München Der große Münchner Einkommens-Report

Der AZ-Report t zeigt: In welchen Stadtteilen von München haben die Haushalte besonders viel oder wenig Geld im Monat. Foto: imago

MÜNCHEN - Die Statistik zeigt: Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es mehr wohlhabende Haushalte als in Trudering-Riem. Der große AZ-Report verrät alles über das Einkommen der Haushalte in der Landeshauptstadt: Was kommt netto wo rein und wie kommen die Menschen in den 25 Stadtteilen damit aus?

Bei Wirtschafts- und Wohlstands-Rankings liegt die Landeshauptstadt immer weit vorne. Doch wie sieht die Lage in den 25 Stadtbezirken aus? Wo sind die Münchner wirklich wohlhabend – und wo wird auch in der reichen Stadt jeder Cent umgedreht? Das Statistische Amt hat der AZ aktuelle Zahlen zur Verfügung gestellt. Sie geben Aufschluss über das monatliche Nettoeinkommen in Münchner Haushalten (Stand: Dezember 2008).

Der Traum von der Doppelhaushälfte

Die Daten halten eine dicke Überraschung parat: Der Stadtbezirk mit den meisten Spitzenverdiener-Haushalten ist nicht etwa Bogenhausen, sondern Trudering-Riem. Dort haben 14,9 Prozent der Haushalte monatlich ein Nettoeinkommen von 7500 Euro und mehr zur Verfügung! Dafür ist laut Statistischem Amt vor allem das wohlhabende Waldtrudering verantwortlich. „Mich überraschen diese Zahlen“, gibt die Bezirksausschuss-Chefin Stephanie Hentschel zu, findet aber eine Erklärung: „Es liegt wohl an dem großen Anteil der Doppelverdiener – unsere Zuzüge sind hochqualifiziert.“ Außerdem gäbe es viele Selbstständige im Bezirk. Vor allem junge Akademiker mit Kleinkindern lassen sich gerne in Trudering-Riem nieder. „Hier werden tatsächlich noch viele Familienhäuser gebaut“, erklärt Hentschel. In den Neubaugebieten verwirklichen sich die jungen Familien den Traum von der Doppelhaushälfte.

In Trudering leben besonders viele Wohlhabende

14,9 Prozent Top-Verdiener-Haushalte – da kann Bogenhausen nur neidvoll erblassen. Hier sind es „nur“ 10,3 Prozent der Haushalte, die ein Nettoeinkommen von 7500 Euro und mehr haben. Auch bei einem anderen stadtinternen Vergleich hat Trudering-Riem die Nase vorn – bei der Kaufkraft. Die liegt bei durchschnittlich 28 731 Euro pro Stadtteilbewohner und Jahr. Die Sollner und Harlachinger müssen angesichts dieser Statistik jetzt aber nicht in Panik und Existenzängste verfallen! Wenn sie ihren eigenen Stadtbezirk hätten, wären sie absolut außer Konkurrenz – als Reichste der Münchner Reichen.

In Obergiesing haben viele nur 1100 netto

Ganz anders ist die Situation in Obergiesing: Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es weniger Haushalte, die zur einkommensstärksten Klasse gehören – gerade mal 1,6 Prozent. Die meisten Geringverdiener-Heime finden sich dagegen nicht etwa in Obergiesing, sondern im Bezirk Altstadt-Lehel, im Herzen der Stadt. 8,1 Prozent müssen dort mit weniger als 1100 Euro netto im Monat auskommen. Ähnlich ist das Bild in der Maxvorstadt – hier haben 7,4 Prozent der Haushalte nur ein Mini-Einkommen. Was auf den ersten Blick überraschen mag, erklärt sich beim zweiten: In beiden Stadtbezirken wohnen viele Studenten.

Die meisten haben 2600 bis 4000 Euro netto im Monat

Die Durchschnittwerte für ganz München zeigen: Stadtweit müssen 5,1 Prozent der Haushalte knausern – mit 1100 Euro im Monat kann man keine großen Sprünge machen. Fast genauso viele, nämlich 4,7 Prozent, werden dafür in die wohlhabendste Klasse eingestuft. Die meisten Haushalte (30,6 Prozent) leben von 2600 bis 4000 Euro netto im Monat. Die AZ hat sich in Münchens umgehört und gefragt, wie die Menschen mit ihrem Geld auskommen und wie es sich in ihrem Stadtteil lebt:

Alle wollen ins Lehel

Eigentlich ist der Stadtbezirk Altstadt–Lehel eher wohlhabend. Und doch hat hier jeder Fünfte weniger als 1500 Euro netto monatlich zur Verfügung. „Immer mehr Studenten und junge Leute ziehen ins Lehel“, erklärt die 80-jährige Annemarie Kulczak. „Die Mischung zwischen Alt und Jung hält sich aber die Waage.“ Und deshalb fühlt sich die rüstige Rentnerin im Lehel auch so wohl. Seit 52 Jahren lebt sie hier. „Ich möchte nirgendwo anders wohnen,“ schwärmt Annemarie. „Ganz ehrlich: Ich küsse den Boden, wenn ich von einem Urlaub heimkehre.“ Am meisten gefällt ihr, dass sich die Menschen alle kennen und sich grüßen. „Außerdem ist man schnell am Odeonsplatz oder im Englischen Garten.“ Mit ihrem Mann (89) wohnt sie noch immer in der Wohnung, die sie vor 52 Jahren bezogen haben. Damals mussten sie gerade einmal 150 Mark Miete zahlen. Heute sind es 750 Euro. „Zum Glück bekommt mein Mann eine gute Pension. Er hat 40 Jahre beim Fernsehen gearbeitet.“ Ihrem Mann gefällt es im Lehel fast so gut wie in Berlin – und „das ist für einen Berliner doch ein großes Lob, oder?“, fragt Annemarie. Nur der Aufstieg in den vierten Stock ohne Lift fällt ihr nicht mehr so leicht. „Ich gehe deshalb nur noch dreimal die Woche raus.“

Maxvorstadt: Alles vor der Tür

Juan Jaramillo (25) aus Kolumbien studiert Physik an der Technischen Universität und wohnt in der Maxvorstadt. Wie die meisten Studenten gehört er dort zu den 7,4 Prozent der Haushalte, die mit weniger als 1100 Euro im Monat auskommen müssen. Vor fünf Jahren ist er zum Studieren nach München gekommen. Er wohnt in einem 10 Quadratmeter kleinen Zimmer im Studentenwohnheim. Dusche und Toilette sind auf dem Gang. Diese teilt er sich mit 14 anderen Bewohnern. Drei Waschmaschinen stehen den schätzungsweise 200 Studenten zur Verfügung: „Nachts sind die besten Chancen, dass eine der Maschinen nicht besetzt ist“, sagt Juan. Auch wenn das Zimmer klein ist, er ist zufrieden: „Der Preis für diese Lage ist unschlagbar. Und für zwei, drei Jahre geht das schon.“ 166 Euro kostet seine Bude – warm. Vorher wohnte er in der Schleißheimer Straße in einer WG und zahlte doppelt so viel. „Über 300 Euro – das war auf Dauer einfach zu teuer.“ Acht Stunden die Woche arbeitet der Student nebenbei. Wenn das Geld knapp wird, helfen ihm seine Eltern. „Das ist okay. Ich komme klar“. In der Maxvorstadt fühlt er sich wohl. Für seine Vorlesungen muss er raus nach Garching fahren, aber wohnen will er dort nicht: „Da ist ja nichts“, meint Juan. „Hier hat man alles vor der Haustür: Eine Bank, einen Lidl, einen Plus.“

Besser verdienen in Trudering-Riem

Nirgends in München gibt es mehr Haushalte mit einem Nettoeinkommen von 7500 Euro und mehr als in Trudering-Riem. Auch dank der feineren Gegenden, die Teil des Stadtbezirks sind. „Wir gehören aber nicht wirklich dazu“, sagt Johanna Pfandl (60). „In unserer Siedlung wohnt das normale Volk. Mit den Reichen sind wohl eher die in Waldtrudering gemeint“. Johanna arbeitet als Verkäuferin, ihr Mann ist bereits in Rente. Wie viel sie im Monat zur Verfügung haben, möchte sie lieber nicht sagen: „Es ist aber genügend.“ Seit 40 Jahren wohnen die beiden in dem Elternhaus ihres Mannes in der Westermeierstraße. In der Nachbarschaft wohnen viele ältere Leute. „Allerdings“, sagt Johanna, „ziehen immer mehr junge Familien nach Trudering.“ Gegenüber sei erst kürzlich ein junges Paar mit Baby eingezogen. Auch Johannas 36-jähriger Sohn wohnt mit seiner Frau in direkter Nachbarschaft. Vor ein paar Jahren hat er sich ein Fertighaus aus Holz direkt neben sein Elternhaus hingestellt. „Solch ein Haus fängt bei 200 000 Euro an. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt“, erzählt Johanna. Sie und ihre Familie fühlen sich wohl in ihrem Viertel: „Es gehört zur Stadt München, ist aber trotzdem ländlich“. Und seit der Flughafen weg ist, ist es auch endlich sehr ruhig.

Mitttel: Auf der Schwanthalerhöhe

Alfred Heller (45) ist gebürtiger Oberpfälzer. Seit fünf Jahren lebt er auf der Schwanthalerhöhe – über seiner eigenen Metzgerei. Seine Kinder (19 und 22) sind aus dem Haus. Seine Frau hat zur Zeit noch einen Job, soll aber sobald wie möglich in der Metzgerei mit einsteigen: „Bisher muss ich alles allein machen“, erklärt Alfred. Für die Wohnung und den Laden zahlt er 1700 Euro Miete. Danach bleiben ihm immer noch rund 2000 Euro im Monat zum Leben übrig. „Dafür stehe ich auch morgens um vier Uhr auf und stehe bis acht Uhr abends im Geschäft“. Urlaub? Fehlanzeige. „Aber das habe ich ja vorher gewusst“, sagt Alfred. „Dafür bin ich mein eigener Herr und muss in dieser Zeit der Krise keine Angst um meinen Arbeitsplatz haben.“ Er wohnt gerne auf der Schwanthalerhöh’. Junge, Alte, Deutsche, Ausländer – das Publikum in Alfreds Metzgerei ist gut gemischt. Eine gute Mischung – das ist bezeichnend für den Bezirk. Er liegt bei der Einkommensstatistik nah am Münchner Mittel. „Hier hat sich viel getan“, sagt der 45-Jährige. „Der Stadtteil war schon ziemlich trostlos, aber mittlerweile ist er viel schöner geworden. Viel grüner.“

Bogenhausen: reich und ruhig

Marina Koch (44) lebt seit 21 Jahren in der Possartstraße im feinen Bogenhausen. Sie zog zu ihrem Mann und die beiden sind in Bogenhausen „hängen geblieben“, wie Marina scherzhaft sagt. Mehr als 40 Prozent der Menschen, die hier leben, verdienen über 4000 Euro netto im Monat. „Das trifft auf uns nicht zu“, meint Marina, „aber mit rund 1000 Euro im Monat zur freien Verfügung geht es uns gut“. Die beiden haben einen 14-jährigen Sohn und sind berufstätig: sie unterrichtet Querflöte, ihr Mann Schlagzeug. „Hier wohnen viele Reiche, aber auffallend wenige Ausländer.“ Das findet die gebürtige Serbin sehr schade. Dafür wohnt man in Bogenhausen sehr ruhig: „Im Gegensatz zu dem, was Kollegen so aus anderen Stadtteilen erzählen.“ Haidhausen gefällt ihr am besten, ist insgeheim ihr Lieblingsstadtteil: „Da bummelt es sich einfach schöner.“

Giesing: fast wie ein Dorf und nicht zu teuer

Giesing gilt als das Arbeiterviertel. Natalie Hilgendorf (30) lebt seit 10 Jahren dort. Das Studium über hat sie in Obergiesing gewohnt – dort gibt es laut Statistik besonders wenige Besserverdiener-Haushalte. Seit Natalie Hilgendorf arbeitet, wohnt sie in Untergiesing: „Da ist es einfach etwas schöner, weil es näher an der Isar ist“. In Obergiesing gibt es zwar bessere Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, aber die Isarnähe macht das wieder wett. In Giesing ist auch ihr Lieblingsfußballverein zuhause. Natalie ist Sechzger-Fan, seit sie zwölf war. „Von meinem Balkon aus kann man die Jungs jubeln hören“, erzählt die 30-Jährige. Als angestellte Apothekerin verdient sie um die 2000 Euro. Fast die Hälfte geht für die Miete drauf. Sie sagt: „Wer mehr verdient als ich, zieht wahrscheinlich nicht hierher. Ich hab Giesing aber so lieb gewonnen, dass ich niemals von hier wegziehen möchte.“ Für Natalie ist Giesing das, was man sich unter „dem Dorf München“ vorstellt: bodenständig und gemütlich. Und wer hierher zieht, wünscht sich das auch. Hier kennt jeder jeden. Man trifft sich im Supermarkt oder in der Stammkneipe. Die Arbeiter, die in Giesing wohnen, sind alteingesessen. Die neu Hinzugezogenen sind keine klassischen Arbeiter, sondern Uni-Abgänger, die in München etwas Bezahlbares suchen und den Freizeitwert von Untergiesing schätzen. Man packt seinen Grill und ist in nur wenigen Minuten unten an der Isar.

Julia Lenders/S. Petersen

 

0 Kommentare