München Das Gedächtnis Münchens

Das Münchner Kindl an der Wand und neben der Schreibtischlampe steht König Ludwig I. – Richard Bauer in seinem Büro. Foto: Gregor Feindt

MÜNCHEN - Auf der Auer Dult sucht er nach Inseln des Dialekts. Es ist ihm unangenehm, wenn er mit seinem Fachwissen zum "Jubiläumskiller" wird: Seit 27 Jahren hütet Richard Bauer die Schätze des Stadtarchivs - ein Porträt.

Auf der Auer Dult sucht Richard Bauer „insuläre Situationen“. Die findet der 64-Jährige beim Dultaufbau. Bauer, ein großer, nachdenklicher Mann, hört dann genau hin. Entwickelt sich zwischen Trödlern und ersten Kunden ein Dialog in echtem Münchnerisch, hat er sie gefunden: eine Insel des Dialekts. Und die ist extrem kostbar, weil sich „so eine Situation niemals konservieren lässt“.

Vom Konservieren versteht Richard Bauer viel, seit 1981 leitet der gebürtige Pasinger das Stadtarchiv an der Winzererstraße – Ende November geht er in Ruhestand, dann fängt sein Nachfolger Michael Stephan an.

Rund 1000 Jahre parat

Bei Historikern heißt es, Bauer hinterlasse große Schuhe. Er hat rund 1000 Jahre parat, ist ein eloquenter Redner, angesehener Forscher und seinen 33 Mitarbeitern ein guter Chef, der nie laut wird. Viele Münchner kennen seine Bücher – auch die wohl beste Stadtgeschichte (Geschichte Münchens, C.H. Beck Verlag, 18 Euro).

Stadtarchivar, das klingt nach Staub und Altpapier, doch Bauers Behörde verfügt über echte Schätze: Meldebücher, die eine Fundgrube für private Ahnenforscher sind. Filme und Fotos, die versunkene Münchner Lebenswelten zeigen. Hitlers Sparbuch genauso wie Sophie Scholls Fingerabdrücke. Eine riesige Sammlung alltäglicher Dinge wie Einladungen, Grafiken, Plakate. „Das hat mich sehr stark fasziniert“, beschreibt Bauer das Gefühl, als er Leiter des Archivs wurde.

Am liebsten untertreibt er

Der Historiker hat promoviert bei Karl Bosl und die Archivschule besucht – wo er die merowingische Kursive genauso wie die karolingische Schrift lernte. Er verfügt über einen ungeheuren Wissenschatz, doch am liebsten untertreibt er: „Ich hab’ ja jetzt diese kleine Stadtgeschichte geschrieben“, sagt er, der nach ein paar Jahren am Staatsarchiv mit 37 Stadtarchivar wurde. Er sei „furchtbar jung gewesen, aber zu jung ist ja der einzige Fehler, der mit dem Alter besser wird“, flachst er.

Den Archivar verbindet eine besondere Liebe mit seiner Stadt. Ihm ist klar geworden: „München will immer brillieren.“ Ein Erbe, das die Stadt dem pathologischen Selbstbewusstsein des Hauses Wittelsbach verdankt. Daher auch der Hauptstadt- Anspruch: sei es Kunst, Hygiene oder Fußball. „Jetzt haben wir auch noch den Papst, des haut uns wieder schwer nach vorn“, sagt Bauer lachend.

"Dem Fremden gegenüber immer der Kritikaster"

Auch den „Berufsmünchner“ mag er von Herzen gern. Weil der, wie Karl Valentin, stets dagegen mault und gleichzeitig untertreibt. Bauer: „In den altbayerischen, bescheidenen Konjunktiven wie I moanad, I daad, I waar zeigt sich diese Haltung. Und dem Fremden gegenüber ist man immer der Kritikaster.“ Damit beschreibt sich Bauer auch selbst, er wirkt bescheiden – aber dagegen mault er schon gern.

Das hört sich dann so an: „Es ist immer ein bisschen unangenehm, wenn man zum Jubiläumskiller wird.“ Der 150. Geburtstag der Weißwurst: Bauer bewies, dass es die Wurst schon viel länger gibt. Der 600. Geburtstag von Löwenbräu: „Das hat hinten und vorn nicht gestimmt.“ Der 850. Geburtstag von München...? Der passt. Aber: „Es ist kein Geburtstag, sondern eine Erstnennung.“ Rasch und routiniert umreißt Bauer die Jahre zwischen 742 und 1158, die „wahren“ Geburtsjahre dieser Stadt.

Nach fast drei Jahrzehnten als Stadtarchivar trägt Bauer auch Narben davon. Anfang der 90er gab es Vorwürfe aus der Branche, er habe den Zugang zu Fotos des Archivs beschränkt. Aus den Vorwürfen wurden Verleumdungen, schließlich eine Kampagne. „Man wollte mir eine reinwürgen,“ sagt er heute. Bauer musste sich sogar juristisch zur Wehr setzen, die Widersacher mussten die Vorwürfe schließlich zurücknehmen. Ein Kollege sagt, damals sei Bauer binnen kurzer Zeit grau geworden.

Nicht mehr "immer nur München, München, München"

Jetzt, kurz vor dem Ruhestand, freut sich der Vater eines erwachsenen Sohnes darauf, nicht „immer nur München, München, München“ als Thema zu haben. Wie mit dem vermeintlichen Mozart- Porträt der Berliner Gemäldegalerie.

Für Bauer, der sich am liebsten „richtig reinkniet“ in die Geschichte, ist es „unanständig“, dass niemand die wahre Herkunft des Bildes überprüft hatte – er bewies, dass auf dem Bild des Malers Edlinger ein Münchner Bürger zu sehen ist. Und dabei fiel ihm auf, dass bislang unerforscht ist, wie der gealterte Mozart ausgesehen hat. Er sagt: „Die Witwe hat manipuliert, sie wollte ein bestimmtes Bild erzeugen.“ Bauers Augen funkeln, als er hinzufügt: „So, wie Mozart auf dem Schwanthaler- Denkmal in Salzburg aussieht, hat er mit Sicherheit nicht ausgesehen.“

"Man wird ja zum Zeitzeugen"

Ein anderes, persönlicheres Thema ist die eigene Geschichte: „Man wird ja zum Zeitzeugen, je älter man wird.“ Er ist Jahrgang 1943, sein erstes Wort war „Alarm“. Bauer wurde 1948 eingeschult und wird heute ganz wehmütig, wenn er sich Klassenfotos ansieht. Die Buben tragen robuste Spaltlederhosen, alle sind barfuß. Eine Zeit, „in der wir ins 19. Jahrhundert zurückgeschmissen wurden“, sagt Bauer.

Diese untergegangene, einfache Welt der Kindheit ist seine stille Sehnsucht. Jetzt aber blickt er nach vorn, regelt die Übergabe auf dem Chefsessel und findet, dass das Stadtarchiv in sehr gute Hände kommt, sein Nachfolger Michael Stephan sei ja – wie er – gebürtiger Münchner.

Denkt er nicht manchmal daran, wie es wohl ist, wenn Generationen nach ihm auf seine Werke zurückgreifen? „Naa, ned!“ entfährt es ihm, „Des hab ich eigentlich nicht gewollt!“

Katharina Rieger

 

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