München-Boom Schaut (nicht nur) auf diese Stadt

Sondern auf das weite Land um München herum: Wenn die Stadt das weitere Wachstum verkraften soll, müssen die umliegenden Städte etwas davon auffangen. Foto: dpa/Peter Kneffel

Alle Wege führen nach München – leider. Wissenschaftler zeigen, wie sich Wohnen, Arbeiten und Mobilität verändern müssen.

 

München - Das Beste an Augsburg ist der Schnellzug nach München. Und das bittere Stückchen Wahrheit in diesem Witz das Problem einer ganzen Region, in der über 5,7 Millionen Menschen leben. Es gibt nämlich ziemlich viele Augsburgs in diesem Sinn. Sie heißen etwa Landshut oder Weilheim, Rosenheim, Mühldorf oder Ingolstadt.

Diese Städte sind natürlich allesamt nicht greislig. Aber der wahre Kern des Witzes ist: Die gesamte Metropolregion von Eichstätt bis Garmisch-Partenkirchen und von Kaufbeuren bis Altötting ist auf ein Zentrum ausgerichtet. Alle Wege führen nach München.

„Leider“, sagt Gebhard Wulfhorst, Professor im Fachgebiet Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung an der Technischen Universität München. Er hat zusammen mit seinem Kollegen Alain Thierstein, Professor für Raumentwicklung, eine große Studie zum Themen Wohnen, Arbeiten und Mobilität in der Metropolregion München erstellt. Das Fazit der Wissenschaftler: Die Region braucht mehrere Zentren. Wulfhorst sagt: „Eine hochwertige Verbindung im öffentlichen Verkehr zwischen den mittleren Städten der Region könnte den Druck auf München erheblich abschwächen.“

Die Studie gibt konkrete Hinweise darauf, wie sich Wohnen, Mobilität und Arbeiten verändern müssen. Hier lesen Sie die wichtigsten Ergebnisse.

Wohnen in München

Logisch, es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum, das haben wir schon gewusst. Aber die Studie zeigt auch, wo dieser entstehen sollte – und wo besser nicht. Denn: Menschen möchten viel miteinander verbinden, vor allem Wohnen und Arbeiten. Was banal klingt, ist eine wichtige Erkenntnis, die beweist: Pendeln ist kein Wunsch, sondern ein Kompromiss. Tatsächlich haben die Wissenschaftler verschiedene Typen gefunden, die alle ein bisserl andere Motive haben. Die einen wollen ins Zentrum, viel Nahversorgung haben und sich möglichst umweltfreundlich bewegen, andere wollen komfortabler wohnen sowie Eigentum erwerben.

Aber: Niemand will lange unterwegs sein. Heißt: Wenn München nicht platzen soll und Menschen sich gerne – und nicht nur wegen hoher Mieten – woanders ansiedeln sollen, müssen diese Orte attraktive Zentren werden, mit dichten Kernen, viel Nahversorgung, sowie guten Arbeitsplätze. Umlandsbettenburgen als Schlafstätten braucht’s nicht. Daher fordern die Wissenschaftler: Zentren müssen dichter werden und Kommunen sollten Bauland dort ausweisen, wo die Anbindung an den öffentlichen Verkehr gut ist. Die schlechter erschlossenen Gebiete zu besiedeln, bringt wenig, wenn nicht gleichzeitig viel in die dortige Infrastruktur investiert wird.

Mobilität in der Stadt

Passiert das nicht, riskiert man, dass in diesen Gebieten viele Menschen an etwas leiden, das die Wissenschaftler „Mobilitätsarmut“ nennen. Das heißt: Wer wenig Geld hat, nimmt halt die Wohnung, die er kriegt und kann dabei weniger auf eine gute Anbindung achten. „Und dann sitzt man in der Falle“, sagt Wulfhorst. „Schließlich ist Mobilität gerade ja für diejenigen, die sich den Wohn- und Arbeitsort nicht unbedingt aussuchen können, enorm wichtig.“

Um das zu verhindern und München vor dem Kollaps zu bewahren, sind vor allem zwei Dinge wichtig: Nahmobilität und Tangenten. Zum einen müssen sich die Menschen also vor Ort gut bewegen können. Bisher habe das im Umland nur Augsburg wirklich gut gelöst, meinen die Macher der Studie. Der Münchner Verkehrsverbund sei viel zu klein, es brauche mehr regionale Stadtbusnetze, und die müssten wiederum besser untereinander vernetzt werden.

Zum anderen müssten kleinere Städte über Tangenten mit Mittelstädten als Zentren verknüpft werden – statt des ständigen Ausbaus der Achsen, die alle von außen zentral auf München zulaufen.

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Ein Beispiel: Der Landshuter Bahnhof ist längst nicht ausgelastet, die Gegend drumherum könnte wesentlich dichter und lebhafter sein. Über einen gestärkten Knotenpunkt Landshut würden dann wiederum Städte wie das südöstlich davon liegende Vilsbiburg besser angeschlossen. „Es macht wenig Sinn, Städte wie Vilsbiburg stärker auf München als Zentrum auszurichten, sondern sie an nahe gelegene Zentren anzubinden“, sagt Wulfhorst.

Arbeiten in München

Genauso wie es wenig Sinn mache, immer mehr Flächen als reine Gewerbegebiete auszuweisen. „Hochwertige Arbeitsplätze entstehen nicht in einem Gewerbegebiet an der Bundesstraße“, sagt Gebhard Wulfhorst. Und sein Kollege Alain Thierstein ergänzt: „Ein Arbeitsplatz, zu dem man gerne geht, ist in ein funktionierendes Zentrum eingebunden.“ Man müsse auch den öffentlichen Raum drumherum mögen. Und da wollen die meisten eben lieber lebhafte, vielseitige Umgebung als eine Welbblechhallen-Wüste mit Tankstelle.

Anspruchsvolle Unternehmen suchen hochqualifizierte Mitarbeiter. Und diese wollen wiederum in schönem Umfeld arbeiten. Damit sich solche Firmen auch in anderen Zentren der Region ansiedeln als in und um München, braucht es dort Gewerbeflächen mit guter Nahversorgung – vom Kindergarten bis zum Feierabendbier.

 

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