Man hasst oder füttert sie Die Münchner und ihre Tauben - eine ambivalente Beziehung

Vor der Feldherrnhalle füttert die Mutter des Autors, Elsa Stankiewitz, mit den Buben Karl Heinz und Alfred Tauben. Schwester Irmgard trägt sie auf dem Arm. Foto: Archiv Stankiewitz

Man hasst oder man füttert sie: Die Geschichte der Städter und ihrer Vögel erzählt von Postkarten mit Taubenmutterln – und dem ewigen Kampf gegen "Ratten der Lüfte".

 

München - Mögen andernorts Adler, Eulen oder Raben die Wappen zieren – im Münchner Gemüt hat sich ein gefiedertes Tier ganz anderer Art und Wertschätzung eingenistet: die Taube.

Geliebt und gehasst, umsorgt und verfolgt – ein ewiges Dilemma umschwirrt diesen Stadtvogel. Schon 1650, so steht es am 10. September in der Stadtchronik geschrieben, verkündete der Rat den Aufruf, dass man "schwein, tauben, ändten und khönigl etc. in der statt nit haben solle". (Mit letzteren Tieren waren vermutlich Karnickel gemeint). München war doch kein Dorf.

Taubenhäuser sollen gut sein für die Tiere – und für die Menschen

Jetzt, da die winterliche Brutzeit anbricht, ist der Abwehrkampf neu munitioniert worden. Das Umweltreferat bekommt fortan 30.000 Euro jährlich für den Bau von weiteren "Taubenhäusern". 17 sind schon bezogen. Dort soll die maßlose Vermehrung durch Austausch von Eiern eingedämmt werden. "Taubenhäuser sind das Mittel der Wahl, um die Taubenpopulation tierschutzfreundlich beeinflussen zu können," sagt die parteilose Umweltreferentin Stephanie Jacobs. Die Häusl sollen außerdem für hygienische Bedingungen im Umfeld sorgen – "eine Win-Win-Lösung für Mensch und Tier". Das Füttern der gemeinen, verwilderten Straßen-, Haus- oder Stadttauben ist in München wie in vielen anderen Städten schon lange verboten.

Früher hatte man mehr Herz für die "Deiberl". Überhaupt war die Tierliebe der Münchner, insbesondere der Münchnerinnen, von jeher sagenhaft – und ist sie vielleicht immer noch.

Könige unter den Vögeln der Stadt waren immer die Tauben. Wie kaum anderswo wurden sie gefüttert und verhätschelt. So gingen sie hin und vermehrten sich. Symbol für diese Blüte der Tierliebe war das sogenannte Taubenmutterl. Karl Valentin hat es in seiner Bildsammlung von "Münchner Originalen" verewigt und für seine Vorträge notiert: "Eine kleine alte Frau, welche sämtliche Münchner Stadttauben auf ihre Kosten fütterte. Bei ihrem Ruf 'Dauwi, Dauwi' erschienen sofort ihre Pfleglinge."

In den Kriegsruinen machten es sich die Tauben gemütlich

Die kleine Frau hieß Therese Schedlbauer. Geboren wurde sie am 12. Oktober 1853 in einem Dörfchen bei Hengersberg in Niederbayern. Schon im Elternhaus lagen ihr die heimischen Viecherl am Herzen. Im Alter von sieben Jahren soll die Resi acht Hunde, 18 Katzen und jede Menge kränkelnder Vögel betreut haben. Nach dem Tod ihres Mannes verkaufte sie den Hof und zog, wie zahllose Waldler, nach München. Damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, waren Teile der üppig versorgten Stadt bereits zum Tummelplatz großer Trupps von Tauben geworden.

Gut verkauften sich die Ansichtskarten, die das Weiberl beim Füttern der gurrenden Vögel zeigten; sie werden heute noch antiquarisch für fünf Euro angeboten. Die Taubentheres, wie man sie auch nannte, wurde so berühmt, dass sie 1934 auf einem Faschingsfestzugwagen sitzen durfte. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg weitete die Witwe ihr Wirkungsfeld enorm aus. Im Alter von 83 Jahren soll sie täglich 42 Futterstellen besucht haben. Hoch betagt starb sie am 30. August 1940.

Die vom Krieg zerstörten Ruinen besetzten die Tauben als sichere Nistplätze. Binnen kurzer Zeit nahmen sie dermaßen überhand, dass sich allmählich ein Feindbild entwickelte, von dem nur Friedenstauben, Brieftauben und Lapaloma verschont blieben. So wurden aus den fotogenen Täuberln lästige, gefräßige, Kot absondernde, ja mit bösen Keimen behaftete "Ratten der Lüfte".

Dem legendären Taubenmutterl wurde ein Denkmal gesetzt

Die Saubermänner der Stadt, angetrieben von Hausbesitzern und Denkmalschützern, gingen zum Abwehrkampf über. Drahtnetze wurden über alte Fassaden gespannt. Eine strenge Taubenfütterungsverbotsverordnung wurde verkündet. 1978 kam sogar ein Experte aus dem Ruhrgebiet zum Taubenvergiften in die Münchner Parks. Das war freilich nicht mehr die Welt der Therese Schedlbauer, die dennoch unvergessen blieb, ja sogar einige Nachfolgerinnen hatte.

Zur 800. Geburtstagsfeier im Juni 1958 ließ die Vereinsbank in der Maffei-Passage auf eine weiße Säule eine 1,20 Meter große, von Professor Henselmann modellierte Majolika-Figur stellen, die unschwer als "Tauben-Marie" – so die Inschrift – zu erkennen war: mit der gestrickten Rüschenhaube und dem weiten Schurz, in dem sie Futter brachte. Das Denkmal wurde später in einen der Fünf Höfe versetzt, samt idyllischem Brunnen und zwölf Betonhockern.

Auch der Schreiber dieser Zeilen hat früh schon intensiv Bekanntschaft gemacht mit diesen animalischen Mitbewohnern Münchens. Vor dem Krieg war der Spaziergang mit Mutter und zwei jüngeren Geschwistern zum Odeonsplatz ein gewohntes Sonntagsvergnügen. Kaum hatte man als Bub eine körnerbedeckte Hand ausgestreckt, kamen sie auch schon aus den Gewölben der Feldherrnhalle angeschwirrt und pickten, Irmgard kreischte vor Freude und ein Fotograf war immer schnell zur Stelle.

Eines Tages im Hungerwinter 1946 geschah es, dass ich eine Taube fing, schlachtete und sie in Mutters Kochtopf steckte. Jahre der amtlichen und privaten Kämpfe gegen die "Taubenplage" vergingen im Patt. Teile der Altstadt wurden geradezu vernetzt, insbesondere hinter der neugotischen Rathausfassade sitzen manche Angestellte hinter Gittern. Dabei hängt im Großen Sitzungssaal das Kolossalgemälde von Karl Piloty, welches beweist, das Tauben in "Monachia" immer schon Hausrecht hatten.

Das Thema Tauben spaltet die Stadt – findet man in der Verwaltung

2020 will die Stadt nun eine neue Förderrichtlinie beschließen, um sie dann Hausbesitzern, Mietern und Verwaltungen für Anträge vorzulegen. Jedoch: Bisher waren die Erfolge alle dieser tierfreundlichen Tiervertreibung eher dürftig. Die Schwärme der Tauben, sie kommen halt immer wieder. "Zache Luada" – der Volksausdruck klingt fast wie eine Anerkennung, ja, wie heimliche oder offene Liebe.

Auf der anderen Seite bleibt wohl doch abgründiger Hass. Wenige andere Themen, hat Umweltreferentin Jacobs festgestellt, haben die Stadtgesellschaft dermaßen gespalten. Als Betroffener habe auch ich meinen Balkon inzwischen zu sichern versucht. Durch kleine Metallspitzen, wie sie im Handel als "hundertprozentiger, tierfreundlicher Taubenschutz" angeboten werden, sowie durch einen Plastikraben, der die kleineren Artverwandten als deren natürlicher Feind abschrecken soll.

Aber immer wieder überwindet ein Tier sämtliche Balkon-Barrieren und hinterlässt seine unschönen Spuren. Und irgendwo auf dem Hinterhof gurren schon am frühen Morgen dunkle Flattermänner, liebeshungrige Täuberiche, im Chor ihr ewiges Lied wie auf der anderen Hausseite die Isar.

Ich habe fertig. Ich habe kapituliert.


Von Karl Stankiewitz erscheint dieser Tage "Münchner Meilensteine – Ein Reporter blickt zurück auf sein 20. Jahrhundert" im Verlag Attenkofer, 19,90 Euro, erhältlich im Buchhandel oder www.verlag-attenkofer.de

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