Menschen mit Behinderung im Job Inklusion: Das Wissen zählt – nicht das Handicap

Büsra Kaplan (links) landete durch ein Praktikum beim Personaldienstleister Diwa, Stefanie Wille arbeitet bei Stadibau. Foto: Sigi Müller

In der AZ erzählen Menschen mit Behinderung, wie sie sich trotz Problemen im Job durchsetzen. Entscheidend sei, dass "der Job von der Fachlichkeit passt".

 

München - Für Jawed Ali ist es ein Traumberuf. Den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen – daran möchte der 24-Jährige nicht einmal denken. Er steht kurz vor seinen Abschlussprüfungen als Zerspanungsmechaniker. Später wird er Bauteile planen und fertigen.

Wenn er eine geeignete Stelle findet. Ali ist geh- und sprachbehindert, von der Arbeit hält ihn das nicht ab. "Ich bin motiviert", sagt er. Sein Problem: "Für mich ist es sehr schwer, den Arbeitgeber zu überzeugen, was ich kann." (Lesen Sie hier: Studie: Inklusion an Schulen kommt langsam voran)

Darum wandte er sich an Diwa. Für den Personaldienstleister Diwa gehören Menschen mit Behinderung zum Arbeitsalltag. 148.000 leben in München, das ist jeder Zehnte. Etwa die Hälfte von ihnen sind im erwerbstätigen Alter. Robert Freumuth ist Inklusionsbeauftragter der Firma und erkennt ein Potenzial in den Menschen, denen gegenüber viele Firmen skeptisch sind: "Wir haben diesen Bewerbermarkt für uns entdeckt."

Freumuth: "Viele haben das Gefühl, mehr leisten zu müssen" 

Die meisten Bewerber mit Behinderung seien sehr motiviert, loyal und besonders gut ausgebildet. "Viele haben das Gefühl, mehr leisten zu müssen." Zusammen mit der Agentur für Arbeit will Freumuth den Menschen einen Zugang in die Arbeitswelt verschaffen. Viele haben körperliche Einschränkungen, ihm geht es darum, "niemanden auszugrenzen".

Auch Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung können eine Arbeit finden. Entscheidend sei, dass "der Job von der Fachlichkeit passt". Freumuths Wunsch: mehr Offenheit vonseiten der Firmen. In der AZ erzählen zwei Menschen mit Behinderung, wie sie den Weg in den Beruf gefunden haben.

Stefanie Wille: "Immer positiv denken"


Stefanie Wille arbeitet bei Stadibau. Foto: Sigi Müller 

Als sie zwölf Jahre alt war, hatte Stefanie Wille einen schweren Autounfall, der ihr Leben von Grund auf veränderte. Sie hat eine Metallplatte in ihrem Kopf, Haut wurde transplantiert, mit Schmerzen muss sie immer leben. Die 24-Jährige leidet an Epilepsie und starken Migräneattacken, die sie plötzlich überfallen.

Wille begann eine Ausbildung im Kreisverwaltungsreferat (KVR), nachdem sie mit 17 ausgezogen und nach München gegangen war. In ihrer Heimat Sachsen-Anhalt hätte sie nie eine Ausbildung gefunden, sagt sie. "München ist da viel besser aufgestellt." (Lesen Sie hier: Behindertenbeauftragte Verena Bentele im AZ-Interview)

Am KVR empfahl man ihr jedoch, die Ausbildung abzubrechen. Eine 40-Stunden-Woche ist für sie nicht möglich. Wille wurde auf das Integrationszentrum für Cerebralparese (ICP) aufmerksam, das Menschen mit körperlicher Behinderung in verschiedenen Berufen ausbildet. Nach der Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement lernte sie bei einem Workshop Robert Freumuth von Diwa kennen.

Seit August arbeitet sie bei Stadibau, einem Wohnungsunternehmen für Staatsbedienstete. Für die Kollegen sei ihre Einschränkung kein Thema. Zuletzt konnte sie wegen starker Migräneattacken nicht arbeiten. Im Alltag sieht man ihre Behinderung nicht. "Man muss immer positiv denken", sagt sie. "Ich habe eine Wohnung, Haustiere, eine Familie, einen Job, mit dem ich glücklich bin – was will man mehr?"

Büsra Kaplan: Durchs Praktikum zum Job


Büsra Kaplan. Foto: Sigi Müller

Büsra Kaplan musste nicht weitervermittelt werden, wollte sie auch gar nicht. Durch ein Praktikum landete sie beim Personaldienstleister Diwa – und blieb dort. Durch Zufall, Glück, vor allem aber durch die notwendige Kompetenz. Die 26-Jährige machte eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, doch zufrieden war sie bei ihrem letzten Arbeitgeber nicht.

Kaplan wurde dem Bereich Arbeitsschutz und Gesundheitswesen zugeteilt und war deshalb viel im Lager unterwegs. Dort musste sie heben, sich bücken, schwer tragen. "Auf Dauer war das für mich körperlich sehr anstrengend", sagt sie. Kaplan hat eine chronische Erkrankung, über die sie nicht sprechen möchte. Durch die Krankheit sitzt sie die meiste Zeit im Rollstuhl, sie kann aber auch aufstehen und eingeschränkt laufen. (Lesen Sie hier: Apple - neue Emojis für Menschen mit Behinderungen)

Auf der Suche nach einer Tätigkeit, die besser zu ihr passt, wandte sie sich an die Agentur für Arbeit. Ihr wurde ein Praktikum bei Diwa angeboten. Ein Glücksfall für die junge Frau, der die Arbeit in der Personalassistenz von Anfang an Spaß machte. "Ich wollte mehr mit Menschen zusammenarbeiten", sagt sie.

So führte eines zum anderen: Eine Stelle in der Personalassistenz wurde frei, seit Juni ist Kaplan feste Mitarbeiterin. Ihren Job beschreibt sie als sehr vielseitig. Unter anderem erstelle sie "Profile von Bewerbern, die zum Kunden geschickt werden".

Mit ihrer Behinderung geht Kaplan offen um – bei jeder Bewerbung. "Ich schreibe in den Lebenslauf, dass ich körperlich eingeschränkt, aber in meiner Arbeit selbstständig bin." In erster Linie gehe es ja darum, dass der Job zu einem passt. "Eine Einschränkung ist eine Einschränkung. Passen muss es von der Fachlichkeit."

 

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