Mehr Sport Rosi Mittermaier: „Dankbar für jeden Tag“

Die Gold-Rosi: Bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck war Rosi Mittermaier der große Star. Sie holte zwei Mal Gold, ein Mal Silber. Danach trat sie 25-jährig zurück Foto: Minkoff/Augenklick

Für ihre Mama schälte sie Kartoffeln, für ihren Christian strickte sie Mützen – in der AZ erinnert sich Doppel-Olympiasiegerin Rosi Mittermaier,die nun 60 Jahre alt wird, an ihr bewegtes Leben

 

AZ: Frau Mittermeier, viele Menschen mögen keine runden Geburtstage, weil es ihnen zeigt, dass wieder ein Lebensjahrzehnt vorbei ist. Sie werden nächsten Donnerstag 60. Wie geht es Ihnen?

ROSI MITTERMAIER: Ehrlich gesagt, sehr gut. Ich denke eher mit Freude zurück an die 60 Jahre. Es gibt keinen Moment, an dem ich das Gefühl gehabt habe: O mei, jetzt wirst aber alt. Eher ein Gefühl, dass man sich noch einmal bewusst macht, was man erlebt hat, erleben durfte.

Und das war bei Ihnen ja sehr viel.

Ja, sehr viele schöne Dinge, und dabei waren die beiden Olympiasiege 1976 gar nicht das schönste. Wenn ich irgendwo hinkomme, dann sprechen mich die Leute ja gerne darauf an, Mensch, Frau Mittermaier, damals Innsbruck. Ja, war schon ein Glück damals, aber so wichtig war es mir nicht.

Sie wirken oft, als sei Ihnen genau dieses Image der Gold-Rosi eher unangenehm. Ist das falsche Bescheidenheit?

Nein, das bin ich. Das haben mir meine Eltern schon auf der Winklmoos mitgegeben, dass der Sport eine schöne Randerscheinung ist. Dass es aber im Leben vor allem auf den Menschen ankommt.

Ihre Familie musste ja einige Schicksalsschläge verkraften, den Tod Ihrer Zwillingsschwester Helene bei der Geburt, und jenen Ihres Bruders an Diphtherie. Hat das die Erziehung geprägt?

Meine Eltern haben wenig über den Tod gesprochen. Sie haben das mal erzählt, mehr ist da nicht drüber geredet worden. Bei uns war es eine naturverbundene Art, aufzuwachsen. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, gejammert hat bei uns keiner. Mein Vater hat uns immer gesagt: Genießt jeden Tag, den ihr erleben dürft.

Dabei war es bei Ihnen ja eher harte Arbeit als Genuss.

Wir hatten ja auf der Winkelmoos die Hochlandhütte Hannover bewirtschaftet, da standen auch wir Kinder dauernd in der Küche. Freilich wären wir oft lieber Ski gefahren als zwei Eimer Kartoffeln zu schälen, aber bei uns war ja immer viel los.

Vor allem, als Sie dann Olympiasiegerin waren.

Das war vielleicht ein Trubel. Da ist vor der Hütte ja kein Gras mehr gewachsen, weil so viele Leut’ da waren. Meine Schwestern, die Evi und die Heidi, haben an der Tür immer abgewimmelt, die haben mir viel geholfen. Und wenn ich fort hab’ wollen, bin ich hinten durchs Fenster ’naus und durch den Wald.

Sie waren über Nacht ein Weltstar. Die New York Times nannte Sie „Miss Lächeln“.

Oft hätte ich mir aber mehr Ruhe gewünscht. 40000 Briefe habe ich bekommen, war 320 Tage im Jahr unterwegs. Und dann die Blumen. Wir haben die ganzen Sträuße dann in Traunstein im Krankenhaus verteilt.

Und Ihre Karriere haben Sie dann gleich beendet.

Ich war ja schon 25.

Schon?

Damals war das für eine Skiläuferin schon ein hohes Alter. Außerdem, was hätte denn noch kommen sollen?

Bei den nächsten Olympischen Spielen waren Sie dann Zuschauerin, als Fan Ihres Verlobten Christian Neureuther. Wann haben Sie sich das erste Mal gesehen?

1965. Ich war bei einem Rennen im Allgäu, da hat mich der Fritz Wagnerberger (damals DSV-Sportwart, später DSV-Präsident, d.Red.) danach zu einem Ski-Cup im Kleinwalsertal mitgenommen. Wir standen so auf dem Hang auf halber Strecke, als einer dann direkt vor uns rausflog. Der lag im Schnee und hat fürchterlich gelacht, und das hat mir imponiert, weil ich mir gedacht hat: Der Bursch hat Humor, der nimmt das auch nicht so ernst.

Und der Bursch war der Christian.

Genau. Wir sind uns dann immer näher gekommen. Aber es war ja lange ganz heimlich. Wir haben uns Briefe geschrieben, wie es damals halt war, wo es noch keine E-Mail und SMS gab. Und Mützen habe ich ihm gestrickt.

Welche Farbe?

Weiße. Er wollte immer weiße, so wie der Toni Sailer. Ich wollte ihm immer Muster reinstricken, aber das hat er nicht wollen.

Ewig konnten Sie Ihre Liebe aber nicht geheim halten.

Ich weiß noch, 1972 in Sapporo, da sind der Christian und ich spät abends noch in eine Bar rein, in der Hoffnung, dass uns keiner sieht. Und wer saß da drin? Die ganzen deutschen Ski-Journalisten.

Und?

Nix. Die wussten ja eh schon alle Bescheid. Nur geschrieben hat es nie einer. Das fand ich sehr anständig.

Die Hochzeit 1980 bekam dann aber jeder mit, bald danach kamen die beiden Kinder, Ameli und Felix. Die Tochter wurde Grafik-Designerin, der andere Deutschlands derzeit bester Skifahrer.

Was die werden, war mir nie wichtig, Hauptsache gute Menschen. Der Christian und ich haben versucht, sie so zu erziehen, wie wir beide erzogen worden sind. Positiv zu denken. Zu sehen, wie privilegiert man ist, wenn man gesund ist, wie gut es einem eigentlich geht. Deswegen engagieren wir uns auch so für soziale Projekte wie die Kinder-Rheumastiftung. Da starten wir im September einen Benefizlauf. Rheuma ist so eine Mistkrankheit, dass wir den Kindern weiter helfen können, das ist einer meiner größten Wünsche.

Gibt es persönliche Wünsche zum Geburtstag? Ziele?

Meine Geranien.

Ihre Geranien?

Ja, die im Garten. Die habe ich schon über den letzten Winter gebracht, die hätte ich gerne noch länger. Und dass wir alle gesund bleiben. Was soll ich mir noch wünschen? Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich aufwachen darf.

Von Florian Kinast

 

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