Märchenstraße Dornröschens Heimat

Hinter Gottsbüren geht es hinein ins grüne Dickicht des Reinhardswaldes, einem fast unbewohnten wilden Forst mit nur ein paar Dörfern am Rande. Ein schmales Sträßchen führt zu Orten, die wohliges Gruseln lehren. Hier kann man sich verlaufen wie Hänsel und Gretel, kann in die tiefe Stille der Buchenhallen eintreten, wo sich mächtige Kronen zu Kuppeln strecken und Teppiche aus braunen Blättern ausgebreitet liegen. Zwischen meterhohen Farnen raschelt etwas — ein Kobold, eine Fee? Und diese grimmigen Riesen, die im nebligen Dunst knorrig- bemooste Arme ausstrecken? Es sind Deutschlands älteste Eichen, die hier seit rund 800 Jahren allerhand gesehen haben mögen. Dieser Wald ist wie gemacht für Hexen, Wölfe und das ganze Personal der Kinder- und Hausmärchen von Wilhelm und Jacob Grimm.

 

Die Heimat der Grimms bot sich als Kulisse förmlich an

Wer auf deren Spuren unterwegs ist, findet in Nordhessen viele Lebensstationen und stimmungsvolle Orte wie die Sababurg mitten im Reinhardswald. Der perfekte Schauplatz für Dornröschens langen Schlaf schlummerte selbst viele Jahrzehnte unter Efeulaub, bis aus dem landgräflichen Jagdschlösschen wieder ein Märchenort wurde. Nun ranken sich Rosen um einen dicken Turm, laden Prinz und Prinzessin im Schlosshotel zum zauberhaften Schmaus, und die Märchenspiele im offenen Burghof könnten stimmungsvoller nicht inszeniert werden. Dass keines der Grimm’schen Märchen in dieser Burg oder an einem anderen Ort in der hessischen Heimat der Brüder Grimm wirklich gespielt hat, weiß fast jedes Kind, aber dennoch drängen sie sich förmlich als Kulissen auf. Viele Geschichten wurden hier nicht einmal erfunden, aber schon lange erzählt, neben anderen von Hugenotten, die sich als Glaubensflüchtlinge aus Frankreich in Kassel und Umgebung niederließen. Die Nachkommen pflegen das Erbe bis heute auf ihre Art wie in Willingshausen in der Schwalm. Diese welligwogende Region aus Kornfeldern und gemütlichen Fachwerkdörfchen wurde zum Rotkäppchenland ausgerufen.

Schließlich trugen hier Kinder und Frauen über Generationen eine Tracht mit einem roten Käppchen als Kopfputz. Und hier ist die erste Malerkolonie Europas entstanden, ein ländlicher Rückzugsort der Inspiration für Künstler, an dem sich auch der Grimm- Bruder Ludwig Emil häufig aufhielt. Seine Märchen-Illustrationen greifen die heimatliche Landschaft mit ihren Bewohnern auf, und dass bei Besuchen seiner älteren Brüder auch das Märchenerzählen eine Rolle spielte, kann angenommen werden. Also wurde Rotkäppchen kurzerhand adoptiert und rund um Schwalmstadt verortet. Inzwischen gibt es hier Radtouren, Wanderungen, Motorradtouren und Malkurse. Weiter geht es auf der Deutschen Märchenstraße, etwa nach Osten in den Naturpark Hoher Meißner, wo Frau Holle wohnt.

Zwischen Großalmerode und Eschwege liegt das Märchenland des bis auf 754 Meter aufragenden Hohen Meißners, mit Schluchten und Seen, Wiesen und Wäldern, so bezaubernd ausgebreitet, dass gar nicht die Frage aufkommt, ob das wahr sein kann, was hier schon lange erzählt wird: dass eine geheimnisvolle Gestalt — mal erschreckende Alte, mal verführerisches Weib — in den Tiefen des Teiches wohnt und gleichzeitig die Flocken vom Himmel schüttelt wie im Märchen von der Goldmarie. Auch im Naturpark Hoher Meißner wird viel getan für den Mythos. Da geleitet eine Märchenerzählerin mit Häubchen und Henkelkorb Besucherscharen raunend durch den Wald, erhebt sich eine dreieinhalb Meter hohe Holle-Figur am Teich, und lauschige Wanderwege führen zur steilen Felsklippe der Kalbe, z u den Basaltsäulen der Kitzkammer oder zum Sc hwalbenthal, wo nach Schwefel stinkender Qualm aus der Erde quillt. Hier könnte Rumpelstilzchen in einer Erdspalte verschwinden oder des Teufels Großmutter hausen.

Geschichten wurden in behaglichen Salons gesammelt

In diesen Landschaften lebten die Brüder Grimm, und hier sammelten sie ihre Märchen. Sie klopften allerdings nie an die Türen von Taglöhnern und Waschweibern, wie sie gerne glauben machten, sondern sie saßen in den behaglichen Salons oder besuchten Lesezirkel und Gesellschaften. Dort erzählten sich die gebildeten Bürger und Adelige gerne die Geschichten ihres Personals, und die Brüder Grimm schrieben mit oder durchforsteten Bibliotheken. Ein anschauliches Bild dieser Zeit liefert das Brüder-Grimm-Museum im Palais Bellevue in Kassel, der Stadt, in der die Grimms ihre wichtigsten Werke schufen. Hier sind die Kinder- und Hausmärchen entstanden, aber auch die Veröffentlichungen zur deutschen Sprache und vieles mehr, was zum Ruhm Jacobs und Wilhelms schon zu Lebzeiten führte. Die von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erhobene Handausgabe von 1812, mit handschriftlichen Notizen und Korrekturen der Brüder, ist im Museum an der Schönen Aussicht zu finden.

Ein Nachbau der Grimm’schen Bibliothek, biedermeierliches Mobiliar, Porträts und Originale des Malerbruders Ludwig Emil. Die Fahrt übers einsame Land nach Steinau an der Straße geht zu der letzten Etappen auf der Märchenstraße. Hier verbrachten die Brüder ihre schönsten Kinderjahre, und hier erinnert vieles an die Familie. Das stattliche Fachwerkhaus des Amtmannes, in dem die Grimms wohnten, beherbergt heute das sehenswerte Brüder-Grimm-Haus. Auf zwei Stockwerken erfahren Besucher viel über das Leben der berühmten Forscher und Sammler.

 

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