Mehr Sport HSV trennt sich von Bruno Labbadia

Schwieriger Einstand: VfB-Coach Bruno Labbadia. Foto: dpa

HAMBURG - Fußball-Bundesligist Hamburger SV hat unmittelbar vor seinem wichtigsten Saisonspiel die Reißleine gezogen. Die Hanseaten trennten sich nach einer Krisensitzung am Montag von Trainer Bruno Labbadia.

 

Nach dem 1:5-Offenbarungseid von Hoffenheim warder sechste Trainerwechsel in sieben Jahren nicht mehr zu verhindern:Mit der Beurlaubung von Bruno Labbadia will der Hamburger SV retten,was noch zu retten ist. Statt des glücklosen Hessen soll derniederländische Techniktrainer Ricardo Moniz das in der Ligaabgestürzte Team am Donnerstag beim FC Fulham ins Finale der EuropaLeague führen.

Bei einer improvisierten Pressekonferenz in der Buseinfahrt desFußball-Bundesligisten verkündete der Vorstandsvorsitzende BerndHoffmann am Montag Labbadias Aus nach nur zehn Monaten: „Die Trennungist uns sehr schwer gefallen, so ein Tag ist schmerzlich. Wir wolltenmit Bruno Labbadia den Kreislauf durchbrechen, etwas aufbauen.“ SeineSpieler informierte Labbadia, dessen Arbeitspapiere bis 2012 datiertwaren, am Morgen in der Kabine selbst über seinen Abschied. Erst um16.20 Uhr verließ der 44-Jährige das Gelände am Volkspark, ohne einWort zu sagen. Die Abfindung für Labbadia, für den man im vergangenenJahr schon mehr als eine Million Euro Abfindung an Bayer Leverkusengezahlt hatte, soll sich ebenfalls im Eine-Million-Bereich bewegen.

Der nur ein Jahr ältere Moniz soll im besten Fall die Hanseaten am12. Mai zum Europacup-Erfolg im eigenen Stadion führen. „Das Einzige,was uns jetzt interessiert, ist die Leistung auf dem Platz. Nun stehtdie Mannschaft im Fokus“, so Hoffmann und betonte, die Entscheidungsei einstimmig im dreiköpfigen Vorstand gefallen. Der neueSportdirektor Urs Siegenthaler sei informiert worden. Moniz genießtim Gegensatz zu Labbadia im Team des Bundesliga-Siebten hohenRespekt. „Es ist ein dramatischer Tag“, sagte der Fußball-Fachmann,der seine internationale Trainerlizenz in England erworben hat.

  „Ich habe mit Bruno gesprochen. Er hatte kein Problem damit. Daswar mir sehr wichtig. Bruno Labbadia ist ein fantastischer Trainerund Mensch“, sagte Moniz, der alleinverantwortlich bisher nur die U19 des PSV Eindhoven trainiert hat und mit Labbadia-Vorgänger MartinJol an die Elbe gekommen war. „Moniz hat eine klare und deutlicheAnsprache, es war schwer, jemanden zu finden, der mehrhundertprozentiger HSVer ist“, sagte Hoffmann, der damit Zé Roberto &Co. das Alibi nehmen will, dass der Trainer für die schlechtenLeistungen verantwortlich sei.

„Alles, was uns jetzt interessiert, sind die hoffentlich nächsten16 Tage. Wir können immer noch Europapokalsieger werden“, betonte derClubchef, dem viele vorwerfen, Labbadia keinen Sportdirektor an dieSeite gestellt und ihn nicht früher in der Öffentlichkeit gestärkt zuhaben. Nun musste er sich Fragen gefallen lassen, warum er nichtschon nach der desolaten Nullnummer an Ostern gegen Hannover dieReißleine gezogen hat. „Wir haben bis zum Schluss gehofft“, sagteHoffmann.

Labbadia schien zuletzt überfordert und hatte es sich vor allemmit den Führungspersönlichkeiten verdorben. Zé Roberto, MladenPetric, Frank Rost und der erst im Winter verpflichtete Ruud vanNistelrooy hatten die Achtung vor dem Coach verloren. Immer lauterwurde Kritik – zuletzt hatte Petric kaum noch ein Blatt vor den Mundgenommen. Nicht einverstanden waren die Profis mit dem Training undder Ansprache – zudem fehlte ihnen der Spaß. „Die Entscheidung istnun gefallen, ich will das nicht kommentieren“, sagte PiotrTrochowski nach dem Vormittagstraining unter Leitung von Moniz. „Wirmüssen die Vergangenheit abhaken und am Donnerstag ein gutes Spielabliefern.“

Das Bundesliga-Gründungsmitglied läuft allerhöchste Gefahr, in dernächsten Saison ohne internationalen Startplatz dazustehen, wenn dasHalbfinal-Rückspiel nach dem 0:0 in Hamburg nicht erfolgreichbestritten wird. „Natürlich hätte das wirtschaftliche Konsequenzen,aber keineswegs in der Form, dass wir am Spielerkader kürzenmüssten“, meinte Hoffmann, der dann auch selbst in der Kritik stünde.Aufsichtsratschef Horst Becker stärkte ihm allerdings sogleich denRücken: „Eine Diskussion über den Vorstand oder Herrn Hoffmann werdeich nicht führen“, sagte er der „Welt“ (Dienstag). „Der Vorstand hatüber Jahre hinweg erstklassige Arbeit geleistet.“ Dennoch werde sichHoffmann in der nächsten Aufsichtsratssitzung am 10. Mai kritischeFragen gefallen lassen müssen. „Aber an der Befähigung der Führunggibt es keine Zweifel.“

  Kritik an der Vereinsführung übte indes HSV-Legende Manfred Kaltz.„Vor einem Vierteljahr hieß es noch, Labbadia sei der fleißigsteTrainer, und jetzt ist er entlassen. Das finde ich nicht gut.“ Dienächste Hiobsbotschaft kam drei Tage vor dem wichtigsten Saisonspielin London: Stürmer Tunay Torun riss sich das Kreuzband. Dieangeschlagenen Zé Roberto, van Nistelrooy und Guy Demel könnenmöglicherweise beim FC Fulham eingesetzt werden. NachwuchsspielerTolgay Arslan wurde nach der Roten Karte in Hoffenheim nur für dieHeimpartie am Samstag gegen Nürnberg gesperrt, im letzten Liga-Spielbei Werder Bremen könnte er noch mitwirken.

dpa

 

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