Michael Sailstorfer im B’NK‘R Poetische Zerstörung

Standfoto aus „Tränen“, einer 9-minütigen Videoarbeit von Michael Sailstorfer. Foto: Studio Michael Sailstorfer und KÖNIG Galerie. „SPACE IS THE PLACE (2/4)

Abrüstung und Aufwertung im Bunker: Michael Sailstorfer im Kunstraum B’NK‘R

Dieses Gewehr dürfte der Alptraum für die Schusswaffen-Fanatiker der US-amerikanischen NRA sein, denn sein Schuss hat die Wucht einer Kaugummiblase. Es ist Teil der Installation „Augenhöhe“, die der Künstler Michael Sailstorfer eigens für den Kunstraum B’NK‘R schuf.

Dabei ist das Luftgewehr der Marke „Diana“ ein veritables Luftgewehr, wie es Sportschützen benutzen. Dass die Munition am Ende mit einem leisen Ploppen an der Wand landet, hat mit dem um etwa 26 Meter verlängerten Lauf zu tun: In mehreren Kurven windet sich das Stahlgehäuse durch alle Räume, so dass die Kugel darin mit der Effizienz einer Kugelbahn transportiert wird. Aber tatsächlich liegt der Lauf auf Augenhöhe. Die größte Gefahr, die also von dieser Waffe ausgeht, ist, dass man sich den Kopf anhaut.

Wunderkind aus Landshut - leider jetzt in Berlin

Michael Sailstorfer lebt und arbeitet schon lange in Berlin – bestens betreut von der angesagten Galerie Johann König. In München hat sich das aus Landshut stammende einstige Wunderkind der Münchner Kunstakademie in den letzten Jahren rar gemacht. Nun lud Kurator Lukas Feireiss Sailstorfer ein, im Rahmen der Ausstellungreihe „Space ist The Place“ den B‘NK‘R zu bespielen. Und so hat der Künstler zusätzlich zur neuen Arbeit ein paar seiner Werke zwischen den mehr als 2,50 Meter dicken Mauern des Bunkers platziert, die mit dem Thema von Schutz und Hülle zu tun haben.

In seiner oft bewegten und mit Sound unterlegten Objekt- und Video-Kunst setzt Sailstorfer Gegensätze staunenswert in Szene und spielt mit den Erwartungen des Betrachters. Auch „Augenhöhe“ ist das verbildlichte Oxymoron, ein Widerspruch in sich – das Martialische der Waffe wird durch den Endlos-Lauf ad absurdum geführt.

Sprengung eines Schutzraumen im Bunker an der Ungererstraße

Ein ähnlicher Effekt stellt sich in der Projektion „Ohne Titel (Lohma)“ ein: Sie zeigt die Sprengung eines Schutzraumes in einem Steinbruch in Thüringen. Allerdings sieht man nur den Moment vor der Detonation in einer Endlosschleife: Im Loop bläht sich die Hütte scheinbar nur leicht von innen auf – als ob die Struktur atmen würde. In „Ohne Titel (Bulb)“ wiederum filmte Sailstorfer den Schuss in eine Glühbirne mit kreisender Kamera. Ihre gläserne Hülle zerplatzt spektakulär.

Manchmal bekommt die Zerstörung eine fast poetische Dimension, so wie in der Video-Installation „Tränen“: Dafür entwickelte der Künstler eine filmreife Abriss-Technik und ließ mit Hilfe eines Kranes drei blau angemalte Tränen aus Beton so lange von oben auf ein Abbruchhaus krachen, bis nur mehr die Grundmauern standen.

Senfsamen über Goldbarren

Äußerlich völlig unspektakulär sieht hingegen der „Pulheim“-Block aus, ein Würfel aus grauem Gips, in dem Goldmünzen im Wert von 10 000 Euro – und eine gewisse Bosheit stecken. Sie nimmt Bezug auf Sailstorfers partizipative Intervention im öffentlichen Raum, bei der er 2009 auf einem städtischen Grundstück in Pulheim Goldbarren im Wert von rund 10 000 Euro vergrub und Senfsamen darüber säte. Die anschließende Schatzsuche, auf die sich die Pulheimer begaben, verwandelte das Gelände in eine skulpturale Landschaft.

Der potentiell potente Käufer des „Pulheim Block“ könnte sich in Zukunft, wenn er knapp bei Kasse sein sollte, gegen die Kunst und für die Kohle entscheiden und das Hartgeld rausschlagen. Ist das nun marktkritisch oder marktkonform? Roberta De Righi

B’NK‘R (Ungererstr. 158), bis 12. April, Sa und So 14 bis 18 Uhr

 

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