Max von Thun im Interview "Meine Eltern standen mir nie im Weg"

Max von Thun entdeckt als Vater den Spießer in sich Foto: ddp images

Nicht nur ist Max von Thun ist Schauspieler, Vater und Schwester sind ebenfalls in der Filmbranche tätig. Ob er seinen eigenen Sohn vor die Kamera holen würde und wie ihn die Vaterschaft verändert hat, verrät er im Interview.

In Michael Verhoevens neuem Film "Let's Go!" (am 8. Oktober, 20:15 Uhr im Ersten) will Thomas (Max von Thun) Laura (Alice Dwyer) den Hof machen - doch deren Eltern, beide Überlebende eines Konzentrationslagers, wollen ihre Tochter auf keinen Fall einem nicht-jüdischen Deutschen überlassen. Sich in die Beziehungen ihrer Tochter einzumischen ist nicht das Einzige, was die tief traumatisierten Eltern ihrer Tochter antun. Als diese nach dem Tod ihres Vaters in den Heimatort ihrer Kíndheit zurückkehrt, reißen alte Wunden wieder auf.

Mit viel Gefühl und einem großartigen Schauspieler-Ensemble wirft Regisseur Verhoeven einen scharfen Blick auf das jüdische Nachkriegstrauma und orientiert sich dabei an Laura Wacos autobiografischer Erzählung "Von Zuhause wird nichts erzählt". Dass die Nachwehen der Nazizeit auch heute noch spürbar sind, musste Darsteller Max von Thun (37) am eigenen Leib erfahren, als seine erste große Liebe ihn den Eltern vorstellte. Wie er die Situation erlebte und welche Erfahrungen er als Deutscher im Ausland machte, erzählt er spot on news im Interview.

Haben wir als Land das Nachkriegstrauma mittlerweile überwunden?

Max von Thun: Mit Sicherheit zu einem weiteren Grad, als dass man daraus gelernt hat. Es gibt ja mit der NPD und anderen Gruppen immer noch genug rechte Tendenzen in diesem Land. Wirklich gelernt haben viele scheinbar nicht.

Müssen wir deswegen immer wieder an diese Zeit erinnern?

von Thun: Ich kann nur von mir selbst sprechen. Ich war auf einer internationalen Schule und hatte in meinem Jahrgang 46 Nationen. Für mich war es nie ein Thema, welche Hautfarbe oder Religion jemand hat. Auch in meinem Freundeskreis spielt das keine große Rolle. Aber es schadet nie, immer wieder zu erinnern, und ich finde es schön, wenn es in Form eines Filmes geschieht, der einen auf eine Reise mitnimmt, einen zum Nachdenken bringt und einen dazu zwingt, sich auf die eine oder andere Art mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Neben Filmen tragen auch der Geschichtsunterricht und Geschichten aus der Familie zum Erinnern bei. Was wissen Sie von ihrer Familie während dieser Zeit?

von Thun: Meine Familie lebte über 300 Jahre lang in Böhmen, also im heutigen Tschechien, deswegen sind sie ganz anders mit der Geschichte konfrontiert worden. Erst als die Deutschen einmarschiert sind, ist das wirklich ein Thema geworden. Mein Großvater hatte die tschechische Staatsbürgerschaft und wurde gezwungen, die deutsche anzunehmen. Nach dem Krieg wurde er deswegen als Deutscher identifiziert, woraufhin er und seine ganze Familie ins Arbeitslager gesteckt wurden, inklusive meinem Vater, der damals drei Jahre alt war.

Sie haben in ihrer Jugend in England gelebt. Dort werden ja immer noch gerne Witze auf Kosten der Deutschen gemacht. Haben Sie in dieser Hinsicht negative Erfahrungen gemacht?

von Thun: Ja, klar. Wenn man sagte, man kommt aus Deutschland, kam als Erstes immer "Heil Hitler". Aber das war eher pubertärer Schwachsinn, Fremdenfeindlichkeit war wie gesagt an der Schule nie ein Thema. Die Engländer machen das ja immer noch gerne. Wenn im Fußball Deutschland gegen England spielt, gibt es da noch heute sehr zweifelhafte Anspielungen in den Zeitschriften.

Müssen wir uns das ein Stück weit auch gefallen lassen?

von Thun: Man kann ja nicht leugnen, was damals passiert ist. Ich finde es nur wahnsinnig schwer, selbst in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen zu sollen. Meine erste große Liebe war eine Französin und halb Tunesierin, deren Vater seine ganze Familie im KZ verloren hat. Und als herauskam, dass seine Tochter mit einem Deutschen zusammen ist, war das ein Riesendrama. Es fühlte sich sehr komisch an, dass ich mich auf einmal für etwas rechtfertigen musste, wofür weder ich noch meine Familie, die ja an einem ganz anderen Ort gelebt hat, etwas kann. Aber allgemein sind meine Erfahrungen im Ausland - und ich reise viel - dass die meisten Menschen einen so nehmen, wie man ist.

Ihr Vater und Ihre Schwester sind ja auch in der Branche. Wird da bei Familientreffen nur über Film gesprochen?

von Thun: Nein, Gott sei Dank nicht. Klar sprechen wir sehr viel über die Arbeit des anderen, aber es gibt auch andere Themen für uns. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich ihm ein Drehbuch gebe und frage, ob ich das machen soll oder nicht. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich in meinem Vater jemanden habe, mit dem ich über die Arbeit sprechen kann. Genauso hat er in mir mittlerweile auch jemanden, der lange genug in der Branche ist, um fundierte Kritik oder fundiertes Lob zu äußern.

Konnten Sie überhaupt etwas anderes werden als Schauspieler?

von Thun: Ich habe schon im Kindergarten diese "Ich will Feuerwehrmann werden"-Phase übersprungen und gleich gesagt, ich werde Schauspieler, ohne genau zu wissen, was das eigentlich heißt. Ich fand es einfach elegant, das als Einziger zu sagen. Später wollte ich dann eine Weile lang lieber Regisseur werden, weil die nicht so viel Text lernen müssen. Ich wusste also sehr früh, dass es zum Film geht, auch wenn ich keine genaue Vorstellung hatte, in welcher Form. Meine Eltern standen mir da glücklicherweise nie im Weg. Ich hätte auch, ehrlichgesagt, ein Verbot gerade von meinem Vater gar nicht akzeptiert. Das wäre ja merkwürdig, einen Beruf auszuüben und dann dem eigenen Sohn den gleichen Beruf zu verbieten.

Wie wäre es denn, wenn der eigene Sohn eines Tages kommt und Schauspieler werden will?

von Thun: Das würde ich ihm natürlich verbieten! Nein, ich hätte kein Problem damit. Womit ich mich schwer tue, sind Kinder beim Film. Es gibt ja genug Kollegen, die das ein bisschen forcieren und die eigenen Kinder gerne vor die Kamera holen. Das würde ich nicht machen. Ich habe oft beim Drehen erlebt, dass es Kinder versaut, wenn sie 30 Menschen um sich herum haben, die alles dafür tun, dass es ihnen gut geht, denn das merken die schnell. Ich hätte also kein Problem damit, wenn er Schauspieler werden will, aber eben ab einem gewissen Alter. Und wenn er die Schule fertig hat. Oh Gott, das klingt so spießig! Seit ich ein Kind habe, ertappe ich mich immer mehr dabei, solche spießigen Sätze rauszuhauen.

Klingt doch vernünftig!

von Thun: Klar ist es vernünftig, aber für mich ist das noch total ungewohnt, weil ich früher nie so geredet habe. Jedenfalls würde ich meinem Sohn nicht im Weg stehen. Das Schöne an meinen Eltern war, dass sie mich ermutigt haben, Dinge auszuprobieren und mir das ermöglicht haben. Und ich hoffe, das bei meinem Sohn genauso machen zu können.

Was macht eigentlich Ihre Musik?

von Thun: Ich bin gerade dabei, Kinderlieder für meinen Sohn aufzunehmen. Ich habe festgestellt, dass er sehr musikalisch ist und ein gutes Rhythmusgefühl hat. Wir musizieren jeden Tag zusammen: Ich spiele Gitarre, und er spielt Mundharmonika. Ich habe ihm ein paar Schlaflieder geschrieben, und zu denen schläft er jeden Abend perfekt ein. Ich finde das schön, weil er auf diese Weise auch etwas von mir bei sich hat, wenn ich nicht da bin. Die Lieder wurden immer mehr, deswegen gibt es jetzt die Überlegung und auch schon Gespräche mit Plattenfirmen, ob ich die vielleicht veröffentliche.

Irgendwann können Sie dann als Vater-Sohn-Duo durchs Land ziehen.

von Thun: Naja, dadurch, dass das im Moment nur Schlaflieder sind, würde sich das für Live-Konzerte weniger eignen.

 

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