Mord in Obersendling "Es wird dunkel": Katrin Michalks letzte Worte

Abschied von Katrin Michalk. Auf einem kleinen Friedhof in Sachsen ist das Mordopfer von München am letzten Samstag (19.01.2013) beigesetzt worden. Foto: Bruno Satelmajer

Nach der Attacke auf die Verlagsangestellte finden Nachbarn sie sterbend im Hausflur. Jetzt schildern sie die furchtbaren Minuten - und verraten, was Katrin Michalk als Letztes sagte.

 

Obersendling - Im Treppenhaus riecht es nach Putzmittel. Die Wand ist frisch gestrichen, die Fliesen sind blitzblank. Kein Blut. Keine Kerzen. Keine Blumen. Die Hausmeisterin hat auf Anweisung des Hausverwalters alles weggeräumt.

Vor drei Wochen ist hier eine Frau niedergemetzelt worden. Am Freitag, 4. Januar, rammte jemand 18 Mal ein Küchenmesser in den Körper der Verlagsangestellten Katrin Michalk (†31). So heftig, dass die Klinge abbrach. Ein Stich traf sie mitten ins Herz. Katrin Michalk verblutete zwischen dem Fußabstreifer und den Hausbriefkästen.

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Genau drei Wochen später, am Freitag den 25., gibt die Polizei bekannt, dass sie den mutmaßlichen Mörder geschnappt hat: ein 19-Jähriger aus der Nachbarschaft. Er soll auch schon gestanden haben.

ANGST IM HAUS Die AZ ist noch einmal ins gepflegte Wohnhaus in Obersendling gegangen. Die Hausbewohner sind noch immer geschockt. „Man hat schon Angst“, sagt Hue N. Ihre Nachbarin Maria A. (Name geändert) ergänzt: „Ich lasse keinen mehr einfach ins Haus.“ Die beiden waren Katrin Michalk am nächsten, als ihr Mörder an jenem Abend gegen 21 Uhr über sie herfiel.

Die AZ rekonstruiert detailliert, was geschehen ist.

VIER WORTE EINER FRAU Es ist etwa 21 Uhr. Hue N. (75) und ihr Mann Phuc (80) sitzen auf der Couch ihrer Wohnung im ersten Stock. Gegenüber wohnen Katrin Michalk und ihr Freund. Hue N. kennt sie flüchtig. „Sie war sehr freundlich. Als wir eingezogen sind, hat sie uns willkommen geheißen. “ Auf dem Sofatisch vor ihnen steht ein aufgeklappter Laptop. Die beiden sehen sich eine vietnamesische Oper an. Die Wohnzimmertür ist offen. Trotz der lauten Musik hört Hue N. einen Streit im Treppenhaus.

Sie geht in den Flur. Dort hört sie zuerst die Stimme einer Frau. „Vier Worte hat sie gesagt.“ Welche genau, versteht sie nicht. Dann hört Hue N. ein fünftes Wort: „Hilfe!“ – „Es war aber nicht sehr laut, nicht so intensiv.“ Gleich darauf spricht ein Mann mit einer tiefen Stimme – auf deutsch, einen Akzent kann die Vietnamesin nicht erkennen. „Er klang böse, er beschimpfte sie“, sagt Hue N. „Es war nur ganz kurz. Danach Stille.“ Die kleine Frau bleibt im Flur hinter der Wohnungstür stehen. „Ich dachte, wenn ich noch einmal Hilfe höre, rufe ich die Polizei.“

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DIE NACHBARIN Auch Maria A., die im Haus wohnt, hört den tödlichen Streit. Auch sie geht in den Gang ihrer Dreizimmer-Wohnung. Sie schaut durch den Spion: Das Treppenhaus ist erleuchtet, die Rentnerin sieht aber niemanden. Auf dem linken Ohr hört sie sehr schlecht. Sie öffnet die Tür einen Spalt breit. Katrin Michalk und ihr Mörder sind nur wenige Meter von ihr entfernt, sind aber vom Aufzugschacht verdeckt. „Ich dachte, das ist ein Beziehungsstreit“, sagt Maria A. Sie schließt die Tür wieder und denkt: „Da misch’ ich mich nicht ein!“

DIE STIEFEL DES OPFERS Das Haus in der Halskestraße ist sehr hellhörig. Im Treppenhaus hallt es. So hören auch andere die lauten Stimmen. Als sie verstummen, geht ein Mann aus einer der oberen Etagen in den Flur und blickt den Spalt zwischen Treppe und Aufzugschacht hinunter. Er sieht Katrin Michalks Winterstiefel am Treppenabsatz. Und eine Blutlache, „vom Teppich bis zur Wand“. „Um Gottes Willen, da liegt eine tote Frau“, ruft ihm seine Nachbarin zu. Sie geht mit ihrem Sohn nach unten.

DIE FRAU IN DER BLUTLACHE Maria A. aus dem Erdgeschoss hört „normale Stimmen“, wie sie später sagt, und öffnet die Tür. Vor ihr steht die Frau von oben. „Was war denn da los?“, fragt Maria A. verunsichert. „Da unten liegt eine bewusstlose Frau!“ Der Sohn ist schon bei Katrin Michalk, die in ihrem blutgetränkten Daunenmantel bäuchlings auf den Fliesen liegt. „Wo gehören Sie hin?“, fragt der junge Mann. „Ich bin Katrin Michalk. Ich verblute. Holen Sie Hilfe!“

DER NOTRUF Maria A. rennt zurück in ihre Wohnung. Sie wählt die 110, gibt die Adresse durch: „Hier liegt eine bewusstlose Frau am Boden. Überall ist Blut. Bitte kommen Sie schnell!“

WARTEN AUF DEN NOTARZT Katrin Michalk liegt reglos am Boden. Niemand von den Umstehenden traut sich, sie anzufassen. Die drei Nachbarn öffnen die Haustür, hängen sie oben ein, „damit die Sanitäter gleich rein kommen“. Der Sohn läuft immer wieder zur Straße, um nach den Rettungskräften Ausschau zu halten. „Sie waren schnell“, sagt Maria A. „Ungefähr zehn Minuten.“

DER FREUND SITZT DANEBEN Katrin Michalks Freund wartet noch immer in der gemeinsamen Wohnung. Er ist nur wenige Meter von seiner sterbenden Freundin entfernt, hat aber offenbar nichts mitbekommen. Die Nachbarn klingeln an seiner Tür. In Unterhemd und Hose geht er die drei Treppen hinunter. „Er hat einen furchtbaren Schock gekriegt“, sagt Maria A. Und: „Er hat sich auf den Boden gesetzt und geschwiegen.“ Nur einmal habe er Katrin Michalk an der Schulter berührt. Maria A. holt ein Handtuch, „damit er es ihr unter die Wange legt.“ Aber dazu kommt es nicht mehr.

DIE LETZTEN WORTE Kurz bevor der Notarzt kommt, hebt Katrin Michalk noch einmal den Kopf. „Ich glaube, danach ist sie gestorben“, sagt Maria A. Davor sagt Katrin Michalk noch zwei Sätze: „Ich kriege keine Luft mehr.“ Und: „Es wird dunkel.“

 

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