Mosaike und Ikonen Bayern gibt geklaute Kunst für 30 Millionen zurück

Despina Pilides, Bischof Porfyrios und Eleni Papanicolaou aus Zypern mit Peter Dathe, CHef des bayerischen Landeskriminalamtes vor dem Mosaik vom hl. Thomas. Foto: Petra Schramek

Ein spektakulärer Krimi um millionenschwere Kulturschätze aus Zypern geht zu Ende: Bayern gibt gestohlene Fresken, Mosaike und Ikonen zurück.

 

München - Mehr als 15 Jahre lang waren in der Asservatenkammer im Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) auf 18 Quadratmetern 233 Fresken, Mosaike und Ikonen aus Nordzypern gelagert. Wert: rund 30 Millionen Mark. Die Kunstschätze waren während der türkischen Besatzung in den 70er Jahren mit brachialer Gewalt aus Kirchen, Klöstern und Museen in Nordzypern gestohlen worden und auf verschlungenen Wegen nach Westeuropa gelangt. Im Herbst 1997 und im Frühjahr 1998 wurden die wertvollen Kulturgüter bei dem Türken Aydin D. in München beschlagnahmt.

Er bewahrte die Kunstschätze in Bahnhofsnähe sowie in Obergiesing im Keller, auf dem Dachboden und hinter Zwischenwänden auf. Dass er aufflog, verdankte Aydin D. damals einer schillernden Figur und ehemaligem Komplizen: Michel von Rijn, einst meistgesuchter Kunstdieb, hatte die Seiten gewechselt und arbeitete fortan mit der Polizei zusammen. Gestern endlich, mehr als 15 Jahre nach der Sicherstellung der Exponate sowie einer nicht enden wollenden Serie von Gerichtsverfahren und Gutachten konnten Justizministerin Beate Merk und LKA-Chef Peter Dathe der Vertreterin der Republik Zypern, Attaché Eleni Papanicolaou sowie dem Bischof Pofyrios von Neapolis, gestern einen Großteil der Kulturgüter zurückgeben. In den kommenden Wochen werden die 173 Exponate gen Heimat reisen. Die zivilrechtlichen Entscheidungen für den Rest stehen noch aus.

Es war ein Freitag im Oktober 1997,
als die Fahnder des LKA um 18 Uhr vor der Tür von Aydin D. (damals 60) in der Schützenstraße am Hauptbahnhof mit einem Durchsuchungsbeschluss standen. Wenig später entdeckten die Ermittler in der Wohnung kostbarste gestohlene Kulturgüter, darunter ein Mosaik aus dem Jahr 525 nach Christus. Es zeigt den Apostel Thomas und ist aus der frühbyzantinischen Kirche Kanajia-Kanakaria gestohlen worden. Allein dieses Mosaik ist mindestens fünf Millionen Euro wert und zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Millionenwerte lagerten teilweise nachlässig in mit Tesa verklebten Umzugskartons. Den Fahndern war schnell klar, dass sie den richtigen Tipp bekommen hatten. Dabei hatten den bayerischen Ermittlern zwei Personen besonders geholfen: Die Honorarkonsulin Tasoula Georgiou Hadijtofi, die seit den 80er Jahren nach dem Verbleib von gestohlenen zypriotischen Kulturgütern fahndete. Sowie der Holländer Michel van Rijn. Er soll während der Festnahme von Aydin D. extra nach München gereist sein und im Hilton gewohnt haben. Der Holländer ist eine schillernde Figur.

Einst verdiente sich Michel van Rijn mit Kunstdiebstählen selbst eine goldene Nase. Er schmuggelte die kostbaren Güter zum Teil in seinen Privatjets, umgab sich gern mit vielen schönen Frauen und fuhr die teuersten Autos. Ende der 1980er Jahre wechselte er die Seiten: Michel van Rijn wurde vom Kunstdieb zu einem der wichtigsten Helfer der Kunstfahnder, er arbeitete für FBI, Mossad und Scotland Yard. Einen Mordanschlag von einem rachsüchtigen ehemaligen Komplizen überlebte er.

Michel van Rijn gab zu, ein Komplize von Aydin D. gewesen zu sein, er berichtete, wie die Kulturschätze aus Nordzypern in großen Körben auf türkischen Lastwagen transportiert wurden und dass sowohl Besatzer als auch Blauhelmsoldaten bestochen worden seien. Dafür, dass er den Ermittlern Tipps gab, wo man in München suchen müsse, ging er straffrei aus. Doch auch Aydin D. kam ohne Strafe davon. Der Familienvater hatte Archäologie studiert und lange in Ankara in einer Behörde gearbeitet. 1979 kam er nach München, wo er sich zum Restaurator und Konservator ausbilden ließ.

Nach seiner Festnahme 1997 saß Aydin D. ein Jahr lang in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen wegen Hehlerei gegen ihn wurden aber eingestellt. Der Diebstahl war verjährt. Dann begann ein juristisches Gezerre, das bis heute andauert. Aydin D. behauptete, die Exponate auf Auktionen ersteigert zu haben. Der heute 75-Jährige klagte auf Herausgabe „seines Besitzes“. Es folgten unzählige Prozesse, in denen die Zyprioten die Herkunft der einzelnen Exponate belegen mussten.

Erst im März dieses Jahres sprach das OLG der Republik Zypern und der Griechisch-Orthodoxen Kirche zunächst 173 der gestohlenen Kunstschätze zu – die Voraussetzung für die jetzige Rückgabe. Nun werden die Kulturschätze, auch der Apostel Thomas, gut verpackt die Reise nach Nikosia antreten. Dort sollen sie zunächst restauriert und dann im Nationalmuseum sowie später im byzantinischen Museum von Nikosia ausgestellt werden.

Wann sie an ihre Ursprungsorte zurück kommen werden – die Kirchen und Klöster in Nordzypern – ist ungewiss.

 

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