Montagskonzert der Bayerischen Staatsoper Eine Uraufführung des Staatsballetts

Die Tänzerin Prisca Zeisel bei einem früheren Montagskonzert in der Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Die Uraufführung einer Choreografie von Dustin Klein zu Musik von Clara und Robert Schumann beim 7. Montagskonzert der Bayerischen Staatsoper

 

Nach mehrwöchiger Pause kehrt das Bayerische Staatsballett heute Abend auf die Bühne des Nationaltheaters zurück – mit einer Neukreation für die Erste Solistin Kristina Lind und den Halbsolisten Henry Grey. Genau vor einem Monat war die laufende Spielzeit für beendet erklärt worden. Den letzten Rest künstlerischer Arbeitsnormalität zerschlug Anfang April die vom Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst verordnete Betriebsschließung.

Seither halten sich die Mitglieder der Kompanie einzeln fit. Daheim. Unterstützt lediglich durch tägliche Online-Classes: Ballett-Training im Videokonferenz-Korsett. Solchen Bedingungen eine kleine Weltpremiere abzutrotzen, ist schon erstaunlich. Kein Wunder zwar, wenn man den sonst üblichen Arbeitseifer der meisten Tänzer kennt, aber ein deutliches Zeichen für die generelle Umtriebigkeit der Branche. Zugleich ein Merkmal unaufhaltbaren Optimismus und der Unverzichtbarkeit, in der darstellenden Kunst seinen Beruf live ausüben zu müssen.

Ein Statement

„Not macht erfinderisch!“ fasst Choreograf und Staatsballett-Halbsolist Dustin Klein zu Beginn des Telefongesprächs die Frage nach seinem Zugang zur erst am 5. Mai an ihn herangetragenen Auftragsarbeit zusammen. Eine in diesem Fall von Sehnsucht regelrecht überbordende Demonstration (im doppelten Wortsinn), die hoffentlich auch die politisch Verantwortlichen anstachelt, auf ein dem Gesundheitsministerium seit drei Wochen vorliegendes Hygienekonzept zur schrittweisen Trainingsrückverlagerung ins Probenhaus am Platzl zu reagieren. 

Doch Choreografieren in Zeiten von Corona – wie funktioniert das? Unter dem Titel „Eine romantische Liebe“ lässt Dustin Klein in zwei individuellen Soli – ausgehend vom klassischen Bewegungsvokabular – ein Emotionsspektrum aufflackern, dessen inhaltliches Pendant sich im schriftlichen Austausch zwischen der noch sehr jungen Clara Wieck und Robert Schumann wiederfindet. Ausgewählte Briefpassagen werden von den Schauspielern August Zirner und Katalin Zsigmondy vorgetragen. Die Ideengeber des Projekts, Violinistin Verena-Maria Fitz und Pianist Massimiliano Murrali, füllen den einstündigen zweiten Teil dieses 7. Montagskonzerts rund um das Komponistenpaar musikalisch mit je drei Stücken von Clara und Robert Schumann.

„Fitz und Murrali haben mich ins Boot geholt. Sie hatten dieses Programm schon mal gespielt und sich immer vorgestellt, es durch Tanz zu personifizieren. Jetzt kam die Gelegenheit. Zwar relativ knapp, aber ich bin sofort angesprungen, habe mich in die Musik verliebt und am nächsten Tag zugesagt. Donnerstag vor einer Woche begannen wir mit der ersten Probe“, erläutert Klein den straffen, kontaktlosen Ablauf. „Der zugrunde gelegte Briefwechsel endet mit Schumanns Hochzeit 1840 und beginnt im Jahr 1832. Da ist Clara 13, Robert 22 Jahre alt. In genau dieser Zeitspanne bewegen wir uns. Man begegnet den hochbegabten Komponisten, die ihre Stücke spielen und sich – eben auf Distanz – ihre Liebe beweisen wollen und die schriftlich Kontakt zueinander halten. Gut vorstellbar, wie lange es damals dauerte, bis ein Brief ankam. Diese überbrückende, sehnsuchtsvoll-romantisch aufgeladene Zeit, die es heute so nicht mehr gibt, habe ich mir als Vorbild genommen und zum Wirkungsziel meiner Choreografie gesetzt.“

Tanzen mit Mundschutz?

Die Proben fanden unter extremen Auflagen im bühnengroßen Ballettsaal des Nationaltheaters statt – mit gebührendem Abstand zwischen Tänzer und Choreograf. Sich bereits zu kennen, ist klar ein Vorteil. Schließlich passt man sich der Situation auch dadurch an, indem man das, was man erreichen möchte, verstärkt verbal kommuniziert. „Aber während der Probe Tänzern Mundschutz aufzuziehen, ist Schwachsinn. Die ersticken darunter. Ich als Choreograf, wenn ich von vorne an den Tänzer herantrete, setze meine Maske auf.“

Dass er nach zwei Monaten Ausnahmezustand überrascht war, wie fit beide Tänzer sind, gibt Klein unumwunden zu. Und er fügt an: „Die zwei haben einen enormen Ehrgeiz haben, ihre Sache stets gut zu machen. Privat ziehen sie ein sehr straffes Fitness- und Tanzprogramm durch, um sich gegenwärtig – wie sonst über Feiertage und Ferien hinweg – konditionell on top zu halten.“ Greys Auftritt auf den 1. Satz von Robert Schumanns Sonate Nr. 1 für Violine und Klavier op. 105 dauert acht Minuten – so lange wie kaum ein Herrensolo. Linds Passage auf Clara Schumanns 2. Romanze op. 22 macht die Tanztechnik, die darin „verbaut“ wurde, immens anspruchsvoll.

Wir sind fit

Die Premiere ist auch ein Statement: Wir sind hier, wir sind fit und wir können loslegen. Auf keinen Fall sollten Politiker dies anders verstehen! Klein ist überzeugt: „Wir haben zwei sehr schöne Soli entwickelt, die sehr verbindend sind. Obwohl die Personen als Einzelne auf der Bühne stehen, merkt man stark, dass da ein partnerschaftlicher Bezug zwischen Robert und Clara besteht. Dennoch war es seltsam, für das Projekt jeweils bloß im Zweierteam im ansonsten leeren Haus durchzustarten. Die Stimmung am ersten Tag: noch recht verhalten – bis das Eis brach und wir konzentriert Gas geben konnten.“

Gespräche, die spartenübergreifende Uraufführung „Eine romantische Liebe“ später weiter auszubauen, gibt es bereits. Momentan weiß Dustin Klein jedoch nicht einmal, wo es ihm erlaubt sein wird, dem Aufführungsabend zuzusehen. „Mal abwarten, ob ich auf die Seitenbühne darf (lacht), oder mir das Ganze backstage auf dem Laptop im Livestream angucke.“

Liveübertragung am Montag, 18. Mai um 20.15 Uhr auf www.staatsoper.tv; ab 20.5. für 14 Tage als Video-on-Demand abrufbar

 

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