München Haidhausen untertunnelt: „Das wäre eine Katastrophe“

Johann Wagner engagiert sich in der Bürgerinitative gegen den geplanten Tunnelbau Foto: Veronika Frenzel

MÜNCHEN - Der zweite Stammstreckentunnel könnte schon bald kommen. Doch obwohl der Baustart noch in weiter Ferne liegt, fürchten ihn die Haidhauser – vor allem die Geschäftsleute befürchten Einbußen.

 

Die ersten sonnigen Tage nach dem langen Winter. Auf der Terrasse des Cafés Venezia am Pariser Platz gibt es bunte Eisbecher. Doch Juniorchef Salvatore Fersini (34) hat graue Gedanken: Er denkt an den Bau des zweiten Stammstreckentunnels, der vielleicht bald kommt und quer durch das Viertel verlaufen würde. „Das wäre eine Katastrophe", sagt der Italiener. „Straßencafébesucher mögen keinen Lärm und Schmutz."

„Der Tunnel ist ein Reizthema", erklärt Mandy Saalmann (34) vom Feinkostladen Käsmüller in der Wörthstraße. Sie hat Angst um ihren Job.

Ihr Chef Peter Katern (51) wird konkret: „Der Tunnel ist tödlich fürs Geschäft. Als hier mal ein Tramgleis ausgewechselt wurde, kamen viel weniger Leute. Wie soll das werden, wenn erst die große Tunnelbaustelle kommt?“

Um seine Existenz fürchtet Bajaj Brahm (51). Erst vor sechs Monaten hat er einen Kiosk in der Kellerstraße übernommen. Dass ein Rettungsschacht des Tunnels vor der Haustür liegen soll, hat er erst später erfahren. „Das wäre fürchterlich", sagt er. „Den Laden kann ich dann zusperren. Wo finde ich in meinem Alter Arbeit?"

Nora Zernickel (21), geborene Haidhauserin, hat dagegen den Kampf noch nicht aufgegeben. An ihrer Haustür hängt ein Plakat gegen den Tunnel, bei den Demos war sie immer dabei. „Bei der Probebohrung war ständig ein lautes Brummen“, erinnert sie sich. „Ich hatte danach Herzrasen.“

„Wir wollen nicht zehn Jahre auf einer Baustelle leben", erklärt Rita Roth (48). In ihrem Blumengeschäft an der Wörthstraße verkauft sie Plakate mit der Aufschrift „Haidhausen sagt Nein zum Tunnel“. „Ich kenne hier niemanden, der den Tunnel will.“

Johann Wagner (56) engagiert sich in der Bürgerinitiative Tunnelaktion. Seit 18 Jahren hat er in der Weißenburgerstraße ein Obst- und Gemüsegschäft. „Wenn die Baustelle kommt, kommen große Umsatzeinbußen auf uns zu", fürchtet er. Mit der Bürgerinitiative will er Beschwerde gegen den Tunnelbau einlegen.

Mandy Saalmann vom Feinkostladen Käsmann hat noch eine ganz andere Idee: „Wir sollten ein Weltkulturerbe einbuddeln", sagt sie. „Das könnte die letzte Chance sein.“

Veronika Frenzel

 

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