München Flugzeugabsturz: „Da ist ein großer Frust“

Wrackteile der verunglückten Air France Maschine. Foto: dpa

MÜNCHEN - Vor einem Jahr stürzte der Flug AF 447 vor der brasilianischen Küste in den Ozean. 228 Menschen starben, auch zwei Münchnerinnen. Der Vater der einen kämpft, dass das Unglück aufgeklärt wird

 

In Paris, da lebte seine Tochter vier Jahre. Es waren vier glückliche Jahre und für Bernd Gans war klar, dass er hinfährt und am Friedhof Père Lachaise an der Trauerfeier teilnimmt. Der Trauerfeier zum Gedenken an die Passagiere von Flug AF 447. Ines Gans war eine von ihnen, sie saß auf Platz 29 C.

Die Münchnerin besuchte ihren Bruder in Rio de Janeiro und kehrte nicht mehr zu ihren Eltern und ihrem Job als Verkaufsmanagerin im Bayerischen Hof nach München zurück. Heute vor einem Jahr passierte das Unfassbare. 1000 Kilometer vor der brasilianischen Küste verschluckte der Ozean die 31-Jährige und mit ihr 227 Menschen.

Wie mit der Trauer umgehen? Der pensionierte Ingenieur Bernd Gans hat die Flucht nach vorn ergriffen. Er ist Vertreter der deutschen Hinterbliebenenvereinigung HIOP AF 447. Seit einem Jahr kämpft er um Aufklärung und sucht Antworten. Antworten auf die Frage, warum der Air-France-Airbus nie in Paris gelandet ist. „Da ist eindeutig ein ganz großer Frust“, sagt der 68-Jährige. „Wir haben den Eindruck, dass die französischen Behörden das Unglück gar nicht aufklären wollen.“

28 Deutsche waren an Bord, unter ihnen auch die Münchnerin Valnizia B. (44). Vania, wie sie ihr Mann Nikolaus liebevoll nannte, besuchte ihre Verwandten in Rio. „Sie hat die letzten Jahre zu den schönsten meines Lebens gemacht“, sagte der Witwer damals zur AZ. Bis heute kämpft der IT-Berater mit der Trauer. Wie die anderen Hinterbliebenen, die sich von Air France und Airbus im Stich gelassen fühlen. Viele haben nicht mal einen Ort zum Trauern. Nur 51 Opfer wurden geborgen. Ines Gans gehörte nicht dazu.

Ein Jahr ist vergangen und immer noch sind so viele Fragen ungeklärt. Sicher ist, Flug AF 447 durchquerte eine gewaltige Unwetterfront, mehrere Geräte und der Autopilot fielen aus. Lange diskutierten Experten über den Ausfall der Pitot-Sonden zur Geschwindigkeitsmessung. Doch auch sie sollen nach bisherigen Erkenntnissen nicht alleine zur Katastrophe geführt haben.

Es gibt nur Puzzleteile – das große Ganze fehlt. Denn die automatisch gefunkten Meldungen des Flugzeugs und die wenigen aus dem Atlantik gefischten Wrackteile reichen nicht aus, um die wichtigste Frage zu beantworten: Warum ist die Maschine abgestürzt? Es gibt nichts Quälenderes als die Ungewissheit, das weiß Bernd Gans seit einem Jahr.

Und so lange Wrack und Flugschreiber nicht geborgen werden, wird sich daran nichts ändern. Für einen zweistelligen Millionenbetrag wurde mit High-Tec-Geräten nach ihnen gesucht – zuletzt von Ende März bis Ende Mai. Doch offenbar immer wieder an der falschen Stelle. Kurz nach dem Absturz empfing ein französisches Atom-U-Boot Signale, die von den Flugschreibern stammen könnten. Durch Pannen und Missverständnisse sollen diese aber nicht richtig ausgewertet worden sein.

Die deutschen Hinterbliebenen streben jetzt eine Klage gegen den französischen Staat an. Doch zuerst wird heute in Paris ein Denkmal für die 228 Opfer enthüllt. Bernd Gans wird dann auf dem Friedhof stehen und an seine Ines denken. Er hat kein Grab, an dem er trauern kann und keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Was ihm bleibt, ist die Forderung nach Schadenersatz. 25000 bis 30000 Euro hat die große Air France den deutschen Angehörigen bisher angeboten. Für ein Menschenleben.

Verena Duregger

 

0 Kommentare