Mehr Sport Verena Bentele: „Immer nach vorne schauen“

Verena Bentele - eine der erfolgreichsten Wintersportlerinnen überhaupt. Nun sagt sie servus. Foto: dpa

Wie Magdalena Neuner? – „Verena ist erfolgreicher! Bentele (27) hat mit vier Siegen in Vancouver ihre Sammlung auf elf Goldmedaillen ausgebaut.

Tief in der Nacht sehnte sich Verena Bentele im Deutschen Haus von Whistler dann nach Ruhe: „Ausschlafen“, sagte sie nach ihren Wünschen befragt, „ein Kaffee mit Rührei und ein gemütliches Frühstück.“ Kann sie bald wieder haben, nächste Woche nach der Rückkehr nach München, in ihrer Wohnung im Westend. Erst einmal wird sie aber wohl noch ihr fünftes Gold abholen bei den Paralympics, die ein TV-Moderator in Kanada bereits ehrfurchtsvoll in „Bentelympics“ umtaufte.

Elf Paralympics-Titel hat die blinde Biathletin und Langläuferin in ihrer Karriere gewonnen, allein vier in der letzten Woche. Und jedes Mal fiel die 27-Jährige in Kanada ihren Eltern um den Hals. Mama Monika, Papa Peter. Und ihrem Bruder auch. Michael Bentele. Auch der ist blind.

Nur der Johannes ist nicht dabei, 30 Jahre, der älteste Bruder. Der einzige der drei Geschwister, der sehen kann. Er ist daheim in Tettnang am Bodensee. Einer muss sich ja kümmern um den Demeter-Bio-Hof der Familie. Gestern, am Freitag, pflückte er Äpfel und erzählte der AZ von der seltenen Erbkrankheit, die schuld daran war, dass Michael und Verena blind auf die Welt kamen. Ein genetischer Defekt, von dem die Eltern nichts wussten, war ja sonst keiner blind in der Familie.

Dass Michael blind war, bemerkten sie auch erst nach einem guten halben Jahr, wie auch früher, ein Säugling kann ja schlecht sagen, dass er nichts sieht. Aber weil er auf optische Reize nicht reagierte, wurden die Eltern dann stutzig, Gewissheit bekamen sie dann beim Arzt, der meinte, die Chance, noch ein blindes Kind zu bekommen, liege bei 1:4. Da war Monika Bentele bereits mit Verena schwanger.

Aber es gab bei den Eltern kein Verzagen, sagt Johannes Bentele. Sondern einen gesunder Umgang mit der Behinderung. War halt so und nicht zu ändern. Das Beste daraus machen, es wurde das Motto der Geschwister: „Immer nach vorne schauen“, wie sie sagt.

„Die sind ganz normal erzogen worden“, sagt Johannes Bentele, „meine Geschwister sind bei uns auf dem Hof herumgeradelt, und sie standen auch von Anfang an auf Skiern.“ Alpin-Skier. Erst zwischen den Beinen der Eltern, dann alleine hinterher.

Auch an Weihnachten, erzählte Verena Bentele kürzlich der AZ, waren sie und Michael immer dabei. Beim Platzerlbacken, Christbaumschmücken, Kripperlputzen, dazu gab es dann die Geschichten der Eltern. Von Vanillekipferl und Mandelbusserl, Kugeln und Lametta, Ochs und Esel, Josef und Maria. Es wurde ein blindes Verständnis mit der Umwelt.

Mit sechs kam sie auf eine Blindenschule im Schwarzwald, mit zwölf auf die Blindenrealschule in München, dort begann sie mit dem Langlaufen. So wie Bruder Michael. Der war Fünfter im Biathlon, vor dem Karriereende 2006 in Turin, aber eben nie so erfolgreich wie die kleine Schwester. Mit 15 war sie Europameisterin, mit 16 gewann sie den ersten Titel bei den Paralympics, 1998 in Nagano. Es kam Salt Lake City und Turin, doch an ihre vierten Winterspiele glaubte sie lange nicht mehr. Nach ihrem Sturz im Januar 2009 bei den Deutschen Meisterschaften in Isny. Ein Kommunikationsproblem mit ihrem Begleiter, eine Verwechslung mit rechts und links, ein Sturz den Abhang hinunter. Kreuzbandriss, Kapselrisse an zwei Fingern, die Leber war verletzt und eine Niere so stark beschädigt, dass sie komplett entfernt wurde.

„Es war schlimm“, sagt sie, „ich hatte keinen Antrieb mehr. Aber dann wollte ich die Karriere so einfach auch nicht beenden.“ Also begann sie wieder mit dem Training, kam besser zurück als je zuvor, gewann jedes Rennen im Weltcup und nun auch in Kanada bei den Paralympics. Am Sonntag kann sie im Sprint noch das goldene Dutzend voll machen, Mittwoch ist dann in Tettnang großer Empfang.

Die Huldigungen auf sie sind aber jetzt bereits gewaltig. Raphael Beckmann, Generalsekretär des Deutschen Behindertensportverbandes, nannte sie „die Magdalena Neuner der Paralympics“, ein Vergleich mit der Doppel-Olympiasiegerin, den Bruder Michael nicht duldete, „da gibt es einen großen Unterschied“, sagte er nun in Kanada, „die Verena ist erfolgreicher.“ Neuner ist nicht auf einer Augenhöhe mit Bentele.

Aber Neuner kann noch aufholen. Denn für Bentele ist nach diesen Spielen wohl Schluss. Thomas Friedrich, ihr jetziger Begleitläufer aus Bonn wird aufhören, er hat Beruf, Familie und keine Zeit mehr. „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Energie habe, mir einen neuen Begleiter zu suchen“, sagt sie, „aber das kann sich ändern, wenn München 2018 die Winterspiele bekommt. Dann könnte ich mir vorstellen, weiterzumachen.“ Erst einmal aber steht die Uni an, Magister in Neuer Deutscher Literatur an der LMU. Titel der Arbeit: „Die literarische Qualität von gekürzten Hörbuchfassungen.“ Denn Hörbücher hört Bentele viele. Stieg Larsson, Hermann Hesse, Milan Kundera.

Am liebsten daheim, in ihrer Altbauwohnung am Gollierplatz. Hier wird sie die nächsten Wochen dasitzen und an ihrer Arbeit schreiben. Jeden Tag. Aber natürlich erst nach Kaffee und Rührei.

Florian Kinast

 

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