene Abteilung abgeschoben: Hier sollen Fälle abgewickelt werden, deren Ermittlungen zu keinem Ergebnis führten. Unter seiner Führung stehen zwei Beamte, die nicht gerade als Spitzenkräfte gelten: Der eine (Marcus Mittermeier) ist eher als Frauenheld bekannt, die andere (Bernadette Heerwagen) wäre eigentlich gerne Sängerin. Als erstes soll das Loser-Team einen Vermisstenfall im Dörfchen Englbach ad acta legen: Herr Lancelotti ist verschwunden. Die Polizei vermutet, dass er sich nach Italien abgesetzt hat. Frau Lancelotti (großartig: Julia Koschitz) glaubt an Mord. Das Team hört sie sich erst widerwillig an - und leckt dann Blut...

AZ: Herr Held, Sie sprechen in „München Mord“ mit baierischen Dialekt, was ein wenig überrascht, weil sie sonst doch eher preußisch anmutende Figuren spielen.

ALEXANDER HELD: Aber ich wurde in Münchens Stadtmitte geboren. An der Isar bin ich aufgewachsen, dort, wo heute das Glockenbachviertel ist. Später habe ich in Haidhausen gewohnt. Dazwischen war ich bei den Regensburger Domspatzen, auf dem Musikgymnasium, wo man bis zum Stimmbruch sein und später zurückkehren kann. Ich habe das aber dann sein lassen.

Wieso?

Weil ich 1970 eine einschneidende Erfahrung gemacht habe: Da war Weltmeisterschaft in Mexiko, Italien gegen Deutschland. Wir durften das im Internat sehen, ein Fernseher wurde extra dafür aufgestellt. Die Dramaturgie des Spieles kam dem Präfekten sehr entgegen: Irgendwann lag Deutschland 2 zu 0 zurück und holte auf zum 2 zu 2. Es ging in die Verlängerung. Genau da hat er den Fernseher abgestellt und sagte, er kann gar nicht glauben, dass wir am Sport wirklich so interessiert wären. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass wir in der Turnhalle ein Musikstück heimlich einstudieren. Das war der Punkt, als ich dachte: Wenn Kreativität bestraft wird, dann bin ich hier am falschen Platz. Dann habe ich meine Eltern angerufen und war am nächsten Tag weg.

Wie ging's dann weiter?

Ich war dann zunächst auf dem Albert-Einstein-Gymnasium. Wenn ich mit der Straßenbahn die Grünwalderstraße entlang gefahren bin, kam ich immer an den Fußballplätzen von 1860 München vorbei. Das habe ich gesehen und dachte, jetzt werde ich Fußballer. Ich bin da auch hin, hab noch unter Max Merkel trainiert. Wir sind ein paar Mal Deutscher Jugendmeister geworden. Dann habe ich mich aber verletzt, und Fußball war kein Thema mehr.

Und heute sind Sie ein bekannter Schauspieler, haben auch an den Kammerspielen gespielt, wurden durch „Sophie Scholl“ auch als Kinodarsteller bekannt. Und sind regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Wie viele Krimirollen bekommt man als deutscher Schauspieler eigentlich pro Jahr angeboten?

Ja, es gibt die Diskussion, dass es so viele Krimis im deutschen Fernsehen gibt. Das stimmt ja auch, finde ich aber auch nicht schlimm. Lassen Sie mich überlegen, wie das bei mir im letzten Jahr war… Da war „München Mord", ein „Tatort“ mit Ulrich Tukur, ein „Stralsund"-Krimi und sonst ...

Sie spielen oft Autoritätsfiguren, denen man nicht ganz trauen kann.

Ja, schon. Das traut man mir zu, dass man mir nicht trauen kann. Mit Urs Egger, mit dem ich „München Mord" gedreht habe, habe ich gerade noch einen Film in Wien gemacht, der im Mittelalter spielt. Da bin ich Weihbischof und habe über 700 Menschen auf dem Gewissen. Alle landen auf dem Scheiterhaufen.

In „München Mord“ spielen Sie einen schrägen, ziemlich genialen Kommissar. Es wird kolportiert, dass er Profiler beim FBI gewesen sein soll.

Ja, das sagen manche. Es gibt aber auch andere Stimmen, die sagen, er war im Irrenhaus. Genaues weiß man nicht. Wissen Sie denn genau, welche Vorgeschichte er hat? Nein. Aber ich weiß, dass das alles den Ludwig Schaller so interessiert. Der würde einfach sagen: Ich mache meinen Job und den mach ich gut.

In einer schönen Szene versucht Schaller, sich in den vermissten Mann von Frau Lancelotti einzufühlen und geht die Stationen des letzten Tags durch, an dem Lancelotti noch im Dorf gesehen wurde. Was Schaller unter anderem in eine Waschanlage führt.

Ja, wobei die Szene mehrmals gedreht werden musste. Ist auch nicht so einfach, weil die Waschanlage einen bestimmten Rhythmus hat. Kurz, bevor die vorderen Borsten auseinandergehen, musste ich durchgehen und dabei immer aufpassen, dass ich nicht gegen die große Walze renne, die von oben kommt. Es war Wasserballett.

Wie verrückt muss man eigentlich sein, um Schauspieler zu werden?

Naja, es schadet nicht. Das ist wie bei Alexis Sorbas. Der sagt: „Leben heißt, den Gürtel enger schnallen und nach Schwierigkeiten Ausschau halten." Oder: „Ein Mann braucht eine gewisse Portion Wahnsinn, damit er frei sein kann.“ Das schadet dem Schauspieler nicht. Er muss aber Lust auf Menschen und Begegnungen haben, zumindest in der Arbeit.

Schaller hat eine gute Portion Wahnsinn.

Ja, aber die Wahrnehmung der anderen ist ja nicht unbedingt die eigene.

Der lange Mantel, seine seltsame Art erinnern an Inspektor Columbo.

Stimmt. Schallers Mantel ist völlig aus der Mode. Er ist zu lang, er flattert, er hat so was Fließendes. So ist Schaller. Wenn man schon glaubt, dass er mit etwas abgeschlossen hat, kommt er noch mal ums Eck. Das hat was Columbo-haftes, wobei ich mir nicht vornehme, angelehnt an eine andere Figur zu spielen.

Sind Sie auch so unberechenbar in Ihrem Privatleben? Was meint Ihre Frau?

Sie kennt mich als verlässlich. Ich bin jemand, bei dem ein Wort auch gilt. Das ist aber beim Schaller genauso. Was die Spontanität betrifft: Bei Tollereien, die überraschend über uns kommen, ist meine Frau immer dabei!

Sa, 20.15 Uhr im ZDF

 

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