Mann tötet fünf Menschen Experte erklärt, wie es zur Bluttat von Kitzbühel kommen konnte

Am Tatort, einem Kitzbüheler Einfamilienhaus, ermittelt die Polizei wegen fünffachen Mordes. Foto: Kerstin Joensson/AP/dpa

In Kitzbühel erschießt ein junger Mann seine Ex-Freundin sowie deren Familie. Ein Traumatherapeut erklärt im AZ-Interview, wie es zu der Tat kommen konnte.

 

München/Kitzbühel - Nach der schrecklichen Tat von Kitzbühel hat die AZ mit Kriminalexperte Christian Lüdke gesprochen.

AZ: Herr Dr. Lüdke, was geht in einem jungen Mann vor, der so eine Tat vollbringt?
CHRISTIAN LÜDKE: Man muss sich einen Menschen vorstellen, der sich denkt: Du hast mir mein Leben zerstört, jetzt zerstöre ich deins. Der aber schon lange – vermutlich schon in seiner Ursprungsfamilie – ein tiefes Ohnmachts- und Versagensgefühl hat. Immer gewinnen die anderen! Immer bin ich der Verlierer im Leben! Dann kommt so eine Trennung und das Gefühl: Schon wieder ich! Erst baut sich Wut auf, dann Rache, dann fehlt nur noch ein Auslöser – wie hier vielleicht der letzte Streit.

War das eine Tat im Affekt?
Nein, so etwas begeht man nicht über Nacht, auch wenn das so aussieht. In seiner Fantasie wird der Täter das einige Male durchgespielt haben ab dem Moment, in dem seine Freundin ihn verlassen hat. Die Bereitschaft, einen Menschen zu töten, entwickelt sich oft über einen langen Zeitraum.

Ohnmachts- wird zu Allmachtsgefühl

Warum aber hat er nicht nur die Ex-Freundin, sondern vier weitere Menschen erschossen?
Das geschieht oft in einem Machtrausch. Durch das Töten wird das Ohnmachts- zu einem Allmachtsgefühl: einmal Herr über Leben und Tod zu sein.

Der Mann wird bislang als unauffällig und eher ruhig beschrieben.
Ich halte das für unwahrscheinlich. Oft merkt man solchen Tätern vorher an, dass sie etwas vorhaben. Sie machen Androhungen, wie: "Die wird ihr blaues Wunder erleben", oder: "Die werden noch alle an mich denken". Es reagiert nur leider niemand darauf.

Warum nicht?
Weil Menschen dazu neigen, Verantwortung gerne abzuschieben auf andere, die einem solchen Menschen vermeintlich näher stehen.

Ließe sich so eine Tat denn womöglich verhindern?
Ja. Indem man einen solchen Menschen anspricht, ihn nicht angreift, sondern sagt: "Ich habe das Gefühl, dass du wütend bist, dass du dich verändert hast." Oft bekommt so ein Mensch durch solche Fragen das Gefühl, dass da endlich jemand ist, der sich für ihn wirklich interessiert. Dann ist er vielleicht bereit, rechtzeitig Hilfe anzunehmen.

 

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