Minusgrade in München Stadt fürchtet erste Kälte-Tote

Gefahr für Leib und Leben: Der Obdachlose Toni am Wochenende unter der Wittelsbacherbrücke. Foto: dpa/Hörhager

In München leben rund 300 Obdachlose das ganze Jahr über auf der Straße. Wer jetzt nicht in Notunterkünfte flieht, riskiert sein Leben. Helfer sagen: „Jeder Tag draußen ist einer zu viel“.

 

München - Der Einkaufswagen vor dem Eingang der Teestube quillt fast über. Jacken liegen darin, Decken und Schlafsäcke. Ein paar Meter weiter stehen zwei Männer und rauchen. Lange halten sie es im strengen Frost allerdings nicht aus. Drinnen, im Tagestreff „Teestube komm“ vom Evangelischen Hilfswerk München gibt es warmen Tee und Kaffee – für 10 und 40 Cent. Wer hierher gekommen ist, ist schon einen Schritt weiter. „Es sind aber immer noch Menschen draußen und das treibt uns um“, sagt Einrichtungsleiter Franz Herzog. „Jeder Tag draußen ist einer zu viel.“

Rainer ist einer der Obdachlosen. Vor einem Jahr hat seine Frau die Scheidung eingereicht, auch seine langjährige Wohnung in der Au hat er verloren. Wegen einer Krankheit an den Füßen lag er 2011 vier Monate im Krankenhaus, heute kann er kaum laufen. „Gesundheit weg, Wohnung weg, Frau weg“, sagt der 45-Jährige, der sich mit einem dicken Schal und einer Jacke mit Fellkapuze vor der Kälte schützt. „Ich hab richtig Angst, wie es weitergeht.“

Die Notunterkünfte in München sind ziemlich voll. Das Katholische Männerfürsorgeheim in der Pilgersheimer Straße ist seit Wochen ausgebucht. Doch weggeschickt wird hier niemand. Münchenweit gibt es auch jetzt noch Betten. Falls die Plätze knapp werden, hat die Stadt bereits ein Aufstocken angekündigt.

Viel größere Sorge bereiten den Helfern die, die nicht in Notunterkünfte wollen. Laut Schätzung leben hier rund 300 Menschen das ganze Jahr über auf der Straße. Selbst jetzt harren einige noch immer nachts draußen aus. Sie schlafen versteckt in Kircheneingängen, Tiefgaragen oder wärmen sich an der Gebläse-Luft aus den U-Bahn-Schächten. „Auch für die, die routiniert sind und wissen, wie man sich schützt, werden die Plätze bei solcher Kälte knapper“, sagt Ärztin Barbara Peters-Steinwachs. „Man kann nur hoffen, dass alle einen Unterschlupf finden.“

Zusammen mit dem Katholischen Männerfürsorgeverein und den Barmherzigen Brüdern hat Peters-Steinwachs vor Jahren eine „rollende Praxis“ auf den Weg gebracht. An drei Abenden in der Woche fährt sie mit einem Krankenpfleger verschiedene Treffpunkte von Obdachlosen an. Sie versorgt sie medizinisch, schaut nach, wie sie schlafen – und versucht sie dazu zu bewegen, doch in eine Unterkunft zu wechseln. Selbst an der Isar nächtigt ein Obdachloser trotz der Temperaturen im zweistelligen Minusbereich – ein gefährliches Spiel.

Bei vielen hat das Leben auf der Straße auch gesundheitlich Spuren hinterlassen. Im Notfall kann ein Obdachloser zwangsweise eingewiesen werden.

„Ein Problem sind auch die Osteuropäer, die illegal in München sind“, sagt die Ärztin. „Wir wissen nicht, wie viele es sind und wo sie übernachten. Manche kommen gelegentlich zu Essensausgaben, aber da ist es schon rein sprachlich schwierig, mehr über deren Lebensumstände zu erfahren“, sagt Peters-Steinwachs. In den städtischen Notunterkünften werden sie normalerweise gar nicht aufgenommen – das will die Stadt jetzt kurzfristig ändern.

Tückisch ist der Alkohol. Betrunkene haben ein anderes Kälteempfinden, die Betroffenen schätzen die Gefahr unter Umständen falsch ein. „Wir haben es in den vergangenen Jahren auch gesehen, dass manche im stark alkoholisierten Zustand ihre Bettstatt nicht mehr richtig herrichten konnten, sich nicht richtig zugedeckt haben. Dann herrscht höchste Erfrierungsgefahr.“

 

3 Kommentare