Mit erst sechs Jahren Edgar Selge: Habe im Gefängnis Theater gespielt

Kaum einem anderen deutschen Schauspieler kauft man den Psycho und den Mörder so leicht ab wie Edgar Selge. Wann auch der private Selge mal austickt, und wie er zur Schauspielerei kam, verrät er im Interview.

 

Los Angeles - Deutscher und Bayerischer Filmpreis, Deutscher und Bayerischer Fernsehpreis, zwei Grimme, eine Goldene Kamera, ein Bambi und diverse Höchstnoten im Feuilleton sprechen für sich: Edgar Selge (65, "Poll") gehört zur allerersten deutschen Schauspielgarde. Er spielte auf den renommiertesten Bühnen und in seiner Filmographie sucht man vergebens nach trivialen Jugendsünden. Der studierte Philosoph nimmt es sehr genau mit der Wahl seines Umfeldes. Denn wenn das nicht passt, kann er sehr ungemütlich werden, wie er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät.

Kaum einem anderen deutschen Schauspieler kauft man so leicht den Psycho und den Mörder ab wie Ihnen. Alles nur gespielt, oder kann der private Selge auch mal austicken?

Edgar Selge: Eher selten, aber es kann passieren. Jede Form von Machtmissbrauch macht mich wütend. Ich bin da sehr empfindlich. Das gibt es überall: ob am Set, im Sender, am Theater oder bei der Post. Mich macht zum Beispiel wütend, wenn die Post so voll ist, dass eine Schlange bis auf die Straße raus steht und da trotzdem drei Postbeamte Mittagspause machen und so tun, als würden sie das nicht wahrnehmen. Da werde ich wütend. Und dann sage ich irgendwann mal was, auch mal sehr laut.

Sind Sie ein unbequemer Mensch?

Selge: Ich schlucke nicht leicht etwas, aber ich glaube nicht, dass ich deswegen unbequem bin. Es hat was Befreiendes, wenn man Stellung bezieht. Und da ich in der glücklichen Lage bin, dass ich mir die Menschen, mit denen ich zusammen arbeite aussuchen kann, muss ich mich beruflich kaum über Machtmissbrauch ärgern. Sonst könnte ich aber auch nicht produktiv mit demjenigen zusammen arbeiten.

Inwiefern hat Ihr privates Engagement bei "BASTA - Das Bündnis für psychisch erkrankte Menschen" mit Ihrer beruflichen Vorliebe für gebrochene Figuren zu tun?

Selge: BASTA ist auf mich zugekommen, da sie um meine Vorliebe für gebrochene Figuren wissen. Ich habe nicht nur Interesse, sondern auch Verständnis für Menschen mit schwierigen Biografien. Die Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischer Erfahrung in unserer Gesellschaft finde ich furchtbar. Nur weil sie empfindlicher auf Druck, Stress und Ellenbogengesellschaft reagieren. Eigentlich müssten wir denen dankbar sein, dass sie etwas für uns alle erleiden.

Kennt jemand mit Ihrem intellektuellen Hintergrund auch ganz profane Freizeitbeschäftigungen?

Selge: Habe ich auch. Ich sehe zum Beispiel sehr gerne Fußball und bin ein Bundesliga-Anhänger. Samstagnachmittag bin ich entweder in der Münchner Allianz Arena, oder zumindest in einer Kneipe mit Sky-Decoder. Ich finde Fußball macht am meisten Spaß, wenn man unter Menschen ist. Außerdem sitze ich Zuhause nicht gern vorm Fernseher.

Schon mal "Big Brother" oder "Bauer sucht Frau" gesehen?

Selge: Nein, ich habe wenig Spaß daran, weil ich die Menschen in diesen Sendungen nicht wirklich als frei empfinde. Ich habe das Gefühl, die versuchen ihrem eigenen Klischee gerecht zu werden. Und das hat etwas Zwanghaftes für mich. Auch der Musikantenstadl, oder wie das alles heißt, macht mich nicht frei, macht mich nicht glücklich, und ich habe ein anderes Bedürfnis an Offenheit bei Sendungen. Davon abgesehen, habe ich nicht viel Zeit für Fernsehen, da ich 80 Prozent meiner Zeit damit verbringe, an Rollen zu arbeiten.

Was wären Sie, wenn Sie nicht Schauspieler wären?

Selge: Schwierig. Ich glaube, es hätte etwas mit Musik, Schreiben oder Regie zutun. Es wäre immer etwas innerhalb des Ausdruck-Gewerbes. Einfach nur arbeiten um Geld zu verdienen, ohne dabei Spaß zu haben, kann ich mir nicht gut vorstellen. Das kenne ich zwar noch aus Studentenzeiten, wo ich mir mein Geld als Kellner und Wäsche-Ausfahrer verdient habe, aber da war das nur Mittel zum Zweck. Und eine gute Lektion, da ich es heute sehr zu schätzen weiß, auf einer Speisekarte nicht auf den Preis achten zu müssen.

Welche Lektion ist aus der Kindheit geblieben?

Selge: Ein Gefühl für soziale Aufgaben und Kunstausübung. Als Sohn eines sehr musischen Gefängnisdirektors habe ich schon im Alter von sechs Jahren im Gefängnis Theater gespielt. Mein Vater war eine Art Sozialarbeiter, der für die Resozialisierung von jugendlichen Strafgefangenen zuständig war. Da er eine starke künstlerische Ader hatte und ein guter Pianist war, hat er für die auch Konzerte gegeben. Sowohl bei uns Zuhause, als auch hinter Gittern. Daher liegen soziales Gewissen und Kunstausübung für mich stets dicht zusammen.

Was hat den kleinen Edgar am meisten beeindruckt?

Selge: Dass die Türen keine Klinken hatten und vor den Fenstern Schwedische Gardinen waren. Eingesperrt sein ist ein absoluter Ausnahmezustand, den sich die meisten Menschen nicht vorstellen können. Vielleicht sollten sich diejenigen, die stets so laut nach drakonischeren Strafen brüllen, mal ein Bild davon machen, was es bedeutet, nicht über seine Freiheit verfügen zu können. Was mir geblieben ist, ist eine Sensibilität dafür, was Menschen in Ihrem Leben auch an Schlimmem passieren kann.

Ihr Mantra?

Selge: Es gibt einen schönen Satz von meinem Schwiegervater Martin Walser: Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil!

 

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