Mias rührendes Vermächtnis Todkranke Instagrammerin (29): "Ich habe sowas von gewonnen!"

Mia de Vries (29), hier vor einem Jahr bei einer Gala, kämpft seit fast drei Jahren gegen unheilbaren Krebs. Nun verabschiedet sie sich auf Instagram von ihren "Lieblings-Fremden". Foto: Georg Wendt/dpa

Sie habe nicht "verloren", sie habe gewonnen: Mit ihrer Krebsdiagnose wird Mia zur Influencerin. Nun ist sie im Endstadium. Doch ihr Vermächtnis soll nicht Schmerz und Krankheit sein, sagt sie.

 

Mia ist müde. Bleich liegt zwischen weißen Laken, dunkle Schatten unter den Augen. Ihre Lippen sind aufgesprungen, das Sprechen fällt ihr schwer. Leise und hoch klingt ihre Stimme, wenn sie sagt, dass sie keine Energie mehr hat. Eine Infektion hat ihren Hals und Rachen entzündet. Manchmal kann sie eine Stunde aufstehen, manchmal nur eine halbe. Doch das, was sie jetzt zu sagen hat, soll jeder hören. 

Vor zehn Tagen (31. Januar) hat Mia ihr letztes offizielles Instagram-Posting abgesetzt. Zwei Jahre und neun Monate lebt Mia schon mit ihrer Diagnose: unheilbarer Brustkrebs. Schon als die Krankheit entdeckt wird, hat sie Metastasen. 13 Monate habe sie noch zu leben, sagen ihr die Ärzte. Nur zwei bis drei Prozent beträgt ihre Überlebenschance. Von einem Tag auf den nächsten ist ihr altes Leben beendet. 

Ihr Instagram-Account ist bis zu diesem Tag das einer strahlenden jungen Frau mit üppigen Formen, kraftvollen Bewegungen, einem einmalig schwarzen Humor und einer unbändigen Lust am Leben. Nach zwei traumatischen Fehlgeburten ist ihr kleiner Sohn Levi ihr Wunsch- und Traumkind. Mia und ihr Partner wollen keine weiteren Kinder, wollen ihr Glück nicht nochmals auf die Probe stellen. 

Das neue Leben von Mia ist nun das einer Mutter, die darum kämpft, ihren kleinen Sohn beim Erwachsenwerden begleiten zu können. Oder wenigstens bis zu seiner Abiturfeier, postet sie einige Zeit später. Dann schreibt sie: bis zur Einschulung. Schließlich kämpft sie sich von Woche zu Woche voran. Und dann von Tag zu Tag. Und ganz zuletzt spricht sie es aus: Nicht nur, dass sie sehr bald sterben wird - neben Metastasen hat sie ein lebensbedrohliches Hirnödem - sondern, dass sie nicht weiß, wer ihrem Sohn saubere Kleidung zum Wechseln in seine Kiste im Kindergarten legen wird. Levi ist noch keine vier Jahre alt.

Vor einer Woche postet sie eine Story: "Hallo, das Video wird anders sein als das, was ihr von mir kennt", sagt sie. Das Video ist anders als nahezu alles, das man von Instagram kennt. Mia trägt eine Kapuze, noch sitzt sie aufrecht - "ich habe mich jetzt mal in unser Gästezimmer verzogen, um das aufzunehmen", sagt sie. "Ich bemühe mich, nicht zu weinen." Sie sei "so durch", die Luft fehle ihr. "Ich klinge, als wäre ich joggen gewesen".

Und dann sagt sie Tschüß. Der Arzt habe über ihre jüngsten MRT- und CT-Ergebnisse mit ihr gesprochen. Der Haupttumor in der Brust, die Metastasen in den Lymphen, unter den Achseln und in der Lunge seien gewachsen. Es gäbe neue Metastasen in der Leber und in der Wirbelsäule. Das Ödem im Kopf habe sich sehr ausgebreitet, und ihre "gewaltig vielen" Metastasen seien  inzwischen "unzählbar". 11 Tumore im Kopf habe sie bereits gehabt; nun noch mehr.

"Das bedeutet für mich: Das war es nun"

Das Ödem stecke wie ein Schwamm fest, und dadurch, dass die Krankheit so dramatisch schnell fortschreite, sei eine OP zur Druckentlastung nicht mehr möglich. 111 Chemotherapien habe sie in den letzten Jahren gemacht. Bestrahlungen "geht auch nicht mehr (...) - da richtet man mehr Schaden an, als dass es etwas bringt." Sie hat drei weitere Meinungen eingeholt.

Das Fazit: "Das Ganze bedeutet für mich, dass es das war." Am selben Tag würde sie noch das Palliativteam kennenlernen, das sie ambulant betreut. Ein Hospiz schließt sie für sich aus. Ihre Mutter, ihr Mann und ihre Freunde seien bei ihr.

Als ihr Arzt sie kennengelernt habe, hätte er ihr gesagt, sie stehe zwar mit dem Rücken zur Wand, aber man sähe die Wand noch nicht. Jetzt allerdings stünde diese Wand kurz vor dem Einsturz. " Und zwar nicht, weil die Ärzte das sagen, ich pfeife auf Statistiken", sagt Mia, "aber ich merke das selber, seit einigen Wochen, wie das Leben von mir fließt." Und dann beschreibt sie, wie sie sterben wird: "Entweder werde ich von jetzt auf gleich, vielleicht auch erst im Frühling oder im Sommer  - man kann's nicht sagen, aber wohl eher nicht - bewusstlos auf der Stelle und davon nicht mehr wach." Ihre Stimme versagt. Die zweite Option: Sie schläft abends ein und wacht nicht mehr auf.

"Das Leben fließt von mir"

Mia beschreibt, wie viel Angst ihr der Schlaf seither macht, der zuvor eine willkommene tägliche Flucht vor Schmerzen war. "So schlimm wie das nun ist: Ich bin so dankbar, dass ich nicht ersticken oder leiden werde, und es für mich schnell sein wird."

Ihre Follower bittet sie um Verständnis:  "Ich weiß, ihr meint das lieb, ich danke von Herzen für Eure Mails die letzten Jahre - ich weiß, es werden jetzt auch wieder Hunderte und Tausende sein, obwohl ich das nun sage - ich werde sie nicht mehr lesen." 

Sie sei dankbar, dass sie auf Instagram die Möglichkeit gehabt habe, ihr Tagebuch so zu führen. Ihr Account bliebe bestehen in der Hoffnung, Menschen etwas geben zu können, aber "inhaltstechnisch kommt nun nichts mehr von diesem Account."

Ihr bliebe nun noch, ihren kleinen Sohn auf den schweren Abschied vorzubereiten - und zwar so, "dass er nicht das Gefühl hat, oh, die Mama ist nur ein paar Wochen im Urlaub und kommt wieder - sondern ihm gerecht beizubringen, dass sie Mama nun im Himmel ist."

Zehn Tage nach dieser Nachricht ist Mias Instagram-Account explodiert: Es ist innerhalb weniger Wochen auf fast das Doppelte, auf über 164.000 Follower angewachsen. Auch auf dem ihres Mannes kommen täglich Zehntausende hinzu. Während ihre ersten Posts um die 400 Likes bekamen, kommen ihre letzten inzwischen auf fast 70.000.

Am Sonntag (09.Februar) meldet sie sich deshalb erneut zu Wort. "Ihr müsst Geduld mit mir haben", sagt sie. Die Luft ist noch weniger geworden. Sie kann sich sichtlich schlecht konzentrieren, hat ihre Worte auf einem "Spickzettel" vorformuliert. Einmal fällt ihr das Handy aus der Hand. Es seien viele Berichte über sie geteilt worden. Viele Informationen seien etwas falsch gewesen, "das ist nun aber nicht ganz so tragisch", meint Mia.

"Euer Körper redet mit Euch!"

Anderes ist ihr wichtig genug, um es zu korrigieren. Sie mache hier keine Aufklärungsarbeit für Brustkrebs. Brustkrebs bekäme - zu recht - ohnehin unglaublich viel Aufmerksamkeit, während andere Krebsarten genauso ernst genommen gehörten: Migräne sollte man checken lassen, Knochenschmerzen könnten etwas Böses bedeuten. Nicht alles müsse Krebs sein. Aber: "Hört auf Euren Körper! Er redet mit Euch."

Auch den Zuwachs an Followern habe sie natürlich bemerkt. Der sei für sie erschreckend. Sie frage sich, ob "die Leute rumgeiern und darauf warten, dass es dem Ende zugeht" - einerseits. "Aber andererseits macht es mich unfassbar stolz, weil ich genau deshalb mein Leben die ganze Zeit so öffentlich mit euch teile - damit ihr etwas daraus entnehmen könnt, etwas Gutes, etwas Positives, das Euch weiterhilft. Es ist Wahnsinn, was das für Menschenmengen sind, die ich gerade erreiche - das ist surreal und wunderschön!" Hunderte von Zuschriften bekäme sie am Tag.

 

"Was für ein geiles Leben!"

Diesen Menschen möchte sie eine Botschaft mitgeben: "Ich verliere hier gar nichts. Viele, die meine Stories weiter geteilt haben, schreiben: Mia verliert den Kampf. Und ich möchte, dass ihr euch eins angewöhnt - das ist jetzt vielleicht frech von mir: Ich hab hier nix verloren!" Aus 13 Monaten seien fast drei Jahre geworden. Den Tumoren sei gar nicht klar, dass sie sie mit in den Untergrund ziehe, "sie da lasse und meinen Weg weitergehe - und euch alle von oben beobachte!"

Es sei makaber, auf ihrem Sterbebett noch Witze zu machen - aber die mache sie, weil sie glücklich sei. "Ich hab ein Leben erlebt voller Höhen und Tiefen, die tollste Kindheit, die krassesten Schicksalsschläge" - womit Mia auf ihre Fehlgeburten anspielt -  "ein geiles Leben!"

Noch vor ihrem 30. Geburtstag habe es Dinge für sie bereit gehalten - wie die Liebe zu ihrem Mann und ihrem Sohn -  die manche 90-jährige Oma so nie erleben dürfe: "Ich hab sowas von gewonnen! I am fucking blessed!"

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