Maximilian Dorner „Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt!“

Der Münchner Schriftsteller Maximilian Dorner und sein Rollstuhl. Foto: Conny Mirbach Foto: Conny Mirbach

„Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt!“ von Maximilian Dorner gibt Einblicke in das Leben mit Behinderung – und macht klar, dass wir alle betroffen sind

 

Das Anziehen der Hose wird für ihn zum Martyrium. Stehpartys sind schwer durchzuhalten. Jeder kaputte Aufzug ist eine Herausforderung. Für Maximilian Dorner ist das der Alltag. Der 45-jährige Schriftsteller und Dramaturg erkrankte 2007 an multipler Sklerose. In der Zwischenzeit ist der Rollstuhl ein Teil von ihm. Einer, der häufiger Reparaturen benötigt, als man glaubt.

Sonderbehandlung im KVR

Unter anderem davon erzählt er in seinem neuen Buch „Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt!“. Es ist über weite Stellen unerwartet lustig. „Mir lag daran, beides zu zeigen“, sagt er selbst dazu. „Die Momente wirklicher Verzweiflung, aber auch die Momente der Banalität“. Dazu gehört das tägliche Abarbeiten am eigenen Beinkleid. Aber auch die vermeintlichen Vorteile können unangenehm sein. „Einmal habe ich das im Kreisverwaltungsreferat erlebt. Ich habe mich schon aufs Warten eingestellt, kaum mein Buch ausgepackt, da wurde ich schon von einer Mitarbeiterin angeraunzt, warum ich mich nicht melde. Dann hat sie wirklich alle anderen weggescheucht. Da musste ich mich in diese Sonderbehandlung fügen“.

Humor und Melancholie, Wut und Optimismus

Dorner versteckt sich nicht hinter Selbstironie. In seinem Humor und seiner Melancholie, in Wut und Optimismus ist er immer ehrlich.

Seine Karriere als Schriftsteller startete 2007 mit dem historischen Roman „Der erste Sommer“, davor war er für „Die Welt“ und den Bayerischen Rundfunk tätig. Zum ersten Mal verarbeitete er seine Krankheit ein Jahr später in „Mein Dämon ist ein Stubenhocker“. Es folgten weitere Bücher wie „Lahme Ente in New York“ und „Ich schäme mich“.

Aber ihm geht es nicht nur um sich, sondern um die ganze Gesellschaft. „Es ist kein Thema einer Minderheit. Zwei Drittel aller Behinderungen sind erworben. Ich will Leute nicht erschrecken, sondern zeigen, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen“.

Der Hass-Lift am Rosenheimer Platz

Die knapp 200 Seiten sind voll von diesen Wahrheiten, die eigentlich so nahe liegen. Auch, dass jeder Mensch mit Behinderung ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen ist. Die Vorstellung einer homogenen Community ist absurd. „Auch über das Thema, wie Behinderte miteinander umgehen, muss man sprechen. Der Riss zwischen Menschen mit angeborener und erlangter Behinderung ist größer, als man denkt. Ich selbst habe ja 35 Jahre ohne Behinderung gelebt und fühle mich Nichtbehinderten näher“.

Valentinesk: Dauernd kaputt, aber eine Auslastung von 97 Prozent? 

Wenn es um den alltäglichen Wahnsinn geht, sind vor allem Aufzüge ein dauerhafter Feind. Dorners liebster Hass-Lift befindet sich auch gleich in der Nähe seiner Wohnung am Rosenheimer Platz. „Der Lift ist alle drei Wochen kaputt. Das habe ich auch mal der Bahn geschrieben. Doch mir wurde gesagt, ich solle mich nicht aufregen, schließlich hat er eine Auslastungsquote von 97,6 Prozent.“

Karl Valentin hätte es sich nicht besser ausdenken können. Am Marienplatz geht es gleich weiter. „Da gibt es zwar mehrere Aufzüge, aber es wird nicht erklärt, welche man nutzen muss. Mit einem Lift kommt man nicht Richtung Ostbahnhof. Wenn man den richtigen hat und der kaputt ist, muss man zum Stachus fahren und von dort aus wieder zurück. Und das steht nirgends“. Auf die Frage, wie die allgemeine Situation in München für Rollstuhlfahrer ist, kann Dorner nur entgegnen: „Wenn man erzählt, in München sei es besonders schlimm, wird einem gesagt, in Hamburg sei es genauso“.

Nachdenken? Handeln!

Viel wird über Inklusion geredet, in der Realität ist der Nachholbedarf groß. So ist „Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt!“ ein wichtiges Buch, das nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln auffordert. Was bitter nötig ist, betreffen kann dieses Thema schließlich uns alle. 

Maximilian Dorner: „Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt! Behinderung ist Rebellion (btb Verlag, 192 Seiten, 16 Euro)

 

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