Mehr Sport Drama um Briggs!

Einer von vielen fürchterlichen Treffer: Vitali Klitschko gegen Shannon Briggs Foto: az

HAMBURG - Der Amerikaner, der gegen Vitali Klitschko zwölf Runden schwerste Treffer einstecken musste, liegt mit Knochenbrüchen im Gesicht auf der Intensivstation. „Ein sehr schwer verletzter Mann!“

 

Während die 14500 Zuschauer in der ausverkauften O2-Arena in Hamburg ihren Ringgladiator Vitali Klitschko frenetisch feierten, ihm ob seines vorangegangenen Schlag-Bombardements gegen Herausforderer Shannon Briggs huldigten, spielte sich in den Katakomben ein Drama ab. Einer von Briggs Betreuern kam zurück in die Halle gestürmt. „Wir brauchen einen Arzt! Schnell!“ Briggs war bei der Dopingkontrolle kollabiert, musste von zwei Sicherheitskräften gestützt werden. Ringarzt Stephan Bock untersuchte den 38-Jährigen sofort. „Briggs war unkoordiniert, benommen und sehr schläfrig. Es gab einige neurologische Auffälligkeiten“, sagte Bock.

Briggs wurde auf einer Trage aus der Halle gebracht, mit Blaulicht raste der Notarzt in die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Dort dann die erschütternde Diagnose: Briggs hat in dem Kampf mehrere Frakturen im Mittelgesicht, insbesondere beider Augenhöhlen erlitten, er liegt auf der Intensivstation, darf keinen Besuch empfangen. „Es besteht keine Lebensgefahr, und er ist ansprechbar. Zum Glück hat er wohl auch keine Gehirnblutung erlitten“, sagte Bock am Sonntag der AZ, „aber wir reden hier von einem sehr schwer verletzten Mann.“

„Blut und Schmerzen“ hatte Klitschko vor dem Fight Briggs versprochen – doch so hatte er das wohl nicht gemeint. Als Klitschko von dem fürchterlichen Befund hörte, machte er sich sofort ins Krankenhaus auf. „Ich bin sehr betroffen“, sagte Klitschko, „ich konnte selber nicht glauben, was er alles eingesteckt hat. Ich wünsche ihm alles Gute und hoffe, dass es ihm sehr schnell wieder besser geht.“

Noch im Ring, kurz vor dem dramatischen Zusammenbruch, hatte Briggs Klitschkos Schlaggewalt gerühmt. „Ich stand mit Lennox Lewis im Ring, ich boxte gegen George Foreman. Klitschko ist mit Abstand der beste Kämpfer, mit dem ich es je zu tun hatte. Er schlägt härter als Foreman. Seine Schlagkraft ist schier unglaublich.“

Diese Schlagkraft, die Unmengen an Rechten und Linken von Klitschko die am Schädel des Rasta-Manns Briggs eingeschlagen sind, waren am Schluss selbst für die Zuschauer schon fast schmerzhaft. Doch eingegriffen hat niemand. Bock: „Mir als Arzt wäre es lieber gewesen, wenn der Kampf abgebrochen worden wäre, wenn man nach der zehnten Runde gesagt hätte, jetzt ist Schluss. Die Langzeitfolgen sind bei so vielen harten Schlägen nicht absehbar.“

Doch weder Bock, der nach den Regularien der WBC die Möglichkeit gehabt hätte, dem Ringrichter eine Rote Karte zu überreichen, mit der er den Abbruch anregt, noch Referee Ian John-Lewis (siehe Interview), noch Briggs’ Ecke setzten die Gesundheit des Kämpfers an erste Stelle.

Klitschko-Trainer Fritz Sdunek, der seinen 109. WM-Kampf als Coach bestritt, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ecke von Briggs. „Mir als gegnerischem Trainer hat Briggs schon leid getan. Ich hätte den Menschen vor den Boxer gestellt und das Handtuch geworfen, wenn einer meiner Schützlinge derart Prügel eingesteckt hätte“, sagte Sdunek, „ich hätte nicht gedacht, dass derart brutale Kerle in seiner Ecke stehen, die einfach geschehen lassen, was da ablief. Vitali muss ausblenden, was da passieren kann. Aber die Leute in der Ecke müssen einen schützen. Dafür sind sie da.“

Am Samstag war niemand da, der Briggs schützte. Ein kollektives Versagen aller Verantwortlichen hätte fast zu einem weiteren Todes-Drama im Boxsport geführt. Kann man nur hoffen, dass das Drama um Briggs nicht zur Tragödie wird und dass man aus dem Versagen Lehren und Konsequenzen zieht.

Matthias Kerber

 

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