Molière: "Don Juan" in Nymphenburg Tanze Tango mit mir!

David Tobias Schneider ist der verstrickte Don Juan. Foto: Bernt Haberland

Nymphenburger Schloss: Das Ensemble Persona belebt Molières „Don Juan“ in einem Innenhof

 

Wie traumhaft das erstmal klingt, ein attraktiver Gigolo zu sein, der von alle Frauen begehrt wird. Aber es sieht dann doch eher nach Stress aus, wie Don Juan auf leerer Freilichtbühne zwischen den Dorfmädchen hin und her tänzelt: Beide hat er mit einigen Schmeicheleien und falschen Hochzeitsversprechen erobert, beide muss er nun besänftigen, damit er nicht auffliegt. Was der adlige Leichtfuß dabei verbal an Schrittchen und Wendungen vollziehen muss, zeigt sich sichtbar in seinem Trippeln zwischen den Damen: Mal ist er bei Charlotte, mal bei Mathurine; dann führt er ihre Hände zusammen und rennt durch die Zuschauerreihen einfach davon.

Verführung ist und war schon immer, so verrät schon allein das Wort, eine Sache der Führung, und was diesen Don Juan nun mal neben seiner erotischen Präsenz ausmacht, ist seine Fähigkeit, die Damen clever nach seinem Willen zu dirigieren – natürlich bevorzugt Richtung Bett. Die Linie zum Paartanz lässt sich dabei schlüssig ziehen, denn dort herrscht in der Regel noch das klassische Prinzip, dass der Mann die Frau, eben, führt. Wobei der gute Tänzer schon den Willen seiner Partnerin mitbedenken muss, damit ein beidseitig glücklich machendes Zusammenspiel der Schritte entsteht.

Das Problem - ungelöst: Wie mache ich den Schwerenöter zur modernen Figur

Es leuchtet also ein und bringt auch einiges an schöner Stimmung, dass das Ensemble Persona Molières „Don Juan“ mit der Kunst des Tangos vermischt. Im Innenhof des Nordflügels vom Schloss Nymphenburg tänzelt und tanzt der Don allein und mit seinen Partnerinnen mitreißend über die Bühne, füllt damit den leeren Raum. Zudem weiß Regisseur Tobias Maehler sehr gut, wie er seine Darsteller sinnfällig positioniert. So steht Yannick Zürcher als Diener Sganarelle auch mal vorne und kommentiert das Hintergrund-Treiben seines Meisters still mit betrübter Miene und leidvollem Blick.
Dieser Sganarelle ist das sichtbare schlechte Gewissen in der Inszenierung, ein zumindest teilweise moralisch denkender Mensch und zugleich ein Gefangener, weil er seinem Herrn nun mal dienen muss. Yannick Zürcher lässt einmal einen Zuschauer aufstehen und benutzt diesen, um endlich mal all das auszuspucken, was der Diener eigentlich seinem Herrn gerne sagen möchte. Mit solchen Einfällen lockert das Ensemble Persona die Atmosphäre. Aber es vermag letztlich nicht, Don Juan zu einer zeitgemäßen Figur zu machen.
Da mag der launige Hauptdarsteller David Tobias Schneider, der neben seiner Arbeit als Schauspieler seit langen Jahren Tango tanzt und sogar selbst unterrichtet, noch so toll mit den Worten und mit den Damen wirbeln, aber sein Don bleibt eine aus der Zeit gefallener Figur: ein Rosen verschenkender Herzensbrecher, der mit seiner toxischen Männlichkeit einfach so durchkommt, als ob es die fortschreitende Emanzipation der Frau und den Niedergang des Machos nie gegeben hätte.
So ist dieser Don Juan vor allem ein Männerding, mit dem sehr energetischen Kolja Heiss in gleich mehreren Rollen und dem spielenden Regisseur Maehler als betont strengem Vater des Dons.

Das Gigolo-Dasein laugt tödlich aus

Vielleicht liegt es aber vor allem am Mangel echter Gegenspielerinnen, dass man sich auf einer angestaubten Zeitreise fühlt. Stefanie Dischinger hat zwar einen lauthalsen, furiosen Auftritt als Rache schwörende Donna Elvira, aber ansonsten entwickeln die Damen wenig Durchschlagskraft. Anja Neukamm ist als Charlotte ein einfaches Opfer und wird sehr schlicht von Don Juan begrapscht. Chiara Penzel stellt Mathurine allein durch ihre Körperhaltung als eine etwas selbstbewusstere Frau dar, aber auch diese Figur bekommt kaum Kontur.
Da hilft es auch nicht, dass die Darstellerinnen teilweise Männerrollen übernehmen, denn auch diese bleiben Skizzen und (französelnde) Klischees. Zum Teil spricht das Ensemble den Text so laut, als ob sie die letzte Reihe bespielen müssten. Dabei haben sie Mikroports, die sowieso jeden Laut verstärken. So wird dann auch akustisch dick und hallig aufgetragen.
Aber natürlich ist das alles kein progressives Experiment, sondern das Publikum ist für einen unterhaltsamen Theaterspaß in gepflegter Atmosphäre gekommen. Den bietet das Ensemble Persona und hat mit Margit Sonnauer eine Musikerin am Bühnenrand, die mit ihrem Akkordeon einige schöne Tangomomente entzündet.
Am Ende folgt nicht wie bei Molière die religiöse Strafe, sondern die Opfer lassen den Don für seine Verfehlungen bluten. Das Gigolo-Dasein laugt tödlich aus. Dieses Ende ist neu, aber letztlich genauso konservativ: Ein so arrogant-libertinärer Freigeist muss eben für seine Sünden bezahlen. Obwohl er den Tango der Verführung eigentlich wunderbar tanzt.    

Innenhof Nordflügel, Schloss Nymphenburg, Sa, 10.8. und So, 11.8. sowie Fr, 16.8., 20 Uhr, www.ensemblepersona.de
 

 

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