Mehr Sport Münchens Olympia-Traum - geplatzt?

Willy Bogner trat als Olympia-Chef zurück Foto: dpa

Oder ist Bogners Rücktritt eine Chance für den Neuanfang? Zehn Fragen zu einer ziemlich missglückten Kampagne

 

Selbst bei Medien im Ausland war der Rückzug Willy Bogners Thema. Von einem weiteren Rückschlag für Münchens Olympia-Träume („Another Blow“) schrieb der „Independent“ in Südafrika, auch die „USA Today“ thematisierte die Entscheidung des 68-Jährigen, wegen seiner Darm-Erkrankung als Bewerbungs-Chef abzutreten, und das in einer Zeit, wo es eh massiven Ärger mit den Landeigentümern und Bauern („a group of farmers in Garmisch“) gäbe.

Klang bei Münchens Bewerbung um die Winterspiele 2018 anfangs noch alles harmonisch, so gibt es seit Monaten nichts als Probleme. Und viel Zeit bleibt nicht mehr. Die zehn wichtigsten Fragen zum Stand einer bislang missratenen Kampagne. Zehn Monate vor der Entscheidung des IOC.

Ist Bogners Rücktritt das Ende der Olympia-Träume?

Nein, eher die Chance zum Neuanfang. Aus Gesellschafterkreisen war sogar Erleichterung zu hören. Denn nicht nur für Bogners Gesundheit ist der Rücktritt das Beste, auch für die Bewerbung. Zu groß war der Ärger an seinem Führungsstil.

Welche Fehler machte Bogner?

Viele. Zu viele. Der Modemacher sah nicht, dass es bei einem solchen Großprojekt mehr Widerstände gibt als in seinem Familienbetrieb, wo er nach Gutdünken schalten kann. Unfähig, mit Gegnern zu kommunizieren, reagierte er auf Kritik zu beleidigt.

Ist Katarina Witt als neue Frontfrau die Richtige?

International gesehen ja. Beim IOC (siehe Interview unten) wird Katarina Witt Bogner bald vergessen machen. Die einst Weltbeste im Eiskunstlauf ist nach wie vor ein Exportschlager, das zeigte sich schon bei den Winterspielen in Vancouver beim ungezwungenen Plaudern mit IOC-Mitgliedern. Witts fließendes Englisch, die Fähigkeit zu charmantem Smalltalk, dazu perfekt geschminkt und gestylt, da glänzten im Deutschen Haus die Augen der Delegierten aus Zimbabwe, China und Brasilien. Mehr als bei den Gesprächen mit Bogner und DOSB-Boss Thomas Bach.

Was sagt Katarina Witt zu ihrer neuen Aufgabe?

Die 44-Jährige gibt sich zuversichtlich, was auch sonst. „Jetzt bin ich vielleicht diejenige, die an der Front steht. Und ich scheue mich nicht vor der Verantwortung. Aber auch hier ist es wie im Sport: Alleine schafft man nie etwas!“ Dass die Pannen der letzten Wochen München schaden, glaubt sie nicht. „Natürlich werden wir beobachtet. Aber das IOC sieht das große Ganze. Überall sei bekannt, „dass wir in Deutschland hervorragende Wettkämpfe organisieren können.“

Wird Witt auch national eingesetzt?

Nein. Nur international, nicht aber bei den Grundstücksverhandlungen in Garmisch-Partenkirchen. Würde auch wenig bringen, wie Josef Glatz, Chef der Werdenfelser Weidegenossenschaft dann doch eher deutlich machte: „Die Witt is mir wurscht“, sagte er am Dienstag zur AZ, „wenn sie moant, sie mecht zu uns kumma, dann werd’s scho kumma. Red’n werma aber ned.“ Sondern nur mit der Staatskanzlei.

Wie laufen die Verhandlungen in Garmisch?

Unverändert. Der Widerstand der Grundstückseigentümer ist weiter groß. Größer als im Pentagon. Dem US-Verteidigungsministerium gehört der Golfplatz in Burgrain zwischen Garmisch und Farchant, der Platz wäre eine Alternative für das Olympische Dorf. Allerdings steht das Gelände unter Nato-Truppenstatut, ohne Erlaubnis der US-Armee geht nichts. Nach Gesprächen in Washington gab sich Staatskanzlei-Chef Siegfried Schneider zuversichtlich. Minister Robert Gates scheint zugänglicher als Josef Glatz.

Was spricht für München?

Das kompakte Konzept mit der Großstadt für Eröffnungs- und Schlussfeier und die Hallenwettbewerbe auf Eis, Garmisch-Partenkirchen für Alpin und Nordisch, Königssee für Bob, Rodel, Skeleton. So wird es gewünscht vom IOC.

Wie steht es bei den Konkurrenten?

Auch das ist ein Pluspunkt Münchens. Gegner sind nur Pyeongchang und Annecy, nie gab es weniger Bewerber um Olympische Spiele. Härteste Widersacher sind die Koreaner, bei denen es zwar erst jüngst einen Schmiergeldskandal gab, was allerdings das IOC bei früheren Entscheidungen auch nicht abschreckte, Olympische Spiele an solche Orte zu vergeben. Annecy gilt als krasser Außenseiter, wird von Frankreich eher zum Aufwärmen für die Sommerspiel-Bewerbung von Paris 2020 ins Rennen geschickt.

Wie ist der Fahrplan?

Eng. Am 11. Januar 2011 muss München das „Bid Book“ beim IOC einreichen. Eine detailgetreue, umfassende Studie. Sportstätten, Standorte, Kapazitäten. Änderungen danach sind ausgeschlossen. Im Frühjahr 2011 schickt das IOC die Evaluierungskommission vorbei, auch um die Stimmung im Volk abzufragen. Euphorie ist ganz wichtig, schließlich will das IOC Olympische Spiele weltweit als fröhliches Ereignis verkaufen. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns, die Menschen mitzureißen“, sagt auch Witt. Am 6. Juli 2011 entscheidet das IOC in Durban über den Austragungsort 2018.

Bekäme München im Falle des Scheiterns eine zweite Chance?

Sicher nicht. Auf Anweisung von DOSB-Boss Thomas Bach mussten die Sommersportverbände Münchens Bewerbung stillschweigend tolerieren. Ein weiterer Anlauf für 2022 wäre undenkbar, schon scharren Berlin und Hamburg, um sich für die Sommerspiele 2024 ins Spiel zu bringen. In Korea ist das übrigens anders. Pyeonghang scheiterte bereits für 2010 und 2014, doch die koreanische Industrie pumpt weiterhin ein drittes Mal Milliarden in die Bewerbung. Vielleicht muss Pyeongchang ja auch ein viertes Mal antreten. München würde sich freuen.

Florian Kinast

 

0 Kommentare