Mein Müll für die Wissenschaft AZ-Selbsttest: Was bringt Plastiksparen wirklich?

Leichtverpackungen und Gelbe Säcke liegen auf der Deponie. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die AZ hat bei einer Studie zu Verpackungen aus Kunststoff mitgemacht. Inklusive Selbsttest: Was bringt Plastiksparen wirklich? Und wo hapert es noch?

 

Wie ein Nikolaus ziehe ich ein bauchiges Sackerl hinter mir her, schleiche zur Postfiliale. Geschenke sind nicht drin, sondern: Müll. Verpackungen von Käse, Schokolade, Milch.

"Ich möchte gerne diesen Müllsack verschicken", sage ich zur Post-Mitarbeiterin. Die staunt erstmal, ich sei schon die sechste, die ihren Abfall verschicken will. "Also bei mir holt das die Müllabfuhr", sagt sie. Ein Mann eilt mir zur Seite: "So einen Müllsack habe ich auch! Dafür gibt es 40 Euro!" Zur Sicherheit wiederholt er das mit den 40 Euro nochmal.

Uni-Studie will Aufkommen von Verpackungsmüll untersuchen

Diese Aufwandsentschädigung mag sein Grund sein, warum er an der Studie des TUM Campus Straubing, der Hochschule Pforzheim und der Uni Stuttgart teilnimmt. Meiner ist es nicht. Die Forscher wollen das Aufkommen von Verpackungsmüll untersuchen. Das will ich unterstützen und dabei mein Konsumverhalten überprüfen: Wieviel Plastikabfall produziere ich? Wie gut gelingt es mir schon, Plastik einzusparen? Wo muss ich noch umstellen?

Für das Projekt schicken mir die Macher den Wissenschafts-Müllsack zu, in den ich alle Leichtverpackungen schmeißen soll. Zwei Wochen lang. Der Beutel reicht mir bis zur Brust. Kann ein einziger Haushalt theoretisch in 14 Tagen so viel Müll produzieren? Vermutlich schon, wenn man die Statistik für Deutschland betrachtet: 220 Kilo Verpackungsmüll pro Jahr und Kopf.

Zusätzlich bekomme ich ein Tagebuch. Hier soll ich Details zu Verpackungen von Brot, Tomaten, Äpfel, Käse, Wurst und Chips eintragen. Zum Beispiel, aus wie vielen Teilen die Verpackung besteht, ob die Kunststoff-Art und der Recyclingcode angegeben sind oder ob ich das selbst rausfinden muss.

Die Recyclingcodes sind freiwillig und im Verpackungsgesetz geregelt (01 bis 07 beschreiben Kunststoffe). Das Recyclingsymbol besteht aus drei Pfeilen in Form eines Dreiecks. In der Mitte steht ein Code, der etwa für PET, PP oder PE steht. Das Kürzel kann auch aufgedruckt sein. Es ist sowohl für Recyclingbetriebe als auch für Verbraucher gedacht, um den Müll richtig zu sortieren.

Nur noch loses Obst und Gemüse, Ware im Glas und Seife für die Haare

Ich starte positiv, denn ich plastikspare schon länger: Obst und Gemüse kaufe ich zum Beispiel lose im Supermarkt oder am Wochenmarkt – lieber verzichte ich darauf, als Champignons, Pastinaken oder Paprika verpackt zu kaufen.

Laut einer YouGov-Umfrage sehen das viele so: 46 Prozent der Befragten haben schon einmal auf ein Produkt verzichtet, weil es in Plastik verpackt war. Und: 72 Prozent wählen grundsätzlich lieber Produkte, die möglichst wenig Verpackungsmüll verursachen. Vor allem Älteren ab 60 Jahren (81 Prozent) ist das wichtig.

Aber zurück zu mir: Tomaten pflanze ich auf dem Balkon an; bei Brot und Semmeln bestehe ich beim Bäcker darauf, es in eine Papiertüte verpackt zu bekommen. Joghurt im Glas, Milch wenn möglich auch.

Shampoos und Duschgels habe ich seit Monaten aus meinem Badezimmer verbannt. Es gibt bei mir nur noch Seifen – für die Haare (schäumt ganz wunderbar!), den Körper und die Hände. Palmölfreie Seifen gibt es sowohl in Unverpackt-Läden als auch in Drogerien. Das Deo kaufe ich im Glas (leider mit Plastik-Kopf), meine Zahnbürste ist aus Bambus.

Meine Problemzone in Sachen Plastik: Mozzarella und Feta

Und ja, diese Umstellung zu Plastik-Alternativen merke ich bei meinem Mülltest deutlich – der leere Sack knickt in den ersten Tagen schon ein, lümmelt an der Küchentür.

Mein erster Abfall: zwei Schokobons-Papierchen und die Plastikfolie eines Zwiebacks. Das ist zwar nicht viel, aber überflüssig. Daher Notiz: auf einzeln abgepackte Süßigkeiten verzichten! Die Alternative: lose Schokolade. Oder gar keine. Statt Zwieback ginge Knäckebrot in Papier.

Dann lerne ich meine Plastik-Problemzone kennen – und das Rätsel ums Sortieren: Käse! Feta, Mozzarella – alles umweltunfreundlich eingepackt. Grübelnd sitze ich über dem Tagebuch. Welcher Kunststoff ist das denn nun? PP, LD-PE, HD-PE oder doch die 07, also "andere", wie – laut Anweisung im Tagebuch – häufig bei Käse? Ich entscheide mich bei Feta unschlüssig für HD-PE – reißfest, milchig-weiß. Könnte passen.

Im Nachhinein stelle ich fest: falsch. Ich kaufe Feta eines anderen Herstellers und auf der Verpackung steht die "07", wie auch bei Mozzarella im Übrigen. Notiz: Das mit dem Sortieren muss ich nochmal üben.

Alternativen zu verpackten Lebensmitteln

Alternativen? Ich frage bei Expertin Nadine Schubert ("Besser leben ohne Plastik"; "Noch besser leben ohne Plastik") nach. Und sie weiß Rat: In italienischen Supermärkten gebe es Mozzarella oft aus dem Eimer – also offen zu kaufen. Im Bio-Supermarkt habe sie Feta schon an der Theke gesehen. Ansonsten habe sie früher im Supermarkt auch danach gefragt, ob sie Mozzarella offen anbieten könnten. Und sie konnten! Es war aber teurer. Notiz: Man muss aktiv nachfragen und -haken.

Auch den anderen Problemfällen, die in diesen 14 Tagen nicht angefallen sind, wie Rasierklingen in den doofen Plastikschalen, die Klopapier-Plastikfolie, Nudelverpackungen, der geliebte Nuss-Mix zum Knabbern beim Tatort oder Abschminkpads im Beutel werde ich mich ab sofort stellen und sie konsequenter ausmerzen. Das nehme ich mir nach der Studie fest vor.

Denn, Notiz: Ein einzelner kann nichts bewirken? Von wegen! Der Verpackungswahnsinn lässt sich spürbar bändigen. Bei jedem daheim. Der Beweis: Mein Wissenschaftsmüll bleibt überschaubar klein und besteht in erster Linie aus Brot-Papiertüten, die sonst im Altpapier gelandet wären.

Dass andere nun meinen Müll untersuchen werden, finden manche im Bekanntenkreis verwunderlich, andere kein bisschen seltsam. Einem Freund, dem ich davon erzähle, brennt eine ganz andere Frage auf den Lippen: "Wie hast du es geschafft, nur ZWEI Schokobons zu essen?"

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